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Sport in den USA:Schmutzige Tricks

Schmiergeld, übertriebener Drill, gedopte Studenten: Zahlreiche amerikanische Universitäten brechen mit ihren Sportfakultäten die Regeln, um erfolgreich zu sein.

Jürgen Schmieder

Über den möglichen Skandal sprach am vergangenen Samstag kaum jemand. Mehr als 109.000 Fans feierten im Stadion der Universität von Michigan den 31:7-Erfolg der Football-Mannschaft beim ersten Saisonspiel, als würde es die Anschuldigungen nicht geben. Dabei steht die Universität, die sportlich und akademisch zu den angesehensten in der Vereinigten Staaten gehört, erneut im Verdacht, die Regeln des Unisport-Verbandes NCAA verletzt zu haben. Mehrere Spieler des aktuellen Kaders hatten in der Tageszeitung Detroit Free Press angegeben, dass sie von den Verantwortlichen dazu gezwungen wurden, mehr zu trainieren als von der NCAA erlaubt.

Sport besitzt einen hohen Stellenwert an amerikanischen Universitäten. Es geht nicht nur um Körperertüchtigung von Studenten, es geht vor allem um das große Geschäft. Mehr als 100 Millionen Euro setzt die sportliche Fakultät der University of Michigan in verschiedenen Sportarten pro Jahr um, gerade wird das Football-Stadion für 180 Millionen Euro umgebaut. Für eine Amateur-Mannschaft wohlgemerkt. Die Universitäten haben hochdotierte Sponsoren- und TV-Verträge, die sie nur dann rechtfertigen können, wenn die Mannschaften erfolgreich sind. Aus diesem Grund operieren zahlreiche Sportfakultäten am Rande der Regeln oder umgehen sie.

Im aktuellen Fall der University of Michigan geht es um die Anzahl der Stunden, die für das Training aufgewendet werden. 20 Stunden pro Woche sind das während der Saison, acht in der spielfreien Zeit. Während der Semesterferien wird gar nicht trainiert, die Spieler dürfen sich zu freiwilligen Spielchen treffen, bei denen kein Trainer anwesend sein darf. Die Spieler gaben in dem Interview mit der Zeitung nun an, dass sie oft das Doppelte der erlaubten Zeit trainieren mussten, dass ihnen befohlen wurde, sich "freiweillig zu treffen und zu trainieren" und dass bei diesen Einheiten oft Trainer anwesend waren.

Es wäre ein schwerer Verstoß gegen die Regeln, weil der Amateurstatus der Spieler in Gefahr wäre. "Wir kennen die Regeln der NCAA und haben uns daran gehalten", sagt Cheftrainer Rich Rodriguez - dennoch hat die Universität eine Untersuchung eingeleitet. "Wir müssen die Anschuldigungen genau prüfen", sagt Universitäts-Präsidentin Mary Sue Coleman und beauftragte eine Anwaltskanzlei mit der Aufklärung.

Es ist nicht das erste Mal, dass die University of Michigan in Verruf gerät. Vor wenigen Jahren kam heraus, dass ein Förderer in den neunziger Jahren mehreren Basketballspielern Geld geliehen und deren Eltern Flugreisen bezahlt habe - obwohl es streng verboten ist, dass Studenten oder ihre Angehörigen Geld bekommen. Michigan ist nicht die einzige Universität, die beim Beschummeln erwischt wurde. Die Universität von Alabama etwa bezahlte im Jahr 1999 Tausende von Dollar an Basketballspieler, Moorehouse verpflichtete ein Jahr später ehemalige Fußballprofis, die University of South Carolina dopte ihre Footballspieler mit Steroiden. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht eine der angesehenen Unis im Verdacht steht, Regeln gebrochen zu haben.

Dass den sportlich Begabten die Studiengebühren von bis zu 160.000 Euro für vier Jahre erlassen werden, obwohl sie akademisch nie zugelassen würden, stört kaum jemanden und ist auch im Bereich der Regeln. Darüberhinaus übernehmen Universitäten die Kosten für Miete, Bücher und Essen - auch das ist regelkonform. Beinahe üblich ist jedoch auch, Sportlern akademische Hürden aus dem Weg zu räumen. Das Bereitstellen von Laptops und eines persönlichen Tutors sind noch die harmloseren Hilfestellungen.

Verdorbener Amateursport

Bei der Auswahl der Vorlesungen bekommen Sportler von den academic advisors - eigens von der Sportabteilung eingestellte Berater - eine Liste aller Kurse. Einige davon sind markiert. "Ich würde einen dieser Kurse belegen", sagt der Berater mit einem Augenzwinkern. An der University of Michigan zückte der damalige Footballspieler Braylon Edwards - heute Profi bei den Cleveland Browns - während einer Prüfung seine Unterlagen, um daraus abzuschreiben. Sein Kommentar zum offensichtlichen Betrug: "Die Universität braucht mich mehr als ich die Universität."

Die Anhänger des amerikanischem Universitäts-Sports preisen immer wieder den Amateur-Status der Protagonisten und betonen, dass die Studenten noch wahrhaft Sport treiben würden - im Gegensatz zum Profis, die von Geld und Geschäft verdorben seien. Dabei wird immer deutlicher: Der Sport an den amerikanischen Unis ist ebenso verdorben. Nur stört das kaum einen der mehr als 109.000 Zuschauer, die auch am Samstag wieder ins Stadion von Michigan marschieren werden. Die Football-Mannschaft spielt dann gegen den Rivalen aus Notre Dame.

© sueddeutsche.de/aum
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