Reitsport Tod in der Wüste

In den arabischen Emiraten zählt das Distanzreiten zur Lieblingsdisziplin der Herrscherklasse, die Pferde werden oft grausam zugerichtet. Warum lässt der Weltverband das immer noch zu?

Von Gabriele Pochhammer

Als der elfjährige Schimmel Castlebar Nato zu Boden ging, sich dabei ein Vorderbein brach, nach mehreren qualvollen Versuchen wieder hochkam und dann auf drei Beinen verharrte, da lag bereits ein Martyrium hinter ihm. Kurz vor seinem Sturz war er von seinem Reiter, Kalid Jumaa Salem al Khatri, mit dem Zügel geschlagen worden. Männer waren aus Landrovern gesprungen, die neben der Piste fuhren, und hatten das völlig erschöpfte Pferd rüde angetrieben. Bis es nicht mehr konnte. Szenen eines Distanzritts am 8. Dezember in Al Wathba, Abu Dhabi.

Wieder mal ein zu Tode gehetztes Pferd bei einem Wüstenritt, wie so viele vor ihm. Die Zahl der auf diese Weise gestorbenen Tiere ist nur zu erahnen. Viele von ihnen werden, einmal durch Beinbrüche oder Kreislaufkollaps zusammengebrochen, nicht an Ort und Stelle von ihrem Leiden erlöst, sondern zunächst weggeschafft, um dann abseits von Fernsehkameras und Turnier-Kontrollen zu sterben. Auf diese Weise gilt der Ritt lediglich als "nicht beendet". Wie bei einem Pferd, das sich ein Steinchen in den Huf getreten hat.

Wenigstens hier wurde jetzt vom Führungsgremium des Weltreitverbandes, dem FEI Board, etwas geändert. Bei einer Telefonkonferenz am 19. Dezember wurde beschlossen, nicht nur bei einer "katastrophalen" - also tödlichen - Verletzung, sondern auch bei einer "schweren Verletzung", die eine langwierige Behandlung (oder eben das nachträgliche Einschläfern) erfordert, Strafpunkte zu vergeben. Passiert das einem Reiter zweimal innerhalb eines Jahres, wird er für sechs Monate gesperrt.

Das Video von Natos Leiden wurde von einer Gruppe namens "Clean Endurance" ins Netz gestellt, die immer wieder bei Facebook Video- und Foto-Material postet. Natos Unfall ist nicht die einzige Tierquälerei in Al Wathba, mit der der Betrachter konfrontiert wird. Es liegt eine Atmosphäre von Rohheit und dem Fehlen jeglicher Empathie über der Szenerie. Bei einem Gesundheits-Check ist zu sehen, wie einem Pferd Ohr und Schweif umgedreht werden, auf diese Weise soll der Herzschlag sinken, damit die Werte für den Weiterritt schneller erreicht sind. Später werden sieben Pferde von ihren teils wild mit Armen und Beinen fuchtelnden Reitern sowie mehreren hinterherlaufen Schergen über die Ziellinie gescheucht. Wer auch nur einen Funken Sympathie für Tiere hat, möchte sich angewidert abwenden.

Das tut die britische Journalistin Pippa Cuckson nicht, sie hat, wie schon früher, die Fakten rund um diesen Vorfall recherchiert und in englischsprachigen Medien darüber berichtet. Nur ihr und "Clean Endurance" ist zu verdanken, dass die Welt auch außerhalb von Championaten hin und wieder von den Machenschaften im arabischen Distanzsport erfährt. Denn die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) ist auffallend zurückhaltend im Vermelden von Missständen im Distanzreiten, englisch Endurance. Vor vier Jahren wurde zwar eine "Endurance Strategic Planning Group" (ESPG) ins Leben gerufen, die die Disziplin von Grund auf untersuchen sollte, aber von den 41 Vorschlägen wurde nicht mal die Hälfte umgesetzt, die anderen nur teilweise. Wesentliche Verbesserungen für die Pferde konnten meist von arabischer Seite blockiert werden, etwa die Verlängerung der vorgeschriebenen Ruhefristen zwischen zwei Ritten, wenn ein Pferd in übermäßig hohem Tempo geritten oder verletzt wurde. Auch die Höchstgeschwindigkeit zu drosseln, prallte am Widerstand der Araber ab. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 20 Stundenkilometern steigt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen das Risiko von Ermüdungsbrüchen. Bei einem Distanzritt in Dubai am 30. November wurden in der letzten Runde 36,26 km/h gemessen.

Hinderlich ist nach Meinung von Clean Endurance auch die Regel, dass Proteste innerhalb von 30 Minuten eingereicht werden müssen. Das mag in einem geschlossenen Stadion möglich sein, aber wie soll das gehen bei einem Ritt zwischen 80 und 160 Kilometern, wo sich der nächste Offizielle vielleicht 20 Kilometer entfernt aufhält?

