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Serie: Die Loyalen (VI):An der Isar gegen den Strom

Obwohl immer mehr Klubs die besten Spielerinnen locken, ist Carina Wenninger seit 13 Jahren beim FC Bayern. Aus Liebe zur Stadt - und zum Verein.

Carina Wenninger überlegt. Sie mag Städte am Wasser. Amsterdam, Barcelona, Lissabon zum Beispiel, dort fühlt sie sich wohl. In Amsterdam hat Wenninger ins neue Jahr gefeiert und vor ein paar Tagen war sie in London mit seiner später in die Nordsee mündende Themse. Auch schön. Aber nein, so wirklich fällt ihr kein anderer Ort ein, zu dem sie eine so enge Beziehung aufbauen könnte, wie zu München. "Das wird ganz schwer. Selbst wenn ich von einer anderen Stadt beeindruckt bin, müsste ich mich ja erst mal so gut einleben wie hier, das kann ich mir kaum vorstellen", sagt sie. "Da müssten sehr viele Faktoren zusammenkommen, dass mir eine andere Stadt so ein gutes Gefühl geben könnte."

Wenninger, 28, hat eher nicht vor wegzuziehen. Was beruhigend für den FC Bayern München sein dürfte, bei dem die Österreicherin seit Jahren eine zentrale Rolle in der Abwehr spielt. Im Januar 2019 verlängerte sie ihren Vertrag bis 2021, wenn sie diesen erfüllt, wird sie 14 Jahre lang beim selben Verein gespielt haben. Schon jetzt ist sie die dienstälteste Fußballerin in der bald 50-jährigen Geschichte der Bayern-Frauen. In der Bundesliga ist sie damit zu einer Ausnahme geworden. So lange bei einem Klub? Das gab es nur selten. Jennifer Zietz spielte 16 Jahre beim 1. FFC Turbine Potsdam, die Nationalspielerinnen Saskia Bartusiak und Kerstin Garefrekes zwölf Jahre beim 1. FFC Frankfurt. Eine derartige Loyalität ist auch deswegen kaum noch vorstellbar, weil die Konkurrenzsituation für die Vereine größer geworden ist. Die Bundesliga hat einst Spielerinnen aus aller Welt angezogen. Inzwischen locken, wie bei den Männern, aber auch andere Länder.

Vor allem England ist mit der ersten Profiliga für Frauen in Europa zum neuen Maßstab geworden. Mehr Geld, mehr Prestige - wer würde da nein sagen? In Kombination wird das zu einer Steigerung des spielerischen Niveaus führen und die Liga dadurch noch attraktiver. Dass auch hier vor allem die Finanzen entscheiden, ist eine Entwicklung, die man kritisch sehen kann. Aufzuhalten ist sie wohl kaum. "Die Bundesliga wird weiter Spielerinnen verlieren, wenn nicht mehr Lizenzvereine einsteigen", sagt Wenninger. "Dass reine Frauenfußball-Vereine neue, finanzkräftige Sponsoren finden und so international mithalten können, wird schwierig."

v li Carina Wenninger FC Bayern München FCB 19 Ewa Pajor Wolfsburg 17 im Zweikampf Duell

Dauerduell mit dem größten Titelrivalen: Seit Carina Wenninger (links) 2007 nach München wechselte, wurde der FC Bayern zwei Mal Meister, der VfL Wolfsburg (rechts Ewa Pajor) fünf Mal. Im DFB-Pokal lautet das Verhältnis eins zu sechs.

(Foto: Sven Leifer/imago)

In England hat jeder große Klub ein Team gemeldet, gerade führt Arsenal London die Tabellen vor Manchester City an. Arsenals Vivianne Miedema ist mit 16 Treffern zweitbeste Torschützin, von 2014 bis 2017 war sie Wenningers Teamkollegin. Manuela Zinsberger, Viktoria Schnaderbeck, Leonie Maier, Jill Roord und Lisa Evans sind den gleichen Weg gegangen: von den Bayern zu Arsenal. Alles Freundinnen von Wenninger. Sie aber ist geblieben.

"Natürlich habe ich auch mal überlegt, woanders hinzugehen. Die Frage nach Veränderung taucht ja in jeder Karriere immer mal wieder auf", sagte Wenninger vor einem Jahr. Und heute: "Ich muss schauen, wie sich meine sportliche Situation entwickelt. Wenn ich in den nächsten ein, zwei Jahren nicht ins Ausland gehe, bleibe ich wahrscheinlich in München. Ich fühle mich hier sehr wohl." Für sie ist es die Mischung aus Stadt und Verein, die sie hier hält, auch wenn es einer erfahrenen und souveränen Fußballerin wie ihr nicht an Angeboten mangeln dürfte.

