Ski-alpin-Weltcup Ohne Blödsinn

Stabile Fluglage: Hannes Reichelt sichert sich auf der Kandahar seinen zwölften Sieg im Weltcup.

(Foto: Alain Grosclaude/Getty Images)

Im Herbst noch Spaziergänger, jetzt Sieger auf der fiesen Kandahar: Hannes Reichelt nährt in Garmisch die Hoffnungen der Abfahrtsnation Österreich für die bevorstehende Weltmeisterschaft.

Von Johannes Knuth, Garmisch-Partenkirchen

Im vergangenen September lag der Skirennfahrer Hannes Reichelt auf einem Operationstisch in Innsbruck, die Ärzte lösten ein Stück Bandscheibe aus seinem Wirbelkanal. Und jetzt? Geht so, sagte Reichelt am Wochenende in Garmisch. Die Therapeuten müssen jeden Abend eine Dreiviertelstunde lang die Anspannung aus seinem Körper treiben. Häusliche Dienste? Gehen auf keinen Fall, sagte Reichelt, er lächelte, "den Geschirrspüler räume ich noch nicht ein". Skifahren im Weltcup? Geht schon wieder ganz gut. Reichelt fuhr am Samstag als Erster die Kandahar hinunter, er sollte die beste Zeit behalten, bis zum Schluss.

Der Samstag meinte es gut mit Hannes Reichelt, Österreich, er meinte es überhaupt gut mit den Abfahrern beim Weltcup in Garmisch, besser zumindest als der Freitag. Am Freitag war es wärmer und die Piste schneller geworden, die Fahrer rauschten flinker auf die Sprünge zu, manche riskierten viel, um sich für die WM einzuschreiben, Garmisch war die Generalprobe. Dabei ist die Kandahar ohnehin finster und schwer zu zähmen, schwerer als die mythenumwehte Streif in Kitzbühel, sagen viele. Am Freitag ergab das eine gefährliche Mischung, drei Piloten stürzten, für Steven Nyman (USA) und Valentin Giraud Moine (Frankreich) ist der Winter beendet. "Ein bissel a schwarzer Tag", sagte Markus Waldner, Rennchef des Ski-Weltverbands. Für den Samstag trugen sie den Kramersprung ab, ansonsten hielten sich die meisten mit Schuldzuweisungen zurück - wohl auch, weil die Bedingungen alle überrumpelt hatten, Jury, Trainer, Fahrer.

Garmisch hatte die Gegensätze des Abfahrtssports mal wieder kräftig ausgemalt: Das Schöne entsteht nur durch das Schwere, das befreiende Gefühl bei der Zieldurchfahrt, weil die Fahrer um die Gefahren und Stürze wissen. Reichelt war am Samstag insofern ein passender Sieger, er hat ja schon alles kennengelernt, die hellen und finsteren Seiten seines Gewerbes.

Andreas Sander wird in der ersten Abfahrt 14. - zu wenig, findet der deutsche Cheftrainer

Hannes Reichelt, 36, ist keiner wie Hermann Maier, der Herminator, keiner wie Klaus Kröll, der Bulle von Öblarn. Er reißt keine Sprüche, er stürzt sich nicht blind ins Risiko, er ist ein vergleichsweise zierlicher Skifahrer, ausgestattet mit feinem Humor und großer Kompetenz fürs Kurvenfahren. Reichelt wurde einst zum Riesenslalomfahrer ausgebildet, er entdeckte erst vor sechs Jahren seine Zuneigung zum Abfahrtssport, der immer kurviger wird. Reichelt kann also viele Kompetenzen aus seiner ersten Karriere einbringen. Er fährt nicht immer die riskanteste Linie, aber die schlaueste, das ist gewinnbringend auf Abfahrten wie der Kandahar, wenn sich viele kleine Gemeinheiten zu einer großen Gemeinheit verketten. Er habe sich vorgenommen, "keinen groben Blödsinn" zu machen, sagte Reichelt am Samstag, und er hat auf diese Weise immer wieder die Abfahrernation Österreich erlöst: 2014 als Sieger auf der Streif, 2015 im Super-G bei der WM, jetzt dieser Sieg eine Woche vor der WM, in einem Winter, in den Reichelts Abfahrtsnation schwer reingekommen war.

Und dass Reichelt nun reüssiert, ist erstaunlich, vor allem, weil vor seinen Taten oft nicht klar war, ob und wann er starten kann, auch vor dieser Saison.

Reichelt hatte 2014 auf der Streif gewonnen, er hatte sich erst eine Viertelstunde vor dem Start entschlossen zu fahren, mit Schmerzdämmern. Später war Österreich zwar erlöst, Reichelt spürte dafür seine Beine nicht mehr. Bandscheibenvorfall. Er wurde operiert, die Winterspiele in Sotschi zogen an ihm vorbei. Im vergangenen Herbst dann die nächste OP, während die Kollegen die Schienen für die neue Saison legten, ging Reichelt spazieren. Er tastete sich in den Winter, wurde 24., 17., Neunter in Kitzbühel, Vierter und Erster in Garmisch. Dass er nun Mitfavorit ist für die WM, sei ihm "wurscht", sagte er. Der Schnee in St. Moritz sei ja ganz anders beschaffen, "schön zum Skifahren, aber schwer zum schnell Skifahren". Und überhaupt sei das Feld in der Abfahrt eng beieinander, "a Wahnsinn", sagte Reichelt.

Für die ambitionierten deutschen Abfahrer lag in dieser Erkenntnis sowohl etwas Gutes als auch etwas Schlechtes, je nach Blickwinkel. In Garmisch hatten sie, in Reichelts Worten, etwas zu viel groben Blödsinn gezeigt, ihr bester Ertrag war Andreas Sanders 14. Platz vom Freitag. Zu wenig, fand Cheftrainer Mathias Berthold. Er sieht ja, wie seine Fahrer die Österreicher im Training oft überbieten - jene Österreicher, die gerade die Rennen auf ihre Seite ziehen. Man befinde sich auf der letzten Etappe zur Weltspitze, "da ist es schwierig, geduldig zu bleiben", sagte Berthold, "wir wollen es im Rennen oft extra gut machen". Seine Reisegruppe für die WM wird wohl drei Abfahrer umfassen, Sander, den zuletzt etwas schwächelnden Josef Ferstl und Thomas Dreßen. Aber Berthold weiß ja auch: St. Moritz ist der nächste Versuch in einem Spiel, in dem sich das Glück oft so schnell wendet wie das Wetter an einem Weltcupwochenende.