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Tischtennis:Die Nummer eins im Tischtennis kommt aus Deutschland. Aha.

Tischtennis: German Open

Ab Januar 2018 an der Spitze der Weltrangliste: Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov.

(Foto: dpa)
  • Dimitrij Ovtcharov führt ab Januar die Tischtennis-Weltrangliste an.
  • Kann Tischtennis auf einen Boom hoffen wie einst im Tennis oder Handball? Verband und Klubs sind da skeptisch.

Von Martin Wallentich

Der Jahreswechsel beendet 2467 Tage chinesische Vorherrschaft im Tischtennis. Mit Dimitrij Ovtcharov steht ab Januar ein deutscher Athlet an der Spitze der Weltrangliste, erstmals seit Timo Boll 2011. Mehrere Turniere hat Ovtcharov gewonnen in diesem Jahr (auch wenn er am Sonntag das Endspiel des Finalturniers der World Tour verlor), bestes Beispiel: den jahrelang von Chinesen dominierten World Cup, durch einen Sieg im Finale gegen Boll.

Dem deutschen Tischtennis geht es in der Spitze also gerade ziemlich gut. Doch was bedeutet dieser Erfolg für die Sportart an sich in Deutschland? Viele Sportarten haben in der Vergangenheit ja vom Erfolg eines einzigen Athleten oder einer Mannschaft profitiert. Das Tennis etwa, nachdem Boris Becker das Wimbledon-Finale gewonnen hatte, 1985 war das. Oder der Handball, nach dem WM-Titel 2007. Und nun, auch Tischtennis?

Richard Prause ist der Sportdirektor des Deutschen Tischtennisbundes, er sagt: "Das Jahr 2017 war für Deutschlands Tischtennis natürlich ein herausragendes Jahr." Er kann auf den Sieg von Ovtcharov bei den German Open (eines von 13 Turnieren der World Tour) verweisen und auf die Weltmeisterschaft in Düsseldorf im Mai. Zwar holten beim Heimturnier weder Ovtcharov noch Boll eine Medaille, andererseits besuchten knapp 60 000 Zuschauer das einwöchige Turnier. Im Tischtennis ist das eine ganze Menge - vor allem, wenn man bedenkt, dass zu Bundesligaspielen oft nur ein paar Hundert Menschen kommen.

Andererseits gab es da ein paar Dinge, die nicht ganz so herausragend liefen, im Jahr 2017, eigentlich seit vielen Jahren schon. Es war ja nicht so, dass im Fernsehen Tischtennis rauf und runter gelaufen wäre, im Gegenteil. Es ist das typische Leid der Randsportarten, also fast aller Sportarten, die nicht zufällig Fußball heißen: Selbst die wichtigeren Turniere laufen meist nur in Spartenprogrammen, wenn überhaupt. Prause hofft, dass sich das durch die jüngsten Erfolge ändert: "Ich glaube, da ist eine Diskussion notwendig, um solche Sportarten dann auch tagtäglich in die Berichterstattung mit einzubeziehen."

Die Zahl der Mitglieder in den Klubs ist gesunken

Er sagt aber auch, dass sein Verband etwas beitragen könne: "Es ist unsere Aufgabe, unsere Events gut zu präsentieren. Wir müssen schauen, dass wir sehr guten Sport liefern und auch gute Konzepte Drumherum entwickeln." Als Beispiel hierfür führt Prause die German Open an, die Veranstalter hatten sich ein Unterhaltungsprogramm überlegt. Sogenannte Fun Parks, in denen Besucher selbst spielen konnten. "Wenn sich da dann der eine oder andere denkt, das möchte ich regelmäßig spielen, dann ist das genau so ein Effekt, der dadurch erreicht werden soll." Doch ob ein paar Fun Parks eine ganze Sportart aufwerten können?

Man kann die Frage, ob sich durch die Erfolge 2017 ein Boom ergeben hat, auch mit einem Blick auf Zahlen beantworten. 2016 hatten die Tischtennisvereine in Deutschland fast 561 000 Mitglieder, 2017 waren es rund 553 000. Das ist noch kein großer Verlust, eine Tendenz aber sehr wohl

Anruf bei Max Veith. Er ist der Team-Manager des TTC Frickenhausen, 40 Autominuten von Stuttgart gelegen. Wer ein Stimmungsbild aus dem Tischtennis braucht, ist in Frickenhausen tendenziell richtig, beim Fünftplatzierten der zweiten Liga. Frickenhausen könnte man einen regional verwurzelten und sehr durchschnittlichen Klub nennen, wenn man davon absieht, dass der Klub 2006 und 2007 Deutscher Meister war. 2010 stieg der Klub in die zweite Liga ab, 2015 nach zwischenzeitlichen Wiederaufstieg erneut. Grund: Die Finanzen.

Veith sagt, dass von einem Zuschauerboom nicht die Rede sein kann. Die offiziellen Zuschauerzahlen der drei jüngsten Heimspiele: 200, 110, 100. Veith findet, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Sportart öfter zeigen könnte, aber er weiß auch, dass "viele andere Sportarten dieses Problem teilen." Ist Tischtennis attraktiv genug für Zuschauer? Ja, findet Veith, sowohl in den Ligen als auch international gebe es keine allzu dominanten Teams oder Spieler mehr, das mache den Sport spannender. Dennoch wünscht er sich Anpassungen innerhalb der Sportart, vor allem in der Bundesliga. "Man sollte wie auch in der Zweiten Bundesliga auf zwei Tischen spielen", sagt er, auch Doppel wünscht er sich in der ersten Liga - bislang gibt es sie nur in der zweiten.

Für Deutschlands Tischtennisprofis um das Spitzenduo Ovtcharov und Boll geht es im kommenden Frühjahr mit den Wettkämpfen weiter, etwa mit der Team-WM im schwedischen Halmstad. Auch die deutschen Veranstalter und Vereine werden im kommenden Jahr einen Kampf führen: um Popularität und Anerkennung, auf vielen Ebenen, von Halmstad bis Frickenhausen.

© SZ.de/chge/dd

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