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Rudern:Das Schweigen der Blätter

2019 World Rowing Championships - Day Eight

Nach langer Pause wieder im Wettstreit mit echten Gegnern: Ruder-Weltmeister Oliver Zeidler.

(Foto: Naomi Baker/Getty Images)

Kaum ein Athlet ist so gut durch die Pause gekommen wie der Einer-Ruderer Oliver Zeidler. Am Wochenende kann er bei der EM seine Form erstmals überprüfen.

Von Volker Kreisl

Dieser kurze Dreh ist wichtig. Diese kleine Bewegung, mit der Oliver Zeidler die Ruderblätter, nachdem er sie durchgezogen hat, wieder aus dem Wasser hebt, während er lauscht. Immer wieder, hunderte, tausende Male pro Training, holt er aus, setzt die Blätter ins Wasser, zieht durch, stemmt sie sachte wieder raus und spitzt die Ohren. Aber da ist kein Plätschern, kein Tropfen, zu hören ist ... nichts.

Die Blätter geräuschlos aus dem Wasser zu heben, sagt Zeidler, "das ist es, was mich so anmacht." Denn es bedeutet, dass seine Technik stimmt, dass er wieder auf dem Weg ist zum perfekten Einer-Ruderer und seine Stellung als bester Skuller der Welt nächstes Jahr in Tokio mit einer olympischen Goldmedaille bestätigen kann. Aber das ist nur die eine Seite dieses Glücks in der Stille. Die andere Freude entsteht dadurch, dass er hier, auf der Regattastrecke ganz in seinem Element ist, weil er außer dem Schweigen der Ruderblätter auch die Natur und alles andere besonders deutlich wahrnimmt.

Rudern ist eine sensible Angelegenheit, es geht darum, auf einem wackeligen Langrumpf die Balance zu halten, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung exakt zu steuern, mit dem Ruder beim Zurückziehen bloß nicht das Wasser touchieren (ein grässliches Geräusch fürs Ruderer-Ohr, weil man damit plötzlich alles verloren hat), und sich die Kraft über 2000 Meter gut einzuteilen. Ein gutes halbes Jahr lang hat Zeidler nun seine Technik wieder aufgebaut, und an diesem Wochenende wird er bei der EM in Posen in Polen sehen, ob er nach der Coronapause wieder der Alte ist, der 2019 Europa- und Weltmeister wurde.

Wegen der Titel ist der Mann aus Schwaig bei Erding für diesen Jahreshöhepunkt der große Favorit. Das liegt zudem daran, dass anders als für die meisten Sportler, Zeidlers Coronapause keine Phase des Abbauens und Zweifelns war, sondern eine Art Geschenk. Das hängt mit der Regattastrecke in Oberschleißheim zusammen, die Zeidler als sein Wohnzimmer bezeichnet. Denn was sonst soll so ein Ort darstellen, an den man sich jeden Morgen um Viertel nach sechs Uhr begibt, wenn sonst niemand da ist, bis auf den Trainer, der auch der Vater ist, und bis auf die Rotkehlchen und Amseln, die in den Bäumen zwitschern?

Die wundervolle Einsamkeit des Ruderers Zeidler entstand auch dadurch, dass es ohnehin eher wenige Top-Einer gibt, die auf dem Wasser ohnehin eine Ruderlänge Abstand halten. Zweier-, Vierer-, und Achterruderer mussten in den ersten Wochen des Lockdowns separat Trockentraining absolvieren. Der Einer aber kann niemanden anstecken, was die Behörden auch recht schnell verstanden. Bald hatte Zeidler eine Ausnahmegenehmigung und die ganze Regattastrecke für sich alleine. Und in Oberschleißheim, sagt Zeidler, "da hast du Bedingungen, die kriegst du in ganz Deutschland nicht."

Die Außenanlagen der Olympiasportstätte von 1972, die Funktionsgebäude und Tribünen, sind zwar veraltet bis baufällig, aber Zeidler rudert ja im Wasser, und Wasser kann nicht verfallen. Im Gegenteil, das Becken bietet ideale Ruderbedingungen. Es ist kein offenes Gewässer, sondern fürs Rudern und Kanufahren gestaltet: relativ schmal, ohne Strömung, windgeschützt und frei von sonstigen Wasserobjekten. Die Ruderkollegen in Potsdam müssen auf ihrem See zum Beispiel mit querenden Segelbooten, Kleinschiffen, Badenden oder auch mal hereinschwappenden Wellen rechnen. Das nervt, "wenn möglich", sagt Zeidler, "sollte man sich nicht ständig umdrehen, um zu schauen, ob die Bahn frei ist", denn Rudern ist ja eine sensible Angelegenheit.

Doch auch die besten Bedingungen, der Frieden des Morgens, das spiegelglatte Wasser, aber natürlich die Momente, wenn am Nachmittag in der zweiten Einheit längst auch Kollegen auf die Strecke gehen, können eines nicht ersetzen: einen echten Gegner.

Einen Widersacher, der einem zeigt, wo die eigene Leistung tatsächlich gerade steht, haben die Ruderer weltweit seit einem Jahr nicht mehr gehabt. Jemand, gegen den man taktieren muss, den man unter Druck setzen oder vielleicht auch in Sicherheit wiegen muss, der einen in den roten Bereich treibt auf den letzten 500 Metern, in jener Phase, in der man weiß, ob das ganze Training im Sommer tatsächlich etwas gebracht hat. Alle Besatzungen des Deutschen Ruder-Verbandes haben daher auf dieses Wochenende und die Medaillenentscheidungen (Sonntag, ab 9.50 Uhr) hingefiebert. Die beiden Achter sind - wie der Einer - dabei besonders im Blick. Die Männer mit Steuermann Martin Sauer prüfen, ob sie ihr altes Tempo, mit dem sie bis zuletzt die Weltspitze beherrscht haben, immer noch aufs Wasser bringen. Die Frauen mit Steuerfrau Larina Hillemann, die noch im Aufbau sind, versuchen eine Art Generalprobe für die Olympiaqualifikation im Mai 2021 in Luzern.

Groß wird die Konkurrenz für Zeidler nicht sein, aber drei Weltklassegegner sind im Einer-Feld doch dabei. Die sind zunächst die beiden anderen EM-Medaillengewinner von 2019, Sverri Nielsen (Dänemark) und Kjetil Borch (Norwegen). Auf ähnlichem Niveau schätzt Zeidler auch den Kroaten Damir Martin ein. Zum Auftakt am Freitag verpasste er aber gleich Platz eins im ersten Rennen und musste in den Hoffnungslauf. Woran es lag, wird er bis Sonntag analysieren, und er wird auch weitere Erkenntnisse erhalten am einzigen Wettkampf-Wochenende 2020.

Schon am Montag wird Zeidler wieder zu Hause sein auf seiner Regattastrecke, und dann ist es für die nächsten fünf Monate auch schon wieder vorbei mit dem direkten Vergleichen, dann kehrt Zeidler zurück in sein Wohnzimmer, in dem er auch im Winter durchrudert und die Blätter geräuschlos eintaucht, Strecke für Strecke, Zug um Zug.

© SZ vom 11.10.2020
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