Schwimmen:Unruhige Zeiten im Becken

Schwimmen: Deutsche Meisterschaft

Normen, Normen, Normen: Die persönliche Saisonbestleistung von 2:08,97 Minuten reichte für Brustschwimmer Marco Koch über 200 Meter nicht. Eine weitere Steigerung traut ihm Bundestrainer Lambertz nicht zu.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Der frühere Weltmeister Marco Koch wird trotz eines Sieges nicht für die Europameisterschaft nominiert. Öffentliche Beschimpfungen unter den Darstellern gab es diesmal nicht - das ist immerhin ein Fortschritt.

Von Saskia Aleythe, Berlin

Marco Koch machte dann einfach sein eigenes Ding. Gut vier Stunden nach seinem entscheidenden Rennen lud der Brustschwimmer über die sozialen Netzwerke Instagram und Facebook ein Foto von sich im Schwimmbecken hoch, garniert mit dem Satz: "Time for a summer break." Zeit für eine Sommerpause also: Koch beendete damit das Rätselraten, ob der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) ihn doch noch für die EM Anfang August in Glasgow nominieren würde - der DSV tat es nicht. Der Verband wollte eigentlich erst am Sonntag eine Mitteilung herausgeben, zog sein Statement dann vor: "Seine Zeit reicht nicht aus", sagte Bundestrainer Henning Lambertz, der zwar eine Steigerung Kochs erkannt hatte, die 2:08,97 Minuten waren ja seine Saisonbestleistung - aber das lag immer noch sieben Zehntel über der EM-Norm. "Eine weitere Steigerung, um in Medaillennähe zu schwimmen, kann nicht unbedingt erwartet werden", schloss Lambertz also. Was ein ernüchterndes Fazit ist für einen Sportler, der vor drei Jahren noch Weltmeister geworden war.

Eine Stunde lang hatte das Nominierungsgremium über seine EM-Tauglichkeit beraten und dann "eine Entscheidung für die Fairness untereinander", getroffen, wie Lambertz sagte. Schon bis Ende April hatten die Schwimmer die Normen erfüllen müssen, 31 hatten das geschafft. Hintertürchen sollte es nur für jene geben, die bei den deutschen Meisterschaften in Berlin herausragende Leistungen zeigen. Koch gehörte nicht dazu. Dafür der erst 19-jährige Ramon Klenz, der über 200 Meter Schmetterling den 32 Jahre alten Rekord von Michael Groß brach.

Öffentliche Beschimpfungen gab es diesmal nicht - das ist ein Fortschritt bei den Schwimmern

Die Jugend ist vor der EM ein bisschen in den Fokus gerückt, vor allem war in Berlin aber zu klären, wie es nun ums deutsche Schwimmen bestellt ist, seit sich bei der WM im vergangenen August deutliche Zeichen der Entfremdung zwischen Bundestrainer und Athleten gezeigt hatten.

So viel vorne weg: Öffentliche Beschimpfungen gab es dieses Mal nicht. Lagen-Schwimmer Philip Heintz war bei der WM im vergangenen Jahr noch sauer aus der Halle gestapft. Damals war Heintz als Dritter der Welt nach Budapest gereist, im Finale aber nur Siebter geworden - seiner Meinung nach, weil er sich nicht optimal vorbereiten konnte. Weil eben diese deutschen Meisterschaft fünf Wochen zuvor waren, wo es darauf ankam, die Normen zu erfüllen. Das schaffte er - war dann aber zum Höhepunkt platt. Ein Modus, der nun geändert wurde: Die Schwimmer durften die Normen binnen drei Monaten erfüllen. Heintz gelang das jetzt schon im April und kehrte nun sichtlich entspannt zurück. Er hatte sich einen Bart stehen lassen, der bei der Jagd nach Zehntelsekunden eher kontraproduktiv ist, aber das war ihm nun egal. Mit einer Zeit von 2:00,88 Minuten schlug er als Meister an, "ich habe mich erst vor zwei Tagen darauf vorbereitet und dafür ist es voll im Rahmen", sagte er. Mit einer Saisonbestleistung von 1:56,67 Minuten fährt er als bester Europas nach Glasgow. "Natürlich spekuliere ich nun mit einer Medaille", sagte er. Mit 27 Jahren gehört er zu den erfahreneren Athleten.

Wie Heintz wird auch Sarah Köhler von Michael Spikermann am Olympiastützpunkt Rhein Neckar trainiert, in Rio war sie eine von den wenigen, die es überhaupt ins Finale geschafft hatten. Die WM im vergangenen Jahr verpasste sie, wurde Opfer des alten Modus. Statt in Budapest schwamm sie dann alternativ bei der Universiade - zwei Mal deutschen Rekord.

Es sind unruhige Zeiten für die Beckenschwimmer geworden, die Olympischen Spiele in London und Rio gingen ohne Medaille aus, was zur Verschärfung der Normen durch den DSV führte - sogar für die anstehende EM müssen Zeiten geschwommen werden, die bei Olympia für Rang acht gereicht hätten. "Das ist unverhältnismäßig", sagt Köhler, die auch Athletensprecherin ist. Geschafft haben diese Zeiten sieben der 32 Glasgow-Fahrer - immerhin vier mehr als im Vorjahr. Die restlichen Athleten dürfen aufgrund guter Staffelzeiten mit oder weil sie jünger sind als 23 Jahre und dann abgeschwächte Normen reichen. Neben Heintz und Köhler werden auch Freistil-Spezialist Florian Wellbrock und Vize-Weltmeisterin Franziska Hentke und Rücken-Spezialistin Lisa Graf zu den Hoffnungsträgern in Glasgow gehören, sie alle haben in diesem Jahr Zeiten geschwommen, die in den Top drei der europäischen Bestenliste vermerkt sind.

Das sind die guten Nachrichten, Problemstellen gibt es aber immer noch. Eine Reduzierung der Bundesstützpunkte steht schon lange im Raum, verbunden mit der Erfordernis, dass Schwimmer ihr gewohntes Umfeld verlassen müssen. Entscheidungen darüber hat der DOSB noch immer nicht getroffen. "Da ist unheimlich viel Unruhe entstanden", sagt Frank Embacher, der einst Paul Biedermann trainierte und nun als sächsischer Landestrainer in Leipzig arbeitet. Der DSV hatte ihm Weihnachten 2016 ein Kündigungsschreiben zugestellt. "Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich in dem Chaos keine Verantwortung mehr trage", sagt Embacher in Berlin. Eine Planungssicherheit wie in anderen Nationen, über einen Olympiazyklus hinweg, gibt es nicht. Stattdessen wechselnde Konzepte und demotivierend hohe Normen, wie Embacher findet. Köhler sieht ebenfalls einigen Nachholbedarf, auch was die Kommunikation zwischen Bundestrainer und Athleten angeht. "Ich kann nicht für alle Sportler sprechen, aber da brauchen wir sicher noch ein bisschen Arbeit", sagt Köhler, "ich hoffe, wir kriegen das auf dem Weg bis nach Tokio hin. Das wäre für die Athleten und die Trainer nochmal eine Erleichterung, wenn man besser miteinander klar kommt."

© SZ vom 23.07.2018
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