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Snowboard:Österreichs Ersatzliebling

Die Snowboarderin Anna Gasser gewinnt die Premiere des olympischen Big-Air-Wettbewerbs und verzückt damit ihr Heimatland.

Pyeongchang 2018 - Snowboard

Wie ein Wesen aus dem All: Anna Gasser fliegt zu Gold.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die Trösterin Österreichs wusste überhaupt nichts von ihrer nationalen Aufgabe. "Uups", sagte Anna Gasser am Ende ihres letzten von unzähligen Sieger-Interviews in Pyeongchang, "wer hod denn gwunna?" Marcel Hirscher war es nicht. Die ganze Ski-Nation stand nach dem Slalom-Aus des alpinen Favoriten nur Minuten zuvor unter Schock. Da kam die erste Big-Air-Goldmedaille der Olympiageschichte durch die allseits beliebte Snowboarderin gerade recht. "Naja", sagte Gasser, "er hat ja auch schon zwei Goldene." Und sie selbst, das war ihr verständlicherweise deutlich wichtiger, hat nun auch eine.

Sie wagte den Double Cork 1080 - sie nennt den Sprung: "a Zeaner."

Gasser war schon Weltmeisterin mit der nicht zu übertreffenden Marke von 100 Wertungspunkten, sie war Siegerin der X-Games, des Welttreffens der Extremsportler, und sie ist Österreichs Sportlerin des Jahres. Die Auszeichnung bei den Männern erhielt: Marcel Hirscher. Nun ist sie Olympiasiegerin.

Als Gasser am Donnerstag am Kopf einer 73 Meter langen Rampe mit 39 Prozent Gefälle stand, die normale Menschen nicht einmal auf dem Gesäß sitzend herunterrutschen würden, schlug sie alle Ratschläge in den Wind. Sie hätte zwar versuchen können, ihren gelungenen zweiten Sprung noch zu verbessern. Nur zwei von drei Finalsprüngen würden in die Wertung kommen. Aber sie war "ja nicht hier, um dann das Zweitbeste" zu zeigen. Sie hörte auf ihren Bauch. Und der sagte: Wage es! Einen Double Cork 1080, oder, wie sie ihn nennt: "a Zeaner."

Begehrteste Frau mit der besten Geschichte: Für Anna Gasser begeistert sich Österreichs Boulevard, vom Vorarlberg bis ins Burgenland.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Es war ein Nervenspiel. Für ihren Lieblingstrick, erklärte sie, fahre sie "verkehrt an, das heißt bei uns switch, dann springt man rückwärts ab und macht eine Dreifach-Drehung mit zwei Mal überkopf." Die 26-Jährige hat lange geturnt, da hätte man gesagt: einen zweifachen Salto mit drei Schrauben. Er gelang fast perfekt, Gasser verdrängte die Amerikanerin Jamie Anderson im letzten Sprung des Wettbewerbs vom ersten Platz. Sogar die österreichischen Journalisten feierten dies mit La Ola. Zoi Sadowski Synnott, 16 Jahre alt, holte als Dritte die erst zweite Medaille Neuseelands bei Olympischen Winterspielen.

Die begehrteste Frau mit der besten Geschichte war allerdings Gasser, ein Liebling des österreichischen Boulevards von Vorarlberg bis ins Burgenland. Sie hatte im Slopestyle vor einigen Tagen aufgrund starker Winde keine Siegchance gehabt und war darüber einigermaßen sauer gewesen. "Der Wettbewerb hätte verlegt werden müssen", sagte sie, "das hat meine Nervosität für Big Air noch mal gesteigert." Auch deshalb fand sie in der Nacht zum Donnerstag keine Ruhe. "Ich bin um drei Uhr aufgewacht", sagte sie, "ich konnte nicht mehr einschlafen. Ich wollte es so sehr!" Sie erinnerte sich auch an "schwere Zeiten", in denen sie sich "nicht einmal den Flug nach Amerika leisten" konnte. Finanzielle Probleme hat sie aber schon länger nicht mehr.