Radsport Himmel und Hölle

Beim 100. Giro d'Italia gedenkt das Land seiner vergessenen Helden und verehrten Antihelden: Gino Bartali und Marco Pantani stehen für die Extreme des Radsports.

Von Birgit Schönau

Es gibt Lieder, die werden heimliche Nationalhymnen. Italien hat gleich mehrere davon. "Volare" etwa oder "Azzurro", Songs, bei deren Klängen sofort Bilder aufsteigen vom blauen Meer, vom flirrenden Sommer, von dieser italienischen Lebensleichtigkeit. Die dritte heimliche Nationalhymne besingt einen Radfahrer. Im Ausland kennt man sie kaum, doch wenn jetzt zum 100. Mal der Giro d'Italia startet, wird dieses Lied wieder wie ein Summen in der Luft liegen. "Bartali" heißt es, ganz schlicht, sein Refrain geht so: "Wie viele Straßen mag Bartali hinter sich haben. Diese Nase, traurig wie eine Steigung. Diese Augen, fröhlich wie die eines Italieners beim Ausflug." Als der nasenmäßig auch ganz gut bestückte Chansonnier Paolo Conte dieses Werk 1979 seinem Idol vortrug, knurrte Gino Bartali: "Gefällt mir ganz gut. Aber was soll das mit der Nase? Fass dich an deine eigene."

Bartali, die Nase Italiens. Ginetaccio, der schreckliche Gino, ein Typ, so hart wie Olivenholz; einer, der in einem Moment in einen reißenden Fluss fiel und im nächsten wieder im Sattel saß. Bartali, dessen Ausdauer in den Bergen so legendär war wie sein rücksichtslos sarkastisches Mundwerk. L'Intramontabile nannten sie ihn, der Unvergängliche, weil seine Karriere als Radprofi 20 Jahre dauerte, eine Ewigkeit. Zwei Mal gewann er die Tour de France, 1938 und 1948, drei Mal den Giro d'Italia, 1936, 1937, 1946. Das reichte, um in die Annalen einzugehen, Bartali aber fuhr nicht einfach für Trophäen. Er radelte für eine bessere Welt. "Um ins Himmelreich zu kommen, müsst ihr strampeln wie Bartali", sagte Papst Pius XII. mal in einer Sonntagspredigt. Da wusste man noch nicht, was der so Gelobte getan hatte, als der Krieg alle Radrennen vereitelte. Immerhin zirkulierte schon die Legende, Bartalis Tour-Sieg habe 1948 in den Tagen nach dem Attentat gegen Palmiro Togliatti, Führer der Kommunistischen Partei, einen Bürgerkrieg verhindert. Ministerpräsident Alcide De Gasperi rief Bartali in Frankreich an und sagte ihm: "Für Italien ist es sehr wichtig, dass du gewinnst." De Gasperi meinte die nächste Etappe. Bartali gewann die Tour. Und zu Hause siegte die Euphorie über die politische Empörung.

Immer der Nase nach: Gino Bartali, hier bei einer Pyrenäen-Etappe der Tour de France 1950, gewann zweimal die Frankreich-Rundfahrt, dreimal den Giro d'Italia. Heute ist der Unvergängliche selbst in Italien weitgehend vergessen.

(Foto: AFP)

Bartali war nie Soldat. Im Krieg hatte er weiter trainiert, 180 Kilometer bergauf, bergab, immer wieder von Florenz nach Assisi durch das von den Deutschen besetzte Herz Italiens. In der Sattelstange seines Rennrades versteckte er gefälschte Pässe für verfolgte und versteckte Juden. Hunderten von Menschen soll er auf diese Weise geholfen haben, mit seinem Mut und seinem Ruhm - denn niemand kam auf die Idee, den prominenten Radfahrer zu kontrollieren. Posthum verlieh ihm der Staat Israel 2013 die Ehrung "Gerechter unter den Völkern". Kein anderer Radprofi erfuhr eine solche Ehrung. Nur Gino Bartali (1914-2000) aus Ponte a Ema bei Florenz. Ein Antifaschist, der 1938 auf dem Podium in Paris den faschistischen Gruß verweigerte und nach der Siegerehrung eilig verschwand, zu einem konspirativen Treffen mit Landsleuten im Exil. Ein Mann, der zeitlebens nie darüber redete, bei der Feier zu seinem 85. Geburtstag aber fröhlich schwadronierte, wie gut ihm allezeit der Rotwein geschmeckt habe - auch und besonders auf dem Fahrrad, wo der Chianti neben der Wasserflasche baumelte. "Die Bombe, die nahmen wir natürlich auch, Signorina." Was immer das gewesen sei, "es päppelte uns auf". Wer den Nazis davonradelt, macht sich um Doping keinen Kopf.

