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Schweiz:Kitsch pur

Schweiz - Georgien

Hoffnungsträger und Erlöser: Sieben Minuten nach seiner Einwechslung erzielt Cedric Itten das 1:0 gegen Georgien. So genügt der schweizer Elf am Montag gegen Gibraltar ein Punkt, um sich aus eigener Kraft für die EM zu qualifizieren.

(Foto: Valentin Flauraud/dpa)

Im ersten Einsatz für die Schweiz wird Cedric Itten zum Matchwinner beim kargen 1:0 gegen Georgien. Auf der Zielgeraden der Qualifikation hat die Nati das EM-Ticket nun doch noch so gut wie sicher.

Sogar ein Security-Mitarbeiter des Stadions klatschte mit dem Schweizer Angreifer Cedric Itten ab. Er umarmte ihn lange und gratulierte ihm. Denn dieser Cedric Itten hatte zuvor das triste, teilweise trostlose Länderspiel der Schweizer gegen Georgien mit seinem Auftritt aufgehübscht. Sechs Minuten nach seiner Einwechslung hatte der Angreifer das 1:0-Siegtor erzielt und damit die Schweizer EM-Teilnahme 2020 gerade noch so, kurz vor der Zielgeraden der Qualifikation, beinahe sichergestellt. Gegen den kleinen Gegner Gibraltar reicht den Schweizern nun am Montag ein Nullnull.

Itten war daher die große Figur des Freitagabends. Gleichzeitig sprach er in 15 Medienmikrofone, immer wieder erzählte er von seiner "unglaublichen Geschichte". Von der schweren Verletzung nach einem brutalen Foul von Luganos Verteidiger Fabio Daprelà am 23. September 2018, seinem Innen- und Kreuzbandriss, der monatelangen Reha, der Rückkehr, dem guten Saisonstart mit dem FC St. Gallen in der obersten Schweizer Liga. Und, das vor allem, von seinem märchenhaften Einstand im Nationalteam. "Ich kann noch gar nicht glauben, was in den letzten Tagen passiert ist", sagte er. Und zählte gleich selber auf, was das alles ist: "Zuerst das nachträgliche Aufgebot, weil Josip Drmic ausfiel, dann das erste Training, die Einwechslung, das Tor, die riesigen Emotionen. Und das alles hier in St. Gallen, vor meiner Familie, der Freundin, vielen Freunden und Bekannten."

70 Minuten waren am Freitagabend gespielt, als er für Albian Ajeti eingewechselt wurde. "Itten! Itten!", rief das Publikum. Peter Zeidler machte das auch - und neben ihm sein Präsident Matthias Hüppi. Der Schwabe Zeidler ist Ittens Vereinstrainer und ein emotionaler Mensch, der sich gerne mitreißen lässt, wenn sich der Moment dafür bietet. Und so erzählte Zeidler noch am Morgen danach davon. Die Zeitungen hatte er in einem St. Galler Café bereits gelesen.

Am Samstagmittag trainieren die Nationalspieler auf Platz 5 der Sportanlage Gründenmoos, zumindest jene, die am Abend zuvor nicht auf dem Platz gestanden haben. Die anderen sind im Hotel geblieben. Das Murren unter den 300 Zuschauern bleibt deswegen nicht aus. Aber Itten ist da. Und er ist ganz vieles: Lokalheld, Sympathieträger, Aufsteiger des Moments, erfrischend und locker. "Ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben darf", sagt er, "und ich werde mich immer an diesen Abend erinnern."

In Basel konnte er sich als Jugendspieler nicht durchsetzen

Er hat nicht besonders viel geschlafen, dafür ausgezeichnet, und er hat längst noch nicht alle Glückwünsche beantworten können, allein 99 Meldungen sind es auf Whatsapp gewesen. Sein Trikot hat er mitgenommen, es wird einen Ehrenplatz im Wohnzimmer bekommen. Und der Ball, mit dem er getroffen hat, wird ihm noch zugeschickt werden. Itten ist Basler und als Fan des FCB groß geworden. Einst war er selbst Basler Jugendspieler, 2016 gab er mit 19 sein Debüt in der Super League. Doch in Basel konnte er sich noch nicht in der ersten Liga durchsetzen.

Daher band er sich im Sommer 2018 schließlich an St. Gallen. Er spürt Zuneigung, gerade auch nach seiner schweren Verletzung. Zeidler bewundert ihn dafür, wie er die Zeit der Reha meisterte: Itten klagte nie, schaute nur vorwärts und arbeitete, um seinen Traum eines Tages erfüllen zu können - Nationalspieler werden. Einen Monat vor seinem 23. Geburtstag ist dieses Ziel nun erreicht.

Seine Begeisterung wirkt ansteckend, sie steht im Kontrast zu den oft routinierten Wortmeldungen vieler Nationalspieler. Und sie überstrahlt den mühsamen Schweizer Arbeitssieg gegen Außenseiter Georgien. Unter Zeidler hat er sich zu dem Spieler entwickelt, der nicht nur als Sturmspitze zur Entfaltung kommt, sondern auch im offensiven Mittelfeld. "Er denkt und rennt für die Mannschaft", sagt sein Trainer, "das schließt aber nicht aus, dass er das Tor machen will, wenn er die Chance dazu sieht." Gegen Georgien war er entscheidend an der Entstehung des Angriffs beteiligt, den er schließlich selbst abschloss. Er spürte, wohin er den Kopfball nach der Flanke des Gladbachers Denis Zakaria lenken musste. Zeidler findet einen Tag nach diesem Abend immer noch, dass man so eine Geschichte nicht erfinden könne: "Sonst denkt man nur: Das ist Kitsch pur."