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Paris St.-Germain:Befreiung der Schönspieler

Ein Bild, dessen Darsteller sich Paris St. Germain mehr als 400 Millionen kosten ließ: So hoch war allein die addierte Ablöse für den Brasilianer Neymar (links) und Kylian Mbappé.

(Foto: David Ramos/AP)

Die teure Startruppe von PSG zeigt erstmals richtig Herz. Nach dem 2:1 gegen Bergamo träumt das Team von Trainer Tuchel sogar vom Champions-League-Gewinn.

Von Oliver Meiler

In einem Palast in Doha hatten sie wohl schon die Liste bereit, mit allen Namen, die dann gestrichen würden. Trainer Thomas Tuchel? Sportdirektor Leonardo? Vielleicht wäre sogar der Schützling und Emissär des Emirs, der smarte Klubpräsident Nasser al-Khelaifi, aus der unendlichen Gnade gefallen, die ihm bisher angediehen war.

Doch dann passierte im fernen Lissabon, was noch nie passiert ist, seit die Katarer sich den Fußballverein Paris Saint-Germain als Spielzeug und Soft-Power-Instrument in ihr gewaltiges Portfolio einverleibt haben - in neun Jahren nicht: Es geschah "Umwerfendes", wie es Le Parisien nennt, noch ganz ungläubig. Es geschah eine wundersame Premiere: Die teuer zusammengekaufte Startruppe, die immer und oft zurecht als Retortenwesen belächelt wurde, zeigte zum ersten Mal richtig Herz - ausgerechnet gegen das kleine Team der Herzen aus dem traumatisierten Norditalien, gegen Atalanta Bergamo im Viertelfinale der Champions League.

Der Emir gab mehr als eineinhalb Milliarden Euro aus, für immer neue Prominenz

Zwei Tore in der Nachspielzeit, als es in Doha schon Mitternacht war, buchstäblich und sinnbildlich, erstochert und erstürmt, als gebe es kein Morgen, mit Eric Maxim Choupo-Moting als unwahrscheinlichstem Helden - das war das Echteste, was der katarische PSG je gezeigt hat.

Ein Wendemoment, insgesamt?

Man brauchte nur die Szenen im leeren Estádio da Luz kurz nach Abpfiff zu studieren, die Gesichter der Spieler und des Trainers mit dem lädierten Knöchel, um sich gewahr zu werden, dass dieser späte, irgendwie schmutzig erkämpfte Triumph auch für sie überraschend kam, für die Schönspieler. Eine Befreiung.

PSG hat sich am Tag seines 50. Geburtstags mit etwas Verrücktheit beschenkt, mit Irrationalität, wie sie das Leben manchmal braucht. War ja auch Zeit. Und nun träumen sie ganz groß, vom Titel.

Als der katarische Staatsfonds QSI 2011 den relativ jungen und ungeliebten Verein kaufte, ging es dem Emir zunächst um Paris als Schaufenster seiner Ambitionen, um eine Diversifizierung seiner Geschäfte, weg vom alleinigen Verlass auf die endlichen Quellen von Gas und Öl. Hotels und Villen besaß er schon - und einflussreiche Freunde bis hinauf in den Elysée-Palast: Nicolas Sarkozy, der in jenen Jahren Präsident Frankreichs war, half den Katarern beim Erwerb des Vereins. Eine kleine Handreichung. Sarkozy ist ein Fan von PSG, man sieht ihn seither oft auf der Ehrentribüne im Parc des Princes sitzen. Auch so geht Geopolitik.

Damit PSG aber wirklich strahlen würde für Katar, dafür braucht es Abende wie diesen, in der Königsklasse, denn die französische Ligue 1 nimmt ja außerhalb von Frankreich kaum jemand wahr. Binnen fünf Jahren, hieß es damals, würde PSG auf dem Dach Europas sitzen, mit Henkelpokal. Nun sind also schon neun Jahre verstrichen seit jener Verheißung. Der Emir hat mehr als eineinhalb Milliarden Euro ausgegeben, für immer neue Sportprominenz, die den Businessplan schon umsetzen würde, vor allem natürlich für den Brasilianer Neymar Junior, für dessen Verpflichtung Katar einst 222 Millionen Euro an den FC Barcelona überweisen musste. So viel gab noch kein Verein für einen Profi aus, eine Zeitenwende auch das.