Radrennen leben von Legenden, und der Giro, die Nummer zwei nach der Tour de France, hat da naturgemäß viele zu bieten - die meisten aufgeschrieben von der rosafarbenen Gazzetta dello Sport, die das Rennen mit dem rosa Hemd seit Anbeginn veranstaltet. Da wäre der erste Sieger 1909, der Maurer Luigi Ganna. Der trainierte, indem er zur Arbeit fuhr, 90 Kilometer hin und 90 zurück, sechs Tage die Woche. Da wäre, als einzige Frau, Alfonsina Strada, die 1924 mit 28 Stunden Verspätung ins Ziel einfuhr, weil sie unterwegs ihre gebrochene Stange mit einem Besenstiel flickte. Und dann war da noch der fünffache Giro- und zweifache Tour-Gewinner Fausto Coppi, der ein Verhältnis mit der schönen "Weißen Dame" pflegte, weswegen beide als Ehebrecher zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Coppi, für viele der größte Radsportler überhaupt, starb mit 40 Jahren an der Malaria. Er war Bartalis großer Rivale, aber auch sein Freund.

1.) Alghero - Olbia, 206 km, 2.) Olbia - Tortolì, 221 km, 3.) Tortolì - Cagliari, 148 km, 4.) Cefalù - Etna, 181 km, 5.) Pedara - Messina, 159 km, 6.) Reggio Calabria - Terme Luigiane, 217 km, 7.) Castrovillari - Alberobello, 224 km, 8.) Molfetta - Peschici, 189 km, 9.) Montenero di Bisaccia - Blockhaus, 149 km, 10.) Foligno - Montefalco, 39,8 km, 11.) Florenz, Ponte a Ema - Bagno di Romagna, 161 km, 12.) Forlì - Reggio Emilia, 234 km, 13.) Reggio Emilia - Tortona, 167 km, 14.) Castelliana - Oropa, 131 km, 15.) Valdengo - Bergamo, 199 km, 16.) Rovetta - Bormio, 222 km, 17.) Rirano - Canazei, 219 km, 18.) Moena - Ortisei/St. Ulrich, 137 km, 19.) San Candido/Innichen - Piancavallo, 191 km, 20.) Pordenone - Asiago, 190 km, 21.) Monza - Mailand, 29,3 km; SZ-Karte, Quelle: www.giroditalia.it

(Foto: )

Der Giro hat einen Gipfel nach Coppi benannt und stattet Bartali jetzt einen Referenzbesuch ab. Die 11. Etappe startet am 17. Mai von Ponte a Ema, wo Bartalis Geburtshaus steht, zweistöckig, blassgelb gestrichen, mit grünen Fensterläden. Ein Museum gibt es auch in dem kleinen Ort, es kommt aber nicht recht in die Gänge. Nur 800 Besucher im vergangenen Jahr, Öffnungszeiten nur an den Wochenenden, für mehr hat die Stadt Florenz kein Geld. Freiwillige Helfer finden sich auch nicht.

Denn der Unvergängliche ist heute weitgehend vergessen. Ein Mann aus einem anderen Radsport-Jahrhundert, eine Figur aus einem schönen Song, der Protagonist eines Fernsehfilms, der zu kitschig war, als dass man das in ihm erzählte Leben für echt halten konnte. Auf den italienischen Straßen, deren Zustand mancherorts schon wieder so schlecht ist wie zu Bartalis Zeiten, prangt während des Giros der Name von Marco Pantani. Der hatte 1998 Giro und Tour gewonnen, es war der Höhepunkt einer unvergleichlichen Karriere, doch gleich darauf ging es nur noch bergab. Am Morgen der vorletzten Giro-Etappe 1999 in Madonna di Campiglio wurde Pantani wegen einer verdächtigen Blutprobe von Carabinieri abgeführt und vom Rennen suspendiert. Ein beispielloser Sturz. Die Italienrundfahrt war auf Pantani zugeschnitten worden, der Giro vollzog eine Ehrenrunde durch seine Heimatstadt Cesenatico, in den Bergen fuhr der "Pirat" wieder allen davon und der Gesamtsieg schien ihm sicher zu sein. Stattdessen musste er das rosa Hemd des Führenden ausziehen wie Eddy Merckx 1969 (der stets seine Unschuld beteuerte). Im Unterschied zu Merckx erholte sich Pantani nie wieder. Es folgten Prozesse, Depressionen, Drogensucht, schließlich ein einsamer Tod. Am 14. Februar 2004, dem Valentinstag, starb Pantani im Alter von 34 Jahren in einem Hotel in Rimini an einer Überdosis Kokain.

Eddy Merckx 1969, nachdem er wegen Dopingvorwürfen vom Giro d'Italia disqualifiziert worden war.

