Paralympics 2016:Die Krisenspiele

Kurz vor dem Start schließt die öffentliche Hand in Brasilien eine Finanzierungslücke von 70 Millionen Euro. Die Funktionäre sprechen von den schwersten Bedingungen, die sie je erlebt haben.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Die Paralympics 2016 von Rio finden statt. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, es klingt aber nur so. Keine drei Wochen ist es her, da war die Austragung der ersten Spiele für behinderte Menschen auf südamerikanischem Boden ernsthaft gefährdet. Allein die Tatsache, dass Brasiliens damaliger Übergangspräsident Michel Temer persönlich im Olympiapark erschien, um entsprechende Gerüchte zu dementieren, illustriert, wie dramatisch die Lage zwischenzeitlich war. Temer taucht ja sonst nirgendwo auf, wo er nicht unbedingt auftauchen muss.

Die olympische Schlusszeremonie schwänzte er aus der nicht unbegründeten Angst, dort ausgepfiffen zu werden. Er bitte darum, scherzte Temer damals im Olympiapark, sich die Pfiffe für die paralympische Eröffnungsfeier aufzusparen. Es ist davon auszugehen, dass die brasilianischen Zuschauer am Mittwochabend im Maracanã auf dieses Angebot zurückkommen werden.

Der Sport war noch nie unpolitisch, aber diese Paralympics von Rio beginnen in einer beispiellosen politischen Krisenstimmung. In den gut zwei Wochen zwischen den beiden sportlichen Großereignissen hat sich im Gastgeberland Brasilien mal eben ein Regierungswechsel vollzogen, den längst nicht nur die abgesetzte Präsidentin Dilma Rousseff als "parlamentarischen Putsch" bezeichnet. Am vergangenen Wochenende gingen Hunderttausende auf die Straßen, um gegen die allenfalls scheinlegale Machtübernahme Temers zu protestieren. Es flogen Steine und Stöcke, die Polizei schoss mit Tränengas. Die Eröffnung der Paralympics dürfte nun sein erster großer öffentlicher Auftritt als offizielles brasilianisches Staatsoberhaupt werden. Für Michel Temer, 75, ist das angeblich eine Herzensangelegenheit.

"Noch nie in der Geschichte der Paralympics haben wir so schwierige Bedingungen erlebt."

Wenn es so wäre, dann stellt sich schon die Frage, weshalb es hektischer Krisensitzungen und zahlreicher Notverordnungen bedurfte, um diese Veranstaltung schließlich doch noch mit dem notwendigen Budget auszustatten, um sie wie geplant über die Bühne zu bringen. Mehr oder weniger jedenfalls. So fiel etwa das zweitgrößte Veranstaltungszentrum in Deodoro den spontanen Sparmaßnahmen zum Opfer, es wurde größtenteils geschlossen, zahlreiche der dort geplanten Sportarten wurden in den Olympiapark nach Barra da Tijuca verlegt. Auch Partys wurden abgesagt, Großleinwände abgebaut sowie fast 2000 olympische Zeitarbeiter vorzeitig entlassen. Nur so konnte die Finanzierungslücke von rund 250 Millionen Reais (knapp 70 Millionen Euro) kurzfristig geschlossen werden. Ein viel zitierter Satz von Philip Craven, dem Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees, sagt alles aus, was man über Brasiliens Last-Minute-Finanzierungsmodell wissen muss: "Noch nie in der 56-jährigen Geschichte der Paralympischen Spiele haben wir so schwierige Rahmenbedingungen erlebt wie hier", sagte Craven.

Ausgerechnet die Athleten, die ja angeblich immer im Mittelpunkt solcher Großveranstaltungen stehen, waren von der Budgetkrise besonders betroffen. Weil die Reisezuschüsse für die Nationalen Paralympischen Komitees wochenlang überfällig waren, stand bei zahlreichen der 176 gemeldeten Nationen die Teilnahme bis zuletzt auf der Kippe. Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier teilten die Organisatoren auf Anfrage mit: "Alle Mannschaften werden bis heute Abend erwartet. Kein Athlet wird wegen fehlender Reisezuschüsse fehlen. Die überfälligen Zuschüsse werden in Kürze ausbezahlt." Mal sehen.

