Russland Die nächsten Lawinen

Weitere Strafen gegen russische Verbände und Athleten: Im Eisschnelllauf und beim Biathlon werden Weltcup-Rennen an andere Orte verlegt. Außerdem werden zwei namentlich nicht genannte Biathleten suspendiert.

Von Joachim Mölter

Der russische Sport gerät im Zuge der jüngsten Doping-Enthüllungen im sogenannten McLaren-Report zunehmend in die Isolation: Nachdem die Internationale Bob- und Skeleton-Föderation (IBSF) in der vorigen Woche ihre Weltmeisterschaften 2017 aus Sotschi abgezogen und nach Königssee verlegt hat, sind am Donnerstag zwei weitere Wintersportverbände mit ähnlichen Maßnahmen gefolgt. Die Internationale Eislauf-Union (ISU) entzog dem russischen Verband das für 10. bis 12. März 2017 geplante Weltcup-Finale in Tschjeljabinsk; ein neuer Austragungsort ist noch nicht benannt. Und im Biathlon werden neue Ausrichter für die in Ostrow vorgesehene Junioren-WM sowie den nach Tjumen in Westsibirien vergebenen Weltcup gesucht; beide Veranstaltungen wurden vom russischen Verband zurückgegeben. Zumindest lautet so die offizielle Sprachregelung der Internationalen Biathlon-Union (IBU). "Für den russischen Biathlon-Verband ist das der erste wichtige Schritt, der IBU und der Sportwelt zu zeigen, dass er die derzeitige Situation sehr ernst nimmt", wird IBU-Präsident Anders Besseberg aus Norwegen in einer Mitteilung zitiert.

So ganz freiwillig dürfte dieser erste Schritt nicht gewesen sein, gerade im Biathlon hatte der internationale Druck auf Russland in den vergangenen Tagen lawinenartig zugenommen. Nachdem die IBU bekanntgegeben hatte, dass im McLaren-Report 31 namentlich nicht genannte Biathleten aus Russland als dopingverdächtigt aufgeführt sind, darunter auch Olympiateilnehmer von Sotschi 2014, hatten sich zunächst Athleten wie der Gesamtweltcupgewinner Martin Fourcade (Frankreich) kritisch zu Wort gemeldet.

Es folgten mächtige Verbände wie der norwegische oder der tschechische, aber auch weniger bedeutende wie der britische, die den Boykott von Veranstaltungen in Russland forderten, wenn die IBU keine Konsequenzen aus den Ermittlungen des von der Welt-Anti-Doping-Agentur beauftragten Kanadiers McLaren zöge. Die hatten ein systematisches und vom Staat unterstütztes Doping-System ergeben.

Wie dringend der Handlungsdruck "im Licht dieser alarmierenden Erkenntnisse" (so die IBU-Mitteilung) geworden ist, zeigt die Tatsache, dass das zehnköpfige Exekutivkomitee der IBU am Donnerstag, drei Tage vor Weihnachten, zu einer außerordentlichen Sitzung in München zusammenkam, um über Maßnahmen zu beraten, die ein vor zehn Tagen eingesetztes Expertengremium vorgeschlagen hat. Dieses mit fünf Personen aus fünf Ländern besetzte Gremium hatte die Indizien aus dem Wada-Bericht von McLaren überprüft, kam aber in der Kürze der Zeit nicht zu abschließenden Ergebnissen.

Nach sechsstündigen Beratungen verzichtete die IBU deshalb darauf, den russischen Verband und seine Athleten kollektiv zu sperren, wie von einigen Seiten bereits gefordert wurde. Zunächst leiteten Anders Besseberg und seine Präsidiumskollegen nur formelle Verfahren gegen den russischen Verband RBU sowie 29 Athleten ein, eine vergleichsweise milde Form. Lediglich gegen zwei Athleten wurden strengere Disziplinarverfahren auf den Weg gebracht; diese Sportler, Olympia-Teilnehmer von Sotschi 2014, wurden auch vorläufig suspendiert. Namen nannte die IBU in diesem Zusammenhang indes nicht.

"Ein Verdacht allein rechtfertigt noch keine Sanktionen", rechtfertigte Andes Besseberg das Vorgehen: "Wir werden weiterhin einen professionellen Weg beschreiten und alle Optionen berücksichtigen. Dass die Regeln eingehalten werden, muss für alle Seiten gelten, die Unschuldigen ebenso wie die Schuldigen."

Weitere Untersuchungen folgen. Die Fälle sind nicht abgeschlossen

Das Exekutivkomitee beauftragte die Arbeitsgruppe immerhin damit, in Abstimmung mit der Wada weitere Untersuchungen in Angriff zu nehmen. Die Fälle sind also längst nicht abgeschlossen. Auch über neue Austragungsorte für die zurückgegebenen Wettkämpfe soll demnächst entschieden werden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte den Weltverbänden nach der Veröffentlichung des ersten McLaren-Reports im Sommer sowieso empfohlen, vorläufig keine internationalen Großveranstaltungen nach Russland zu vergeben. Die für das Jahr 2021 nach Tjumen vergebene Biathlon-WM bleibt zunächst von allen Sanktionen unberührt.

Der Wada-Chefermittler Richard McLaren hatte erst am 9. Dezember den zweiten Teil seiner Ergebnisse in London veröffentlicht. Das Gros der russischen Sportfunktionäre hatte den Wahrheitsgehalt der Untersuchung kategorisch abgestritten. Der russische Biathlon-Verband hatte zumindest seine Kooperationsbereitschaft versprochen, was auch kein Wunder ist. In der Vergangenheit sind russische Biathleten immer wieder durch Doping-Vergehen aufgefallen.