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Reitsport:Tanz auf dem Teller

Am Ende ein vertrautes Bild: Isabell Werth, sechsmalige Olympiasiegerin, wird für den Gewinn der Weltcupserie geehrt, Stute Weihegold schaut zu.

(Foto: Bjorn Larsson Rosvall/AFP)

Isabell Werth gewinnt trotz eines Patzers den Dressur-Weltcup - die Konkurrenten kommen ihr jedoch allmählich immer näher.

Am Ende durften auch die Pferde mal am Schampus nippen. Die Siegerehrung des Dressur-Weltcupfinales in Göteborg geriet mit knallenden Korken einmal mehr zur Show von Isabell Werth. Mit der 14-jährigen Oldenburger Stute Weihegold gewann sie zum dritten Mal nacheinander den Weltcup, ihren fünften insgesamt.

Es war aber alles andere als ein Spaziergang, Werths Dauerkonkurrentin Laura Graves aus den USA war es leid, die ewige Nummer zwei zu sein. "Ich bin unglaublich hungrig", hatte sie noch vor ihrem Start gesagt. Satt wurde sie zwar auch diesmal nicht, lieferte aber eine glänzende Vorstellung auf ihrem großen Wallach Verdades, dessen stattliches Pferdealter von 17 Jahren nicht auffällt - Werth musste danach alle Register zu ziehen.

Alles lief perfekt - doch dann kam Werth mit den Wechseln durcheinander und fiel zu

Verdades, dem man ansieht, dass seine Ahnen jede Kutsche aus dem Dreck ziehen konnten, war zu Fanfarengeschmetter über das Viereck geflogen. Auch die Piaffen und Passagen steckten voller Dynamik. Eine Schwierigkeit reihte er an die nächste, wie die doppelte Pirouette im Galopp, also zwei 360 Grad-Drehungen hintereinander auf ganz kleinem Kreis, die Reiter sagen "auf dem Teller". Dann folgten wie Perlen auf der Schnur Fliegende Wechsel von Sprung zu Sprung. Zwar will Graves hier eine kleine Unregelmäßigkeit gespürt haben, die aber von den Richtern entweder übersehen oder für unbedeutend gehalten wurde. Kombinationen von besonders schweren Übungen werden ja nach neuem Reglement zusätzlich gewürdigt. Der Reiter muss vor der Prüfung angeben, welche Schwierigkeiten er einbauen will. Er kann dann natürlich nicht mehr improvisieren. Wenn etwas nicht klappt, gibt es keinen Plan B. Den brauchten Verdades und Graves auch nicht, mit 87,179 setzte die US-Amerikanerin die Messlatte, die Werth nun überspringen musste.

Ihr Pferd Weihegold ist quasi der Gegenentwurf zu Graves knochigem Wallach: Kleiner, feiner, tänzerischer, aber hoffnungslos unterlegen, wenn es um die ganz großen Tritte im starken Trab geht. Doch Weihegolds größtes Plus ist die Frau im Sattel: die sechsmalige Olympiasiegerin, die im Sommer 50 Jahre alt wird, mit der Erfahrung aus mehr als 30 Jahren Leistungssport noch immer ein Ausbund an Ehrgeiz. Ihre Angriffslust steigert sich mit der Herausforderung. Isabell Werth durfte sich nach Graves' Leistung als vorletzte Starterin der 18 Reiter keinen Fehler erlauben, musste ganz auf die perfekte Ausführung der schwierigsten Lektionen vertrauen. Die Stute, aufmerksam wie immer, folgte zu einem flotten Potpourri aus Schlagermelodien den leisesten Hilfen ihrer Reiterin, tanzte Piaffen, Passagen und Pirouetten in jede Richtung. Alles schien ihr ganz leicht zu fallen. Dann passierte doch ein Fehler. In den Galoppwechseln, wie schon so manches Mal, verhedderte sich Werth. "Da war ich mir einfach zu sicher, zu arrogant, sowas Blödes", schimpfte sie nach ihrem Ritt, "das war hundertprozentig mein Fehler." Die Noten sausten in den Keller und als Werth auf die Schlusslinie abbog, zeigte die Zwischenwertung noch Rang zwei für die Titelverteidigerin. Doch dann riss sie mit einem fulminanten Finale das Ruder herum: noch mal Piaffe-Pirouetten nach rechts und links, exakt auf der Stelle, das Pferd erhaben und stolz wie ein Reiterdenkmal. 88,871 Prozent, der Abstand zu Laura Graves war deutlicher als erwartet.

Bundestrainerin Monica Theodorescu, die selbst hinter Werth in Göteborg einst Weltcup-Dritte geworden war, hatte den Auftritt der Weltrang-Ersten verpasst, sie war noch mit der letzten Reiterin, Helen Langehanenberg, beschäftigt und kniff sie vor dem Einreiten noch mal aufmunternd in den Oberschenkel.

Langehanenberg und Damsey erreichten mit 86,571 Prozent und damit Platz drei das beste Ergebnis ihrer Karriere. Der Hengst war selten so konzentriert bei der Sache und blieb fehlerfrei. Die schwierigsten Lektionen gelangen fast spielerisch. Und Schwung im starken Trab hat der elegante Dunkelbraune sowieso genug. Das wollte er den Leuten wohl noch mal richtig beweisen, als er auf die Schlusslinie abbog und Richtung Richterpult Fahrt aufnahm. Langehanenberg musste ihr ganzes Fliegengewicht einsetzen, um Damsey zum Stehen zu bringen, geschätzt 20 Zentimeter vor dem Gesicht von Chefrichter Magnus Ringmark.

Monica Theodorescu strahlte am Ende, Platz eins und drei nannte sie "gigantisch". Auch dem 12. Rang für den Weltcup-Debütanten Benjamin Werndl auf Daily Mirror gewann sie noch Gutes ab: "Er hat sich in den Top-Sport hereingeritten und nimmt super viel von hier mit." Werndl selbst blieb bescheiden: "Ich bin hierher gekommen, um zu lernen", sagte er, "ich habe in beiden Prüfungen Fehler gemacht, und die dürfen nicht passieren, wenn man vorne sein will."