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Synchronschwimmen:Im Eiltempo

Schwimm-Europameisterschaft in Ungarn

Verbunden in ihrem Olympiaziel: Die deutschen Synchronschwimmerinnen Michelle Zimmer (li.) und Marlene Bojer.

(Foto: Tamas Kovacs/dpa)

Das deutsche Synchronschwimm-Duett Marlene Bojer und Michelle Zimmer lässt sich auch von einem kaputten Unterwasser-Lautsprecher nicht irritieren - und zeigt bei der Europameisterschaft eine starke Generalprobe für die Olympia-Qualifikation in vier Wochen.

Synchronschwimmen ist ein hochkomplexer Sport, der unglaublich viele Disziplinen vereint: Ballett, Turnen, Schwimmen und Gymnastik muss mit extremem Rhythmusgefühl, Ausdruck, Synchronität, Kondition (mit langen Unterwasserperioden), Kraft, Ausdauer und Musikalität verwoben werden. Das Schminken oder das Anrühren der Gelatine, die die Haare im Wasser betonhart werden lässt, damit ja keine Strähne ins Auge fällt? Ist dagegen fast schon Routine für die Duette, auch bei der Europameisterschaft in Budapest, wo Marlene Bojer von der SG Stadtwerke München und ihre Berliner Partnerin Michelle Zimmer gerade Geschichte geschrieben haben, zumindest ein bisschen.

Das erst im Herbst neuformierte Duett kam in der Technischen Kür mit 82,6499 Punkten auf Platz zehn. Das ist das beste EM-Abschneiden eines deutschen Duetts in dieser Disziplin, die allerdings auch erst seit fünf Jahren ein eigenständiger Wettbewerb bei Europameisterschaften ist. In der Freien Kür wiederholten Bojer und Zimmer am Freitag dieses Kunststück, kamen auf Platz elf und steigerten sich nochmals bei der Benotung durchs Kampfgericht: 82,7000 Punkte standen auf der Tafel. "Wir hatten mit 83 oder mehr Punkten geliebäugelt, können aber trotzdem nur zufrieden hier rausgehen", sagte Bojer. Auch wenn der Weg in die absolute Weltspitze noch weit ist: Die Europameisterinnen aus Russland gewannen die Freie Kür in 97,9000 Punkten.

Für Bojer und Zimmer, die einzigen deutschen Synchronschwimmerinnen mit Olympiaperspektive, war es der erste große gemeinsame Wettkampf. Das Duett hatte sich erst im Oktober gefunden, nachdem Bojers Partnerin Daniela Reinhardt überraschend zurückgetreten war - ein paar Monate vor der Olympiaqualifikation. Normalerweise dauert es Jahre, bis sich Duette eingespielt haben in diesem Sport. Bojer und Zimmer haben es nun aber geschafft, in extrem kurzer Zeit zueinanderzufinden, mit einer völlig neuen musikalischen Untermalung: "A big part of a big sun", heißt das Stück, es ist ein Song der französischen Elektromusik-Künstlerin Delaurentis. Mit ihrer Choreografie wollen sich Bojer und Zimmer Mitte Juni in Barcelona bei der schon zweimal verschobenen Qualifikation eines der sieben verbliebenen Tickets für die Spiele in Tokio sichern. Gelingt ihnen das, wäre es die erste Olympia-Teilnahme deutscher Synchronschwimmerinnen seit 1992.

"In beiden Küren haben wir noch Luft nach oben, können Elemente höher springen und im Mittelteil noch dynamischer sein."

Die EM war nun eine Art Generalprobe für diesen entscheidenden Wettkampf - und zugleich ein Sprung ins kalte Wasser für Bojer und Zimmer, denen viel Wettkampfpraxis fehlt. Am Montag hätten sie eigentlich als 19. und letztes Duett in die Technische Kür starten sollen. Doch der erste Auftritt verzögerte sich um einen Tag, nachdem der Wettkampf nach elf Paaren abgebrochen worden war: Ein Unterwasser-Lautsprecher hatte nicht richtig funktioniert. Die Athletinnen hören die Musik auch unter Wasser, um im Takt möglichst synchron zu schwimmen. "Wenn die Musik ausfällt, ist das sehr irritierend", sagte Bundestrainerin Doris Ramadan.

Am Dienstag kamen sie dann doch noch an die Reihe, zogen ins Finale ein, auch die Freie Kür klappte gut, wenn auch nicht so perfekt, wie Bojer es sich erträumt hatte: "In beiden Küren haben wir noch Luft nach oben, können Elemente höher springen und im Mittelteil noch dynamischer sein", sagte sie. Andererseits müssen sich neue Duette erst einmal bei den Punktrichtern beweisen. Knapp 83 Punkte können sich deshalb sehr gut sehen lassen, sie sind ein starker Wert. Und abgesehen von den Japan Open in Tokio die höchste Punktzahl, die Bojer je erzielt hat.

Sightseeing in Budapest ist für sie und Zimmer nun trotzdem nicht drin in Budapest, die EM-Blase ist hermetisch abgeriegelt, bewegen durften sie sich auch nach ihrem letzten Wettkampf nur im Hotel. Das deutsche Duett hat sich am Abend vor dem Rückflug nach München daher ein etwas anderes Freizeitprogramm ausgedacht, ein Kinoabend im Hotelzimmer mit Gummibärchen und einem Film, der absolut in ihrem Element spielt: Findet Nemo.

© SZ/lein
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