Robert Kubica Sein Weg zurück

Im Williams kehrt Robert Kubica nach seinem schweren Unfall 2011 nun wieder in die Formel 1 zurück.

(Foto: Clive Mason/Getty Images)

Mehr als acht Jahre nach seinem schweren Unfall ist der Pole zurück in der Formel 1 - in einem unterlegenen Auto, mit einer Beeinträchtigung.

Von Philipp Schneider, Melbourne

Der Weg zu Robert Kubica ist weit, er arbeitet ja für Williams. Wenn die Formel 1 Station macht in Übersee, dann ist das Fahrerlager immer gleich strukturiert. Auf der einen Seite befinden sich die Garagen und dahinter die Rennstrecke. Auf der anderen Seite sind die Motorhomes, die provisorischen Quartiere der Teams. Wer sich auf den Weg macht zu Team Williams, der läuft vorbei an Mercedes. An Ferrari. An Red Bull. An Renault. Haas. McLaren. Racing Point. Sauber. Toro Rosso. An dem Reifenhersteller Pirelli. An dem Motorenlieferanten Honda. Und selbst dann ist man noch immer nicht am Ziel.

Jemand, womöglich ein Witzbold, ist auf die herrliche Idee gekommen, noch einen ausladenenden, schon am Vormittag gut frequentierten Bierstand einer holländischen Pilsmarke zwischen Honda und Williams zu schieben. Als schämten sich die anderen Teams für Williams. Als wollten sie sich absondern. Hinter Williams kommt nur noch ein Zaun. Dann endet die Formel 1.

Hier, ganz am Ende des Fahrerlagers, laufen in Melbourne zwei Erzählstränge zusammen, die sich ähneln. Zwei Geschichten, jeweils getragen von der Erinnerung an eine große Vergangenheit und der Hoffnung auf Wiedererstarken in der Gegenwart. Williams und der Rennfahrer Robert Kubica sind eine Liaison eingegangen. Um sich gegenseitig nach oben zu ziehen. Der Pole Kubica kehrt nach einem schweren Rennunfall und Plackerei im Reha-Studio nach acht Jahren zurück die Formel 1. Williams, das einst sieben Fahrer- und neun Konstrukteurstitel sammelte und im Vorjahr schon als schlechtestes Team der Saison am Tiefpunkt angelangt war (weswegen sein Motorhome auch da steht, wo es steht), will irgendwann zumindest mal wieder dahin, wo es vor vier Jahren noch war: Dritter sein in der Konstrukteurswertung.

Robert Kubica sitzt am Samstagabend vor der Garage von Williams. Am Himmel steht ein zu Dreivierteln voller Mond. Er scheint auf die grünen Schirmchen des Bierstands, unter denen noch immer die Hölle los ist. Kubica lächelt oft, obwohl er eigentlich einen düsteren Arbeitstag hinter sich gebracht hat. Er ist Letzter geworden in der Qualifikation. Er hatte mehr als fünf Sekunden Rückstand auf Lewis Hamilton. Und er war 1,7 Sekunden langsamer als der Vorletzte - sein Teamkollege George Russell. Fünf Sekunden Rückstand gibt es eigentlich nicht in der Formel 1. Fünf Sekunden sollte es nur geben, wenn einer mit dem Auto, der andere mit der Pferdekutsche antritt. Doch Kubica sagt: "Es ist sehr wichtig, dass ich das mache. Dass ich morgen fahre. Es wird das erste Mal nach der langen Zeit sein, dass ich mehr als 15 Runden drehe." Pause. "Also hoffentlich!", ruft er, lacht. "Du weißt ja nie!" Er klopft mit der Faust auf den Tisch. Toi. Toi. Toi. Es liegt am Auto, nicht an ihm.

