Sportpolitik:Debatte über Geld und Medaillen

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Der Verein Athleten Deutschland regt einen gesellschaftlichen Diskurs über Sinn und Zweck der Spitzensportförderung an. Im Mittelpunkt soll die Frage stehen: "Warum ist es uns das wert?"

Gina Lückenkempers scharfe Kritik an der Sportförderung schlug nach der Leichtathletik-WM hohe Wellen. Nun fordert der Verein Athleten Deutschland eine Grundsatzdebatte über Sinn und Zweck des Spitzensports, die das Prinzip "Mehr Geld, mehr Medaillen" kritisch überprüfen soll. "Warum ist es uns das wert?", so heißt das Analysepapier, mit dem die Sportlervertretung Athleten Deutschland die Diskussion über die künftige Verteilung der Milliarden Fördermittel vorantreiben will.

"Wir Athletinnen und Athleten wissen, dass Erwartungen an unsere Förderung geknüpft sind. Diese wollen wir jetzt in einem breiten Dialog gemeinsam mit Politik, Wissenschaft, Praxis und der Bevölkerung neu festlegen", sagte Karla Borger, Präsidentin von Athleten Deutschland: "Den Wert sportlicher Höchstleistungen, wie aktuell nur an Medaillenerfolgen zu messen, greift zu kurz."

Die 85-seitige Analyse, am Montag veröffentlicht, wurde bereits an Entscheidungsträger aus Sport und Politik verschickt, pünktlich zur Sportministerkonferenz, die am Dienstag in München stattfindet. "Wir möchten damit den Elefanten im Raum auf die sportpolitische Agenda heben", heißt es im Papier. Maximilian Klein, Beauftragter für internationale Sportpolitik bei Athleten Deutschland, glaubt, dass bei den führenden Köpfen "Offenheit besteht".

Das derzeitige Verfahren stößt bei den Athleten auf Kritik: "Die Mittelverteilung, so wie sie im Rahmen der Leistungssportreform vorgesehen ist, bedeutet eine undifferenzierte Optimierung von Erfolg", heißt es in dem Papier. Der Nutzen für die Gesellschaft, die "Gemeinwohlsteigerung", werde nicht in den Blick genommen. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere hatte die Reform vor sieben Jahren auf den Weg gebracht - mit dem Ziel, mehr Medaillen zu gewinnen. Seitdem fließt mehr Geld: bis zu 1,2 Milliarden pro olympischem Zyklus allein vom BMI.

Doch trotz immenser Steigerung der Bundesmittel haben sportlicher Erfolg und Medaillenausbeute Deutschlands im Weltsport abgenommen. Daran hat auch die 2016 eingeleitete Leistungssportreform bislang nichts geändert. Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio gab es so wenig Medaillen wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Bei den Winterspielen 2022 in Peking stagnierete die Bilanz. Zuletzt erlebten die Leichtathleten bei der WM in Eugene ein Zwei-Medaillen-Fiasko.

Gegen die massive Kritik an den Leichtathleten wehrte sich Lückenkemper, die über die Sportförderung sagte: "Wenn man schon gut ist, wird man auch gut gefördert. Aber solange man sich auf dem Weg dorthin befindet, ist es schwierig."

Doch die Debatte reicht viel weiter. "Weil andere Nationen auch massiv in Spitzensport investieren, manche Athletinnen und Athleten dopen oder ohne Rücksicht auf Verluste gedrillt werden, ist es schwierig in manchen Disziplinen noch mitzuhalten", merkte Athleten-Geschäftsführer Johannes Herber an. In manchen Sportarten werden Mittel investiert ohne die realistische Aussicht auf Medaillen. Gerade hier braucht es für die Zukunft eine neue, belastbare Legitimation. Dafür fordern die Athleten einen gesellschaftlichen Konsenz. Der gewünschte Gesellschaftsvertrag, so steht es in der Analyse der Athletenvertretung, könne "eine Änderung der Förderrichtlinien" oder "sogar einen eigenen Gesetzgebungsprozess für ein Sportfördergesetz bedeuten".

Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hat ein Zukunftskonzept für den Spitzensport zum Jahresende versprochen inklusive öffentlicher Anhörung zur Förderung. Aus Faesers Fraktion im Bundestag gab es am Montag prompt Zuspruch. Es sei "mehr als überfällig, so Sabine Poschmann, sportpolitische Sprecherin, "eine aufrichtige Debatte zur Rolle des Spitzensports für die Gesellschaft zu führen und eine neue Verständigung über die konkreten Ziele der Leistungssportreform herbeizuführen." Welche Faktoren bei der Verteilung genau zur Hand genommen werden sollen, wird die folgende Debatte zeigen. Breitensportthemen wie Integration, Gesundheitsförderung oder soziale Kompetenzen dürften dazugehören.

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