Brasilien steckt in seiner tiefsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Das Land hat sich ganz offensichtlich schon mit der Austragung der Olympischen Spiele im August übernommen. Die Finanzierungsprobleme der Paralympics sind dafür nur ein Symptom von vielen. Aber sie haben natürlich größte Symbolkraft für das ohnehin angekratzte Ansehen Brasiliens in der Welt. Dem Verdacht, dass ausgerechnet die Behinderten-Spiele wie ein Event zweiter Klasse behandelt werden, wollte und konnte sich der neue Präsident Temer nicht aussetzen. Nun muss wieder einmal die öffentliche Hand retten, was zu retten ist. Die Bundesregierung in Brasilia steuerte kurzfristig gut 25 Millionen Euro bei, die Stadt Rio de Janeiro weitere 40 Millionen. Das ist hochumstritten in einem Land, in dem die öffentlichen Schulen und Krankenhäuser pleite sind und die Beamten und Rentner zum Teil monatelang auf ihr Geld warten. Ein richterlicher Beschluss, wonach das Comitê Rio 2016 angesichts der prekären Haushaltslage in Brasilien keine öffentlichen Gelder mehr erhalten darf, wurde in zweiter Instanz wieder aufgehoben. Auch der korruptionserschütterte halbstaatliche Erdölriese Petrobras hilft nun in der Not mit knapp drei Millionen Euro aus. Er machte allerdings zur Bedingung, dass er mit Brasiliens olympischen Medaillengewinnern werben darf, obwohl er nicht zum exklusiven Sponsoren-Pool der Spiele gehört. Nicht zuletzt die Tatsache, dass diese Forderung erfüllt wurde, veranschaulicht den Grad der Verzweiflung auf Seite der Organisatoren.

Womöglich passt es gut zur Lage in Rio, dass nun vieles eine Nummer kleiner wird als geplant

Ein Teil der Finanzierungslücke ist gewiss durch den, gelinde gesagt, schleppenden Ticket-Vorverkauf zu erklären. Immerhin dieses Problem scheint sich im letzten Moment entschärft zu haben. Zuletzt zog die Nachfrage stark an, was wohl vor allem auf eine Art paralympischen Schlussverkauf zurückzuführen ist. Eintrittskarten gibt es neuerdings schon ab zehn Reais (rund 2,75 Euro). Nach offiziellen Angaben sind inzwischen rund 1,5 Millionen (von 2,5 Millionen) Tickets weg. Einige Medaillenentscheidungen im Schwimmen, in der Leichtathletik und im Blindenfußball sind demnach bereits ausverkauft.

Ständiges Wachstum

Fast sieben Mal so viele Länder und fast elf Mal so viele Athleten: Seit der Einführung 1960 haben sich die Sommer-Paralympics extrem entwickelt. In Rio de Janeiro (7. bis 18. September) wird auch ohne die ausgeschlossenen Russen sowohl bei den Nationen als auch bei den Teilnehmern zum siebten Mal in Serie ein Rekord aufgestellt.

1960 in Rom 23 Nationen/400 Sportler

1964 in Tokio 21/375

1968 in Tel Aviv 29/750

1972 in Heidelberg 43/984

1976 in Toronto 38/1657

1980 in Arnheim 42/1973

1984 in New York 45/1800 und in Stoke Mandeville 41/1100

1988 in Seoul 61/3057

1992 in Barcelona 83/3001

1996 in Atlanta 104/3259

2000 in Sydney 122/3881

2004 in Athen 135/3808

2008 in Peking 146/3951

2012 in London 164/4237

2016 in Rio de Janeiro 176/4350

Auch zahlreiche Werbekampagnen stärkten zuletzt die Aufmerksamkeit für die fast schon vergessenen Spiele. Ein Paralympics-Song des zweimaligen Weltfußballers Ronaldinho mit dem Titel "Ich bin Teil der Welt, ein Gewinner" macht gerade im Internet Karriere. Und womöglich passt es ganz gut zur Lage in Rio, dass nun vieles eine Nummer kleiner wird als geplant. Die Nörgeleien über das allseits erwartete Organisationschaos weichen mehr und mehr einer Bewunderung des brasilianischen Improvisationstalents. Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, gibt durchaus eine allgemeine Stimmungslage wieder, wenn er sagt: "Bislang ist kaum eine unserer Befürchtungen eingetreten."

Nicht ohne eine Note Selbstironie haben sich die Brasilianer auf ihren letzten großen organisatorischen Kraftakt in diesem Jahr vorbereitet. Zu den größten öffentlichen Ärgernissen während der Olympischen Spiele gehörte eine Polemik aus der New York Times, in der Rios beliebteste Strandverköstigung, der Biscoito Globo, als öde und geschmacklos gerüffelt wurde. Der kritisierte Keks soll laut investigativer Recherchen örtlicher Medien nun neben Michel Temer eine besondere Rolle bei der Eröffnungsfeier am Mittwoch spielen.

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