Und Dopingkontrollen sind auch rar. Bei 96 Prozent der Ritte in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) wurde gar nicht kontrolliert. Bei den restlichen vier Prozent betrug die positive Rate 11,9 Prozent - das ist zehnmal soviel wie in allen anderen Pferdesportdisziplinen.

Nichts habe sich verbessert seit 2014, erklärt ein Sprecher von Clean Endurance, im Gegenteil, es werde immer schneller geritten, bei manchen Wettkämpfen erreichen nur 15 Prozent der Teilnehmer das Ziel. Im Fokus stehen die VAE, die riesige Rennställe unterhalten. Die Pferde werden von Profis trainiert, am Tag der Prüfung wird eine Art Jockey draufgesetzt. Das hat nichts mehr mit der Grundidee des Distanzreitens zu tun, dass nämlich der Reiter durch die lange gemeinsame Vorbereitungszeit weiß, was er seinem Pferd zumuten kann. Solche Reiter gibt es immer noch, etwa den Deutschen Bernhard Dornsiepen, dessen Pferd mit hervorragenden medizinischen Werten den (später abgebrochenen) Distanz-Ritt bei der Weltmeisterschaft in Tryon, USA, im Sommer beendete. Aber die Medaillen werden in der Regel anderen umgehängt. Zur Zeit dürfen deutsche Reiter übrigens nicht an Distanzritten in den Emiraten teilnehmen, beschloss der Dachverband in Warendorf.

Zwei Reiter mit gefälschten Pässen? Es sind die Bodyguards des Kronprinzen von Dubai

Alle Maßnahmen der FEI, den arabischen Distanzreitern klar zu machen, dass die Regeln auch für sie gelten, scheinen ins Leere zu laufen. Zwar wurde das gesamte Endurance Komitee im Herbst abgesetzt, zwar soll eine Ad-Hoc-Arbeitsgruppe den Sport von Grund auf erneuern, zwar wird im Frühjahr 2019 das Distanzreiten wieder mal Thema beim jährlichen FEI-Sportforum sein, aber alle vollmundigen Ankündigungen haben bisher nichts gefruchtet. Zu den Tierquälereien kommt wiederholter Betrug. Falsche Ergebnisse wurden in die FEI-Zentrale nach Lausanne gemeldet, von Ritten, die nie stattgefunden hatten, Pferde wurden vertauscht - und jetzt auch Reiter. Bei einem Ritt im britischen Euston Anfang 2018 tauchten auf einmal zwei Reiter auf mit offenbar gefälschten Identitäten. Wie Cuckson durch Bildervergleich in sozialen Medien herausfand, handelte es sich um zwei Bodyguards des ebenfalls teilnehmenden Dubai-Kronprinzen Scheich Hamdan al Maktoum. Der eine fiel nach ein paar Metern herunter, der andere wurde angehalten. Den Pferden sei nichts passiert, ließ die FEI verlauten. Dies war so ziemlich der einzige Kommentar, seitdem umgibt eine Mauer des Schweigens den peinlichen Vorfall.

Warum lässt sich die Internationale Reiterliche Vereinigung von den Scheichs so vorführen und setzt damit das Ansehen des Pferdesports insgesamt aufs Spiel? Erklärungsversuche führen ins Reich der Spekulation. Die FEI residiert nicht nur im hochmodernen King Hussein I Gebäude in Lausanne, finanziert mit Hilfe der früheren FEI-Präsidentin Prinzessin Haya, Zweitgattin von Dubais Staatschef Scheich Mohammed, und ihren reichen Freunden. Die FEI lebt auch vom Geld der Schweizer Uhrenfirma Longines. Diese ist Hauptsponsor des Verbandes, finanziert die Weltranglisten, den Springreiter-Weltcup, die Nationenpreise und inzwischen auch die Global Champions Tour. Die Summe, die Longines für den Reitsport ausgibt, wird nicht genannt. Es dürfte sich mindestens um einen zweistelligen Franken-Millionenbetrag handeln. Longines gehört zur Swatch-Gruppe, deren Präsidentin ist Neyla Hayek, Schweizerin mit arabischen Wurzeln, selbst Züchterin arabischer Pferde und eng befreundet mit den Maktoums. Sie unterstützt finanziell auch das Unternehmen Meydan, das Rennsportimperium von Scheich Mohammed. Und würde es womöglich nicht gerne sehen, wenn ihre Freunde aus der FEI herausgeworfen würden. Wie gesagt, das ist Branchen-Spekulation. Aber alles andere als abwegig.

Wären es Motorräder, Cross Bikes oder sonstige Stahlrösser, die da in der Wüste zuschandengeritten werden, niemand müsste sich empören. Aber es sind nun mal lebende Pferde.