Die Stadt, weil München für Wenninger Tradition und Moderne verbindet, mit Großstadtflair, aber gemütlich, mit Kultur und der Nähe zur Natur. "Ich habe mit meinen Eltern oft darüber gesprochen, ob ich hier wohl mein Leben verbringen werde", sagt sie. "Ich kann mir schon auch vorstellen, wo anders hin zu ziehen. Aber je länger ich bleibe, desto unwahrscheinlicher wird es." Graz, das ist für Wenninger familiär immer noch ihre Heimat. Als Stadt aber, sagt sie, ist München an diese Stelle gerückt.

Und der Verein, weil er wie zu einer zweiten Familie geworden ist. Als Wenninger 2007 vom LUV Graz zur zweiten Mannschaft des FC Bayern in die Regionalliga wechselte, war sie erst 16. Wenninger hat hier prägende Jahre erlebt, sich als Person und als Fußballerin entwickelt. Als sie 2008 gegen den SC Freiburg ihr Bundesligadebüt gab, trainierte die Mannschaft noch auf dem Sportplatz in Aschheim. Inzwischen nutzt das Team die Anlage des Campus, alles ist professioneller geworden. 2012 hat Wenninger den DFB-Pokal gewonnen, 2015 sowie 2016 die Meisterschaft. Vergangene Saison war das Team lange Zweiter hinter Dauerrivale VfL Wolfsburg, stand im Halbfinale von Pokal und Champions League. Wenninger war eine der prägenden Spielerinnen, gesetzt in jeder Partie. Dass sie sagt, sie müsse ihre Zukunft je nach ihrer sportlichen Situation abwägen, liegt weniger an Gefühlsschwankungen, sondern am neuen Trainerteam.

SZ-Serien "Die Loyalen"

Wechsel sind fester Bestandteil des Sports. Sie finden inzwischen in vielen Sparten in immer kürzeren Abständen statt und sind mit immer höheren Geldsummen verbunden. Aber es gibt eben auch diejenigen, die in der Beständigkeit Spannung finden. In dieser Serie erzählt die SZ von ungewöhnlich lange andauernden Beziehungen zwischen Mensch und Verein.

242 Pflichtspiele hat Wenninger bisher für die erste Mannschaft absolviert. Bis zu dieser Saison hieß ihr Coach neun Jahre lang Thomas Wörle, unter ihm wurde sie Stammspielerin in der Abwehr. Diese Saison hat Jens Scheuer die Mannschaft übernommen. "Das war natürlich eine Umstellung für uns", sagt Wenninger. "Im Sommer ging es wieder von null los: Neuer Trainer, neue Ansätze, neuer Input, ein Perspektivenwechsel. Aber solche Veränderungen helfen einem ja auch, selbst zu wachsen." Die intrinsische Motivation Wenningers, sich weiterzuentwickeln, ist immer noch groß, sie hat nun aber zusätzliches Futter bekommen. Denn mit Scheuer hat sich der Konkurrenzkampf verändert und auch eine Spielerin wie Wenninger muss sich neu beweisen.

"Viele finden es cool, dass ich so lange beim FC Bayern geblieben bin. Weil es untypisch ist, einem Verein so lange Zeit loyal zu sein. Entgegen des modernen Fußballs und den ganzen Wechselgeschichten", sagt Wenninger. "Aber wenn das Gesamtpaket weiter so gut passt, gibt es wenige Alternativen, die an das Ganze herankommen." Der Trainerwechsel ist für sie ein neuer Impuls. Auch das kann ein Anreiz sein, weiterhin bei diesem einen Klub zu bleiben - wenn es zu den Ergebnissen führt, die Wenninger sich vorstellt.

In dieser Woche hat das Training nach der Winterpause begonnen, ab 20. Januar geht es wieder für eine Vorbereitungswoche nach Katar. In der Liga ist das Team Dritter hinter Wolfsburg und Hoffenheim, im Pokal ausgeschieden, in der Champions League wartet Seriensieger Olympique Lyon. Keine einfache Saison. Die Ziele des FC Bayern aber sind die gleichen: national Titel zu gewinnen und sich international unter den Besten zu etablieren. Nichts anderes strebt Carina Wenninger an, in der Stadt an der Isar.

Bisher erschienen: Michael Spatz vom TV Großwallstadt (30.12.), Regine Grübel vom TSV 1860 München (3.1.), Mersad Selimbegovic von Jahn Regensburg (4.1.), Max Straub von den Alpenvolleys Haching (8.1.), die Hockey-Abteilung des Münchner SC (9.1.).

© SZ vom 11.01.2020
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