180 Millionen Euro kosteten dann die Dienste des französischen Großtalents Kylian Mbappé, da war der erst 18. Die Uefa schaute zu, die Regeln des Financial Fairplay griffen nicht. Doch begeistert hat der katarische PSG nie, jedenfalls nicht nachhaltig. Wenn es jeweils zählte, in der Königsklasse eben, brach die Mannschaft immer ein. Bling-bling, aber keine Identität, kein Biss. Nun aber steht man erstmals in der katarischen Zeitrechnung im Champions-League-Halbfinale. Zu mehr hat es PSG in diesem Wettbewerb in einem halben Jahrhundert noch nie gebracht.

Es lohnt sich an dieser Stelle, noch einmal zurückzuschauen auf die Auslosung fürs Viertelfinale. Alle großen Vereine wünschten sich das kleine Atalanta als Gegner. Bergamo galt als das einfache Los, und Paris zog es. Man feierte, als wäre es ein Freilos. Wann, wenn nicht jetzt, raunte man sich in Frankreich zu. "La bonne année?", schrieb der Parisien, das gute Jahr? Es las sich wie eine rhetorische Frage. Und nun zitterte man also doch wieder bis zuletzt. "Neymar und Mbappé werden für immer bei uns bleiben", sagte al-Khelaifi nach dem Spiel und lachte dazu.

Er glaubt das selbst zuletzt, die Verträge laufen bald aus. Und die Granden dieses Sports spielen nun mal nicht so gern das ganze Jahr über Ligue 1.

Mal sehen, wie Mbappé erst drauf sein wird, wenn er noch ein paar Tage mehr trainiert hat

Das Spiel spiegelte aber auch noch mal alle Unzulänglichkeiten des Teams. Thomas Tuchel ist es bisher noch nicht konstant gelungen, aus den vielen Einzelfiguren ein Kollektiv mit einem klaren, erkennbaren Spielplan zu formen. Neymar musste mal wieder alles alleine machen, er holte sich den Ball ganz hinten, um ihn dann nach ganz vorne zu tragen, 118 Mal berührte er das Leder - ein überragender wie entlarvender Wert. Die Leichtigkeit seiner Kavalkaden war schön anzuschauen, seine Soli waren Entfesselungsnummern ohne größere Anstrengung. Aber moderner Fußball geht eigentlich anders. Neymar war zudem erstaunlich ineffizient vor dem Tor, fast tollpatschig wirkte das für seine Verhältnisse. Natürlich fehlte PSG die zentrale Schaltfigur, der verletzte Marco Verratti glättet sonst die Übergänge. Aber darf eine Elf auf diesem Niveau eine Stunde lang so zusammenhanglos spielen?

Erst die Auswechslungen brachten einen Hauch System, ein bisschen vom konzertierten Feuerwerk, das man von diesen Herrschaften erwartet. Mbappé, der noch immer nicht voll genesen ist von seiner Knöchelverletzung, riss mit seinen Tempoläufen Krater in die Abwehr Atalantas.

Die Bergamasken ließen sich stärker zurückdrängen, beeindruckt von den Pariser Überfällen, die nun im Minutentakt über sie ergingen. Mal sehen, wie Mbappé erst drauf sein wird, wenn er noch ein paar Tage mehr Training in den Beinen hat.

Zehn Minuten vor Schluss kam dann noch jener Mann zum Einsatz, von dem es in Paris bisher geheißen hatte, er sei zwar ein netter Kerl, beliebt bei den Fans wegen seines großen Einsatzes, aber eben nicht so der Knipser: Eric Maxim Choupo-Moting. Der Rest ist bekannt: vom 0:1 zum 2:1 in 149 Sekunden. Und bei beiden Toren stand der nette Kerl ohne neuen Vertrag in diesem Strudel des Unwägbaren, den zweiten Treffer erzielte er selbst. Die Sportzeitung L'Équipe widmet ihm einen schönen Titel: "Chapeau Moting", Hut ab Moting.

In Doha haben sie die Streichliste wieder weggeräumt, so nah war das Dach Europas noch nie. Nun zählt PSG plötzlich zu den Favoriten, Halbfinale, mit diesem Wumms der Verwandlung. Und der Emir lacht. In zwei Jahren soll dann ja die WM in Katar stattfinden, die vorläufige Vollendung seines Masterplans.

© SZ vom 16.08.2020
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