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Radsport:Gold mit Wehmut

Bunter Zug: Die Canyon-Sram-Equipe um Trixi Worrack (3. v. r.) rauscht beim WM-Auftakt in Innsbruck zum Titel im Teamzeitfahren.

(Foto: Herbert Neubauer/AFP)

Trixi Worrack gewinnt ihren fünften Titel im Zeitfahren der Profi-Mannschaften - in Innsbruck fehlen jedoch viele Lizenzteams: Der WM-Wettbewerb ist ein Auslaufmodell.

Von Barbara Klimke, Innsbruck

Selten wurde einem Abschiedsrennen ein derartiges Geleit gegeben. Die halbe Stadt rollte dem rasenden Tross entgegen. Innsbruck stieg um auf Mountainbikes, Citybikes, Retrobikes, Klappräder, Hollandräder, Trekkingräder oder Leihräder, weil Österreich pünktlich zur WM-Eröffnungsfeier am Samstag einen auto- und abgasfreien Tag beging. Manches Geschäft hatte einen Drahtesel ins Schaufenster gewuchtet, um zu feiern, dass der Mensch es auch ohne Auspuff, nur mithilfe seiner Beine, auf Geschwindigkeiten von 55 km/h bringen kann. Als Trixi Worrack aus Cottbus dann am Sonntag auf ihrer Zeitfahrmaschine mit dem deutschen Team Canyon-Sram durch den Innsbrucker Hofgarten schoss, bejubelten die Zuschauer an der Strecke nicht nur die sechsköpfige Equipe, die das Mannschaftszeitfahren der Frauen, den ersten Titel dieser Straßen-WM, gewann. Das Publikum würdigte in den Athletinnen gewissermaßen auch die Letzten ihrer Art. Denn das Teamzeitfahren in dieser Form wird es nicht mehr geben. Und eine kleine Träne hat Trixi Worrack, 36, bei der Siegerehrung wohl auch einem Wettkampfformat nachgeweint, das sie dominiert hat wie keine andere Radsportlerin ihrer Generation. "Das bedeutet mir ganz viel", sagte sie.

Erst vor sechs Jahren hatte der Radsport-Weltverband UCI das "Team Time Trial" für Männer und Frauen wieder eingeführt. Und damit das Hochgeschwindigkeits-Kolonnenfahren neu belebt, das bis 1994 eine Disziplin für Viererteams über 100 Kilometer war - nur dass nun die Profirennställe und nicht mehr die Nationalverbände die Teams stellten. Worrack siegte bei der Premiere 2012, sie gewann den Titel noch drei Mal und hat nun, nach einer horrenden Verletzung 2016, bei der sie eine Niere verlor, erneut bei der Schlussvorstellung triumphiert; zu ihrem Team gehörte auch Lisa Klein, 22, aus Saarbrücken. Weil der Berliner Maximilian Schachmann, 24, am Sonntagabend mit seiner belgischen Quickstep-Equipe das Zeitfahren der Männer gewann, hatte der WM-Auftakt sogar noch mehr schwarz-rot-goldenen Anstrich. Auch wenn ein Gefühl der Wehmut bleibt. Denn was die UCI den Profis stattdessen präsentiert, ist ungewiss.

Zurzeit, heißt es, werden "alternative Optionen" für die nächste WM 2019 in Yorkshire geprüft. Künftig wollen die Verbandsfunktionäre wieder selbst Regie führen und die Verantwortung zurück in die Hand der Nationalverbände legen. Einiges deutet darauf hin, wie ein UCI-Sprecher bestätigte, dass es zu einer Vereinigung der beiden Teamwettbewerbe kommen könnte: zu einem Mixed-Team-Event, bei dem Männer und Frauen aus einem Land gleichberechtigt durch die Landschaft strampeln. Es wäre ein Experiment, für das es auf der Straße keine Erfahrungswerte gibt. Bei einigen der ausgebooteten Firmenteams hält sich die Begeisterung in Grenzen: "Das ist zur Kenntnis zu nehmen", heißt es bei der deutschen Mannschaft Bora-Hansgrohe, die am Sonntag Platz acht belegte. Der Wettbewerb in seinem jetzigen Format sei attraktiv, sagte Kommunikationschef Ralph Scherzer: "Aber da die Entscheidung nicht mehr zu beeinflussen ist, richten wir den Blick von nun an auf die Zukunft." Bora finanziert eine reine Männer-Equipe; eine Frauenmannschaft aufzubauen, stehe derzeit nicht auf dem Plan.

Der in Raubling beheimatete Rennstall sieht den Kollektivkampf gegen die Uhr als Prestige-Wettbewerb. Immer wieder wurden die besten Zeitfahrer zusammengetrommelt, um in Trainingscamps das Windschattenschatten und die schnellen Wechsel zu üben.

Das mit deutscher Lizenz fahrende Team Sunweb, das letztes Jahr siegte und nun Zweiter wurde, nahm das Rennen ebenfalls ernst. Ebenso Quickstep, auch wenn Schachmann den Austragungsmodus für die Zuschauer schwer verständlich findet: "Insofern verstehe ich es, wenn sie das abschaffen", gab er zu. Zumal nicht alle Profiteams derlei Aufwand betrieben. Die UCI war in den vergangenen Jahren dem Vernehmen nach mit den Meldungen unzufrieden: Nur zwölf der 18 UCI-World Teams, Mannschaften der höchsten Kategorie, gingen in Innsbruck an den Start. Das Feld wurde mit unterklassigen Teams aufgefüllt, den WSA Pushbikers aus Holzkirchen etwa, die von sich sagten, dass sie sich "wie Fußball-Drittligisten in der Champions League" fühlten - und am Sonntag den 22.

und letzten Platz belegten. Denn die logistischen Voraussetzungen sind enorm. Angefangen bei den Helmen aus dem Windkanal bis zu den kostspieligen Hightech-Rennmaschinen, die im Detail den pingeligen UCI-Regeln zu entsprechen haben: So ist zum Beispiel der Abstand zwischen Tretlager und der vertikalen Achse der Sattelspitze bis auf den Zentimeter vorgeschrieben. Dazu kommen die Transportkosten, wenn die Spezialräder für sechs Mann zusätzlich zum restlichen Equipment um die halbe Welt befördert werden müssen - die WM 2016 fand in Katar statt. Ein ständiger Streitpunkt, so berichten Insider, war deshalb die Frage, ob der Weltverband den Firmenteams bei den Speditionskosten entgegenkommt. Viele Profi-Teams, so erläutert Frauen-Bundestrainer André Korff, betrachteten diesen Wettbewerb, abseits aller sportlichen Meriten, auch unter den Aspekten einer Kosten-Nutzen-Rechnung: "Sie müssen prüfen, ob sich so ein Mannschafts-Zeitfahrtitel im Zweifelsfall vermarkten lässt."

Für die Zuschauer ist die Hatz über Asphalt, Hinterrad an Hinterrad bei 50 bis 55 km/h, ein Spektakel, für die Athleten eine Strapaze - aber eine, wie Trixi Worrack findet, die sich lohnt. "Gerade für die Frauen, deren Teams nur selten so im Mittelpunkt stehen wie bei einer WM", wie sie in Innsbruck sagte. Aber sie persönlich hatte keine Stimme beim Verdikt der UCI. Und dann rollte sie von dannen, die Straßenrad-Weltmeisterin im Mannschaftszeitfahren der Jahre 2012, 2013, 2014, 2015, 2018. Ganz ohne Zweifel: die Letzte ihrer Art.

© SZ vom 24.09.2018
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