Wenn Robert Kubica an diesem Sonntag in den Williams steigt und in Melbourne die Startaufstellung rollt, dann ist sein letztes Rennen in der Formel 1, der Große Preis von Abu Dhabi 2010, schon eine Weile her. Als "eine der größten Leistungen meines Lebens" hat er seinen Weg zurück in die Königsklasse bezeichnet. Dieser Weg beginnt am 7. Februar 2011. Am Tag, nachdem sich Kubica in die Rallyeversion eines Skoda Fabias gesetzt hat, um bei der Ronde di Andora in Italien mitzufahren, wofür er sich eigens eine Genehmigung seines Arbeitgebers eingeholt hat. Und dann passiert es.

In Testico oberhalb der ligurischen Küste fährt Kubica in eine schnelle Passage mit zwei aufeinanderfolgenden Rechtskurven, der Fabia bricht aus, driftet, touchiert erst mit dem Heck die Leitplanke, dann mit der Front. Die Absperrung bohrt sich wie ein Schwert in die Motorhaube, schneidet einmal durch den ganzen Fabia. Kubica wird schwer an Arm und Bein verletzt.

Notärzte befürchten das Schlimmste, auch eine Amputation. Aber sie retten sogar Kubicas fast abgetrennten rechten Unterarm. Sieben Ärzte, aufgeteilt in zwei Teams, brauchen sieben Stunden für die Operation.

Drei Jahre vorher ist Robert Kubica noch ganz oben. Am 8. Juni 2008 gewinnt er den Großen Preis von Kanada in einem BMW-Sauber, bis heute der einzige Rennsieg des Münchner Automobilherstellers. Kubica führt die Fahrerwertung vor Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes und Felipe Massa im Ferrari an, dann steigt BMW aus der Rennserie aus und Kubica wechselt zu Renault. Auch dort fährt er auffällig schnell in einem unterlegenen Auto, angeblich soll er zu Ferrari wechseln. Robert Kubica gilt als kommender Weltmeister. Bis er unbedingt einmal die Ronde di Andora fahren will.

Kubica kämpft hart für die Rückkehr in den Motorsport, fährt zunächst Rallye, darf 2017 mal wieder ein Formel-1-Auto testen, er dreht 115 Runden. Aber nie mehr als 15 am Stück. "Ich habe schon gemerkt, dass mir etwas verloren gegangen ist", erzählt er damals. Er fährt nun mit einer körperlichen Beeinträchtigung. Sein linker Arm, seine linke Hand, sie müssen für die rechte Seite mitlenken.

Sein Auto wurde für ihn speziell angepasst, die Schaltung ist links. Bei den Tests in Barcelona im Februar allerdings irritiert er auch mit einigen gefährlichen Aktionen, er steht Hamilton im Weg. "Du kannst im Fitnessstudio so viel trainieren, wie du willst, aber das echte Fahren im Formel-1-Auto ist etwas ganz anderes. Der Körper stellt sich auf die Kräfte ein, deine Reaktionen auch", erklärt er. Kritiker befürchten, dass von Kubica eine Gefahr für die anderen Piloten ausgehen könnte, sollte er in gefährlichen Momenten mal nicht so reaktionsschnell sein können wie ein Fahrer mit zwei herkömmlichen Gliedmaßen.

Der Williams FW42, für den Kubica sehr dankbar ist, ist in Wahrheit eine technische Frechheit. Drei Tage zu spät fuhr er erstmals los in Barcelona, wo ohnehin nur acht Testtage zur Verfügung standen. Und als er dann rollte, war er mit Abstand der Langsamste. Ist er immer noch. Immer deutlicher wird, dass "something fundamental", etwas Fundamentales nicht mit ihm stimmt, sagt Teamkollege Russell. Williams Technikchef Paddy Lowe befindet sich im Urlaub aus persönlichen Gründen, wie es so schön heißt. Es handelt sich eher um eine Beurlaubung.

Kubica zählt nicht darauf, dass sich der Zustand seine Autos schnell bessern wird. "Auch im letzten Jahr wussten wir, dass das Auto ein fundamentales Problem hat - es ist trotzdem so geblieben", sagt er. Kubica will einfach endlich dieses Rennen in Melbourne fahren. Er hat sehr lang dafür gearbeitet. Acht Jahre, vier Monate und drei Tage.