(Foto: AFP)

Seither wird er verehrt wie ein Märtyrer, der kleine Friedhof des Badeorts Cesenatico an der Adria ist seine Pilgerstätte. Pantanis Grab ist groß wie ein Mausoleum, es hat die Form eines Bergs mit Serpentinenstraßen, am Gipfelkreuz hängt ein Rad. "Ein großer Champion, Opfer der italienischen Justiz," steht auf einer Bronzeplakette neben dem Eingang. Drinnen viel weißer Marmor für die Gruft, eine Bronzebüste und Fotos aus den besten Zeiten, dazu der Geleitspruch: "Für immer auf der höchsten Stufe der Siegertreppe." Man kann sich den Schmerz der Familie vorstellen, der hinter diesen Parolen der Verklärung und Anklage steht. Das Kondolenzbuch ist noch immer voller Trauerbotschaften der Fans, viele schreiben einfach: Grazie. Links neben der Gruft hängt eine Kopie von Pantanis Abschiedsbrief, den er auf den Seiten seines Reisepasses verfasst hat. Es sind etwas wirre Zeilen, aber ein Satz ist ganz klar: "Ich bin für nichts und wieder nichts gedemütigt worden."

Viele sehen das so und können es nachvollziehen, in ihrem eigenen, vielleicht nicht ganz so dramatischen Leben. Frust und Misstrauen sitzen tief gegen den vermeintlich feindlichen Staat, die angeblich ungerechte Justiz, die Politik. Wer so denkt, sieht in Pantani das Opfer von Institutionen, die er am liebsten abschaffen würde. Andere bewegt die wohl traurigste Geschichte des Radsports - vom kleinen Piraten, der sich nach Unfällen und Rückschlägen an die Spitze strampelte, dann den Halt im Sport und im Leben verlor.

Fans zeigen ihre Unterstützung für Marco Pantani, nachdem der Italiener 1999 wegen einer verdächtigen Blutprobe suspendiert worden war. Ein beispielloser Sturz.

(Foto: dpa)

In seiner Heimatstadt Cesenatico ist Pantani noch immer ein Held. Als Bronzefigur radelt er an der Adria-Uferstraße über einen rosa Granitblock, sein neun Quadratmeter großes Porträt hängt als Wollmosaik über dem Eingang zum Rathaus. Neben dem Bahnhof ist der Spazio Pantani eingerichtet, eine Art Museum mit Pantanis Fahrrädern, den gelben Trikots von der Tour und den rosafarbenen vom Giro. Hemden eines Siegers. Die Räder haben Piratensattel, die Piratenkappen sind darum drapiert. Auch die Bilder des Hobbymalers Pantani sind ausgestellt, naiv und farbenfroh. Sie zeigen Jäger, Obsthaine, Porträts. Unter der Staffelei liegt der große Kasten mit den Tuben von Lukas Künstlerfarben.

Schulklassen werden hier durchgeführt, hören aus dem Fernseher die Reportagen von den großen Etappen, sehen den Piraten durch Wind und Wetter trampeln, bewehrt nur mit seinem Kopftuch. Pantani trug keinen Helm, ebenso wenig wie Bartali. Vincenzo Nibali, der die Tour gewann und zwei Mal den Giro, trägt einen, wie alle jetzt. Nibali, 32, wird "Hai von der Meeresenge" gerufen, weil er aus Messina, Sizilien stammt. Es könnte ein Heldenname sein, aber Nibali ist lieber ein normaler Radprofi, der beim Jubiläumsgiro den Vorjahressieg verteidigen will. Als er ein Junge war, verehrte er Pantani. Bartali nicht, der war zu weit weg. Heute spricht Nibali nicht mehr über Pantani. "Man darf die beiden nicht vergleichen", schreibt der Sportjournalist Gianni Mura. "Nibali fehlt die Aura des gefallenen Erzengels, aber er ist gezeichnet von den Mühen seines Sports."

Nun startet die Giro d'Italia zum 100. Mal.

(Foto: Epa/AFP)

Alle sind das. Nibali und sein großer Konkurrent, der Kolumbianer Nairo Quintana, 27, Giro-Gewinner 2014. Natürlich waren es auch Bartali, Pantani, Coppi, Merckx. Der Radsport ist in Verruf gekommen wegen seiner Dopinggeschichten, fast hat es den Anschein, als lauerten Medien und Publikum auf immer neue Skandale. Dabei geht es eigentlich um etwas anderes. Es geht bei diesem harten und gefährlichen Sport um den Triumph im Kampf gegen die Straße, gegen sich selbst, so wie jetzt wieder in Italien. Der gefallene Erzengel Pantani und die Heldennase Bartali werden dabei sein, zur Mahnung und zum Vorbild. Mitfahren wird auch das Andenken an Michele Scarponi, den vor zwei Wochen beim Training tödlich verunglückten Giro-Gewinner 2011. Schweres Gepäck für die 3 609 Kilometer. Den Fahrern wird auf dem langen Weg von Alghero bis Mailand nichts übrig bleiben, als es abzuwerfen.