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Snowboard:Alles cool

"Man muss wohl gute Noten haben, damit die Lehrer einen dann auch mal weglassen." - Leilani Ettel.

(Foto: oh)

Die 13-jährige Leilani Ettel ist deutsche Meisterin in der Halfpipe - gut möglich, dass sie bald bei Olympia antritt.

Das Haus der Familie Ettel bei München wirkt wie das ultimative Paradies für Kinder. Die Außenwände sind hellblau gestrichen, die Möbel im Wohnzimmer zusammengewürfelt, was ein wenig an Pippi Langstrumpfs "Villa Kunterbunt" erinnert. Im weitläufigen Garten stehen unter anderem ein Baumhaus und ein großes Trampolin, um das Grundstück herum viel Natur, der Weg zur Isar hinunter ist nicht weit. Ruhig ist es hier, fernab vom Trubel der Großstadt. Leilani, die älteste Tochter der Ettels, hat also schon früh Gefallen daran gefunden, draußen an der frischen Luft zu sein, eine Stubenhockerin ist sie nicht, sagt sie. Das ließe sich auch nicht mit ihrem liebsten Hobby vereinen.

Ihr Vater war Profi-Snowboarder und 1991 deutscher Meister

Seitdem sie drei Jahre alt ist, steht sie in ihrer Freizeit nämlich am liebsten auf Brettern. Im Sommer fährt sie Skateboard, oder sie nimmt es mit den anderen Surfern auf, die sich am Münchner Eisbach in die berühmte künstliche Welle wagen. Im Winter verbringt sie beinahe jedes Wochenende in den nahegelegenen Alpen. Dort fühlt sie sich zwischen zwei sieben Meter hohen Wänden aus Schnee am wohlsten, und wenn sie sich dann kraftvoll abstößt und durch die Luft fliegt, dann findet sie das "irre cool".

Seit Leilani neun Jahre alt ist, fährt sie Snowboard in der Halfpipe - verständlich. Denn ihr Vater Julian Ettel war selbst Profi-Snowboarder, wurde 1991 deutscher Meister in der "Pipe". Nun ist seine Tochter dreizehn Jahre alt: lange, dunkle glatte Haare, Sommersprossen und ein schüchternes Zahnspangenlächeln. Im März hat sie es dem Vater nachgemacht, wurde in Innsbruck deutsche Meisterin - auch das findet sie "ziemlich cool". Dass viel Potenzial in ihr steckt, hat sie schon 2012 bewiesen, als sie, damals erst zehnjährig, bei den deutschen Meisterschaften Dritte wurde. "Seit damals war es mein Ziel, deutsche Meisterin zu werden. Als ich das jetzt schon mit 13 geschafft habe, war ich schon überrascht."

Natürlich ist sie stolz auf ihren Erfolg, und in ihrer Klasse in der Schule finden die Mitschüler den natürlich auch "cool". Angeben will Leilani damit aber nicht. "Auch wenn ich jetzt keine Titel hätte, würde es mir riesigen Spaß machen." Lieber arbeitet sie ehrgeizig daran, weiterhin zu den besten zu gehören - auch in Französisch, Englisch oder Kunst. Durch das Snowboarden hat sie einiges an Stoff nachzuarbeiten, wenn sie im Trainingslager ist, verpasst sie schon mal zwei Wochen lang den Unterricht. "Das ist zwar anstrengend, aber es lohnt sich. Man muss wohl gute Noten haben, damit die Lehrer einen dann auch mal weglassen."

Manchmal trainiert sie mit den Coaches und ihren Mitfahrern im deutschen Team, unter anderem mit Johannes Höpfl. Der 20-jährige hat sich bereits in der Halfpipe-Szene etabliert, 2012 hat er als einziger deutscher Halfpipe-Snowboarder an den Olympischen Winterspielen von Sotchi teilgenommen. Leilani Ettel bezeichnet ihn als eines ihrer Vorbilder. Dass auch sie bald bei Olympia antritt, hält ihr Vater für "nicht unrealistisch". Die Wettkampfsaison 2014/15 war ein erster Test, "um zu schauen, wie sie sich international schlägt". Erstmals hat sie an Events der sogenannten "World Rookie Tour" teilgenommen, der wichtigsten Wettkampfserie für Boarder unter achtzehn, mit Tourstopps auf der ganzen Welt. In Laax in der Schweiz, bekannt für seine sehr aktive Ski- und Snowboardszene sowie die guten Bedingungen, in Innsbruck und in Oslo ist Leilani gestartet, immer stand sie am Ende auf dem Podium. "Das bedeutet, dass sie zu den Top drei gehört - europaweit zumindest, weltweit müssen wir noch schauen", lobt der Vater seine erfolgreiche Tochter.

Die gibt sich in der Hinsicht zurückhaltender. Schlecht sei sie nicht, und Olympia irgendwann, das wäre schon "cool". Wichtig ist ihr aber, dass sie den Spaß am Fahren und Fliegen bei all den Erwartungen nicht verliert. "Wir versuchen immer, eine schöne Mischung reinzubekommen, dass es nicht nur Training ist", sagt Julian Ettel. Wenn sie im Sommer in der großen Holz-Halfpipe skatet, tut sie das nicht, um Tricks auf dem Snowboard zu perfektionieren, dann geht es einfach nur um den Spaß. Trotzdem glaubt Leilani, dass es ihr einen Vorteil gegenüber reinen Snowboardern verschafft: "Auf Holz darf man nicht fallen, deswegen lernt man, richtig zu landen." Das richtige Brettgefühl sei neben Balance und Kraft wichtig, um in der Halfpipe ein gewisses Niveau zu erreichen.

"Es gehört Mut dazu, eine sieben Meter hohe Wand hochzufahren"

Doch auch der Faktor Überwindung spielt eine nicht unwichtige Rolle, ist ihr Vater überzeugt. "Es gehört schon Mut dazu, eine sieben Meter hohe Wand hochzufahren." Spezifisches Krafttraining macht sie derzeit noch nicht, das wird aber in den nächsten Jahren dazukommen. Falls sie sich wirklich für eine Profikarriere entscheiden sollte. Doch Leilani hat auch schon Pläne, falls es wider Erwarten doch nicht klappt mit der Pipe-Karriere. Man könne ja zum Beispiel auch Skateboard-, Snowboard- oder Surffilme drehen. Das wäre schon auch: ziemlich cool.