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Reitsport:Gefragt ist der vierbeinige Allrounder

Am Freitag hatte sich Markus Karl vorgenommen, eine "kontrollierte, möglichst fehlerfreie Runde über 1,15 Meter Höhe" zu zeigen. Das gelang, er belegte den elften Platz.

(Foto: Ursula Puschak/oh)

In den vergangenen Monaten durften Amateurreitern ihre Pferde nur unter strengen Auflagen bewegen. Auf der Pferd International können sie endlich wieder an einer internationalen Veranstaltung teilnehmen. Aber die Pandemie wird Spuren hinterlassen.

Von Sabine Neumann

"Die Freude, dass es jetzt endlich losgeht, ist riesig", sagt Markus Karl. Seit rund sieben Monaten ist der Unternehmer wegen der Pandemie keine Prüfung mehr geritten. Die Pferd International ist die erste Veranstaltung, die in Bayern eine internationale S-M-L-Tour für Amateure anbietet. Karl und die anderen Amateurreiter, die zum Teil lange Anfahrtswege hatten, sind froh, dass sie auf der Olympiareitanlage starten dürfen. Der 56-Jährige hat seinen Wallach Dialetto beim dortigen Verein eingestellt und reitet für die Reitakademie München. Am Freitag hatte sich Karl vorgenommen, eine "kontrollierte, möglichst fehlerfreie Runde über 1,15 Meter Höhe" zu zeigen. Das gelang, das Duo belegte den elften Platz. "Ich bin fürs erste Mal sehr zufrieden. Dialetto hatte Spaß auf dem großen Platz", lautete das Fazit des gebürtigen Schwaben.

Vor der Pandemie war die S-M-L-Tour noch Bestandteil vieler großer internationaler Turniere. Das Startgeld sicherte den Veranstaltern einen Teil ihrer Einnahmen. In den vergangenen Monaten war Amateuren offiziell aber nur unter strengen Auflagen erlaubt, ihre Pferde zu bewegen. Training mit Unterricht und Turnierstarts waren behördlich untersagt. Bei Verstößen drohten Geldstrafen und Sanktionen bis zur Betriebsschließung. Karl und sein Pferd haben die schwierige Zeit rückblickend vergleichsweise gut überstanden - wie die meisten, die sich eine gut ausgestattete Reitanlage mit professionellen Ausbildern finanziell leisten können und wollen. Wer zeitlich durch Schule, Studium oder Beruf eingeschränkt und nicht erfahren genug ist, sein Pferd selbst in der erforderlichen Weise auszulasten bzw. auszubilden, braucht Unterstützung. Fehlen die professionelle Betreuung und das regelmäßige professionelle Training, leidet nicht nur der Leistungsstand, auch die Unfallgefahr steigt. "Unausgelastete Pferde, die explosiv reagieren, sind gefährlich", sagt Josef Weishaupt.

Der langjährige bayerische Landesjugendtrainer betont die besondere Bedeutung des Nachwuchs- und Amateursports. "Das ist die Basis für uns alle", sagt er. Die Folgen der Corona-Beschränkungen sieht er mit Sorge. Viele Berufsreiter leben nicht nur von Unterricht und vom Training der Pferde, sondern auch vom Handel. Der Markt hat sich durch Corona verändert und ist in Teilen eingebrochen. "Viele Kollegen haben gejammert", berichtet Weishaupt. Die Nachfrage nach leistungsbetont gezogenen, reiterlich anspruchsvollen Dressur- oder Springspezialisten für den mittleren Leistungsbereich ist gesunken. Stattdessen werden gut ausgebildete, brave Partner für den gehobenen Freizeitsport gesucht. Gefragt ist der vierbeinige Allrounder, mit dem man Dressur- und Springunterricht nehmen und auch mal ein kleines Turnier reiten kann, der im Gelände zuverlässig, charakterlich ausgeglichen und bezahlbar ist. Doch solche Pferde sind rar, auch weil sich die Zucht am Spitzensport orientiert.

Der Auktionsmarkt von Elite-Fohlen und überdurchschnittlich talentierten Nachwuchspferden boomt. Hier kaufen neben Privatleuten vor allem Profireiter mit ihren Sponsoren und bekannte Zucht-, Ausbildungs- und Handelsställe ein. "Corona hat uns einen ungeheuren Aufwind beschert. In Krisenzeiten tendieren die Menschen dazu, das Geld in Werte anzulegen", stellt Heike Blessing-Maurer fest, die Geschäftsführerin der Süddeutsche Pferdezuchtverbände Vermarktungs GmbH. Spitzenpreise bewegen sich bis in den sechs-, manchmal sogar siebenstelligen Bereich. Wer hier investiert, hat die Hoffnung, später einen potentiellen Olympiasieger gewinnbringend zu verkaufen - vorausgesetzt, das Pferd bleibt gesund und entwickelt sich wunschgemäß.

Auf der Verliererseite der Corona-Zeit stehen Vereine und Berufsreiter, denen durch das Unterrichtsverbot die Einnahmen komplett wegbrachen, während hohe Fixkosten z.B. für Futter und Personal weiterliefen. "Nach dem Lockdown wird es wahrscheinlich 5400 Schul- und Voltigierpferde weniger für die pferdebegeisterten Kinder und Jugendlichen geben", befürchtet die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) nach einer Umfrage. Inzwischen ist Unterricht wieder möglich, aber es gab laut FN schon vor der Pandemie zu wenig Möglichkeiten, ohne eigenes Pferd reiten zu lernen.

Für sportlich ambitionierte Reiter mit eigenem Pferd scheint die Perspektive gut zu sein. Berufs- und Kaderreiter dürfen seit einiger Zeit wieder Turniere reiten. Österreich hat seine Turniere bereits für Amateure geöffnet. Auch in Bayern ist damit zu rechnen, dass es nach der Pferd International mit dem Amateursport weitergeht.

© SZ/pps/moe
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