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Spitzenspiel in der Regionalliga (1):Einmal Dundee und zurück

v li Luis Zwick 1 FC Schweinfurt 05 Freisteller Einzelbild Aktion 10 08 2019 Schweinfurt; Luis Zwick

„Ich war auf einmal nicht mehr interessant.“ – Nach dem Aus in Dundee spielte Luis Zwick noch für Hansa Rostock, Hertha BSC II und Rathenow.

(Foto: Frank Scheuring/imago)

Schweinfurts Torhüter Luis Zwick wurde auf unkonventionelle Weise zum Profi. Er verschickte ein Bewerbungsvideo - und weckte das Interesse eines schottischen Erstligisten.

Luis Zwick hat die Gesänge immer noch im Ohr. Er weiß noch, welches Gefühl ihn an jenem Dienstagabend vor etwas mehr als vier Jahren beschlichen hat: Er konnte schmunzeln - und es war ein Ansporn, dass die Fans des Dundee FC sangen: "Who are you?"

Es ist Freitag, drei Tage vor dem Regionalliga-Spiel zwischen dem Tabellenzweiten FC Schweinfurt 05 und dem Ersten Türkgücü München, und Zwick, 25, erzählt seine Geschichte. Es ist eine ausgesprochen gute Geschichte, und weil man eine gute Geschichte nicht oft genug erzählen kann, spricht Zwick, Schweinfurts Torwart, immer gerne darüber, wie er es mit einem Bewerbungsvideo in die schottische Premiership zu Dundee United geschafft hat, wie er das Stadtderby gegen Dundee FC und die Gesänge der gegnerischen Anhänger in Erinnerung hat, wie er später im Celtic Park aufgelaufen - und wie er schließlich aussortiert worden ist.

Die Geschichte verrät eine Menge über Zwick selbst, aber auch über den professionellen Fußball. Es geht nicht nur um einen Traum, den sich Zwick auf einem unkonventionellen Weg erfüllt hat - es geht auch um Identität und Status. Um die Frage eben: Who are you?

Die Geschichte beginnt vor sechs Jahren. Zwick war 19 und spielte bei Hertha 03 Zehlendorf. Berlin-Liga, sechstklassig, der Celtic Park war nicht nur geografisch in weiter Ferne. Es ist besonders schwer, einen Berg zu erklimmen, wenn man den Gipfel nicht sehen kann, aber: "Ich wollte unbedingt Profi werden", sagt Zwick, "die Chancen waren gering, aber ich hatte mir das in den Kopf gesetzt." Also ließ er sich bei Trainingseinheiten und Spielen von einem Kameramann begleiten, ein Bewerbungsvideo entstand. "Das war eigentlich gegen meinen Willen", sagt Zwick, "ich dachte, das wird eh nichts, aber mein Vater meinte, wir hätten nichts zu verlieren."

Also schickte er das Video an alle Erst- und Zweitligisten, außerdem an englische und schottische Klubs. Es war ein Spiel mit der Hoffnung, und wie das immer der Fall ist bei solchen Spielen: Es gab Enttäuschungen. Die meisten Vereine antworteten nicht mal. Dann aber: eine Rückmeldung aus Dundee. Uniteds Torwarttrainer wolle ihn sehen, sagte die deutsche Pressesprecherin des Klubs. Also flog Zwick nach Schottland, stellte sich eine Woche lang vor - und warb für sich.

Er erhielt ein Angebot: Er sollte im Internat wohnen und ohne Gehalt in der zweiten Mannschaft spielen. Zwick sah seine Chance, die selbst jetzt noch keine war. "Ich kam als Nichts an", sagt Zwick und meint: als Ersatztorwart der Reserve, als Nummer fünf, als Vertreter des Vertreters des Vertreters des Vertreters.

Die ersten Wochen waren hart. Zwick musste sich ein Zimmer mit einem Mitspieler teilen, er tat sich schwer mit der Sprache und blieb auf dem Rasen immer wieder unter seinen Möglichkeiten. Dann aber wurde er besser und besser - bis die Verantwortlichen ihm Anfang 2015 schließlich eröffneten, von nun an mit ihm zu planen. Trainer Jackie McNamara rief zur neuen Saison einen offenen Dreikampf um den Stammplatz im Tor aus. Zwick setzte sich durch und war plötzlich die Nummer eins. Er debütierte gegen Aberdeen, erlebte das Stadtderby gegen Dundee FC, hörte die Who-are-you-Gesänge und spielte schließlich im Celtic Park. Zwick war jetzt auf dem Gipfel angekommen. Es hatte sich gelohnt, zu Zehlendorfer Zeiten auf der Baustelle seines Patenonkels zu arbeiten, um einen Privattrainer engagieren zu können. Es hatte sich gelohnt, nach den Spielen Proteinshakes statt Bier zu trinken und die Sprüche seiner Mitspieler über sich ergehen zu lassen. Es hatte sich gelohnt, an eine Chance zu glauben, die im Grunde keine war.

Nur: So lange es gedauert hatte, den Weg zu meistern, so schnell war alles wieder vorbei. Der Profifußball, der ihn erst übersehen, ihm dann aber eine außergewöhnliche Geschichte eingebracht hatte, zeigte sich nun von seiner zweiten Seite. McNamara wurde entlassen, der neue Trainer setzte nicht auf Zwick. Jetzt sagt er: "Mit mir wurde gar nicht mal gesprochen. Ich habe durch die Presse erfahren, dass ein neuer Torwart geholt wird. Ich war auf einmal nicht mehr interessant."

Über Hansa Rostock, Hertha BSC II und Optik Rathenow kam Zwick im Sommer nach Schweinfurt - mit der Hoffnung auf die dritte Liga. Die Nullfünfer suchten ja Spieler, die an Chancen glauben. Während Türkgücü für das Tor die in Bayern bestens bekannten Franco Flückiger und Maximilian Engl verpflichtete, fanden sie eine Lösung, die nicht gerade auf der Hand lag. In Schweinfurt ist Zwick gesetzt, er wird auch an diesem Montag (20.15 Uhr, live in Spor1) im Willy-Sachs-Stadion im Tor stehen. Es werden nicht 42 718 Zuschauer kommen wie im Celtic Park, doch es dürfte trotzdem hoch hergehen.