Rhythmische Sportgymnastik Hässliche Seite eines Mädchensports

Schöne Bilder: Stephani Sherlock bei der WM

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Die Rhythmische Sportgymnastik feiert bei der WM in Stuttgart gerade ein großes Fest.
  • Dabei kämpft der Sport an vielen Fronten hart um seinen Ruf.
  • Die tänzerische Sportart ist in Wirklichkeit knallhart.
Von Volker Kreisl, Stuttgart

Nun gab es wieder diesen Vorstoß, irgendjemand vom russischen Verband hatte ihn zu Beginn der WM in Stuttgart unternommen. Die Rhythmische Sportgymnastik solle Männer zulassen, Olympia verlange Öffnung, vielleicht könne man damit das Image der RSG aufbessern. Der Vorschlag provozierte wie immer zwei Reaktionen. Die einen machten, hoho, Witze über tänzelnde Männer in rosa Tüll. Die anderen nahmen ihn ernster, argumentierten etwas, kamen aber zum selben Schluss wie Magdalena Brzeska: "Ich möchte keine Männer sehen, die mit bunten Keulen durch die Gegend springen."

Brzeska, 37, war vor 20 Jahren die kindlich strahlende Hauptdarstellerin dieses Sports in Deutschland. Und sie strahlt heute noch, auch wenn sie beim Pressegespräch in einem schwach beleuchteten Gang der Stuttgarter Arena steht. Ihr Sport hat derzeit mehr Probleme als Erfolge, aber als WM-Botschafterin erläutert Brzeska mit Hingabe die Grundlagen der Gymnastik, weil sich die wenigsten auskennen. Fragt man sie, wie sie gegenüber Skeptikern für ihren Sport wirbt, so schwärmt sie: "Der schönste Sport der Welt! Es ist ein Frauensport, es ist Tanzen und Ballett und Akrobatik. Es geht um Musik und Style und die Wahl des Outfits", mit einem Wort: "Es ist für Mädchen was sehr Schönes."

Wegen Falschwertungen gesperrt

Ein Mädchensport. Das sieht man schon an den strassbesetzten Anzügen der Athletinnen, der Beweglichkeit ihrer Körper, den Blumensträußen und den Tränen. Man hört es auch an der sehr hohen Frequenz des Jubels auf den Rängen. Die Schülerinnen feuern Jana Berezko-Marggrander vom TSV Schmiden an. Die 19-Jährige hat ihre Kindheit hindurch neben der Schule je nach Wettkampfphase bis zu acht Stunden täglich trainiert. Aber ein Sieg oder auch nur ein Podestplatz ist in Stuttgart ausgeschlossen. Berezko-Marggrander hofft, am Donnerstag unter die besten 15 der Mehrkampfwertung zu kommen. Dann wäre sie bei Olympia in Rio dabei.

Ein echter Mädchensport, das ist zunächst eigentlich eine gute Idee. Die Aspekte Weiblichkeit, Ausstrahlung und Ausdruckskraft haben in den meisten Sportarten ja nichts verloren. Es geht zwar auch in der Gymnastik ums Starksein, aber eben nur im Hintergrund. Die derzeit beste Gymnastin der Welt, die Russin Jana Kudrjawtsewa, punktet mit weiblichem Charisma. Und sie hat in ihrer Stuttgarter WM-Gold-Übung während der Drehungen, Sprünge und Spagate den Ball mit einer Sicherheit getragen, geworfen und gefangen, als wäre er ein dressierter Vogel. Brzeska lobt die RSG dafür, dass sie sich entwickelt habe und heute mehr Tänzerisches enthalte, ja, dass das Tanzen sogar zum Element wurde: eine Schrittfolge über acht Sekunden bringt 0,3 Punkte. Doch genau da beginnen die Probleme des Mädchensports.

Denn auch Grazie und Tanz müssen vermessen werden, am Ende soll ja der objektiv Beste gewinnen. Aber wann ist ein Tanz ein Tanz, und nicht nur ein bisschen Hüftwackeln? Müssen nur ein paar Zehntel bei der Ausführungsnote abgezogen werden - oder muss das ganze Element gestrichen werden, weil es kein Tanz, sondern nur ein eleganter Gang war? Die Kriterien sind schwammig, die Bewertung ist subjektiv und intransparent, und weil das auch für alle anderen Schwierigkeiten gilt, ist das Image der Kampfrichterinnen miserabel.