Nordische Ski-WM Yoga im Wind

Zwischen Luft und Loipe: Bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld stehen ab diesem Mittwoch die Ausnahmekönner im Blickpunkt.

Von Volker Kreisl

Wer sich vorstellt, wie wohl all die norwegischen Langlaufsieger gemacht werden, hat bald diese Bilder vor Augen. Norwegische Spitzenläufer wachsen in schneebedeckten, von Loipen durchzogenen Weiten auf und sie wohnen in Häusern, neben deren Eingängen für Großvater, Großmutter, Vater, Mutter und Kinder je ein paar Langlaufski stehen. Sie sind allen anderen voraus, weil sie schon als Zweijährige Langlaufski zu Weihnachten geschenkt bekommen und, nachdem sie diese einmal angeschnallt hatten, nichts anderes mehr im Sinn haben, als schnell langzulaufen. Ja, so ist das mit den Norwegern, und es ist nicht nur Klischee, sondern auch die Wahrheit.

Der Langrenner

Jedenfalls im Fall von Johannes Hösflot Kläbo. Der 22-Jährige aus Trondheim ist seit vergangener Saison der neue schnellste Langläufer der Welt, auch deshalb, weil er einer Familie entstammt, in der vom Opa bis zum Bruder alle in der Loipe zu Hause sind und ihn in irgendeiner Funktion unterstützen. Kläbo hat bei den Spielen 2018 in Pyeongchang drei Goldmedaillen gewonnen, er ist seitdem der jüngste Langlauf-Olympiasieger. Schon viel früher, als Zweijähriger, hatte er am Heiligabend auf dem Teppich die kleinen Langlaufski gar nicht mehr abschnallen wollen, und nun ist er bei der Weltmeisterschaft in Seefeld der große Favorit auf sämtliche Sprint- Titel und auch auf weitere Medaillen.

Zudem repräsentiert Kläbo gerade ein Ski-nordisch-Team, das derart stark ist, dass dieser Überblick, abgesehen von den Skispringern, eigentlich nur mit Norwegern bestückt werden müsste, ginge es ausschließlich um die Top-Favoriten. Kläbo aber repräsentiert das Prinzip Norwegen vielleicht gerade am besten. Er ist jung, talentiert, verfügt über eine Ausnahmetechnik im klassischen Stil, in dem er weniger gleitet als springt, in gewisser Weise also langrennt. Er wurde behutsam aufgebaut, ließ in seinen Anfangsjahren auf höchstem Niveau immer wieder Wettkämpfe aus, und ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung.

In diesem Winter ließ er nur fünf Weltcuprennen aus, gewann aber, selbstredend als bislang Jüngster, die Tour de Ski, führt im Weltcup mit 200 Punkten und unter anderem sieben Siegen und gilt am Donnerstagnachmittag - wie seine ebenfalls überragende Teamkollegin Ingvild Flugstad Oestberg - als erster Anwärter auf den obersten Platz beim Sprint, dem ersten Finale dieser Weltmeisterschaft.

Die Gründungsmutter

Alles kann aber auch ein Alleskönner nicht haben. Was dem Großtalent Kläbo natürlich noch fehlt, ist so etwas wie ein Verdienst um seinen Sport. Das erreicht man, wenn überhaupt, im Laufe der Jahre, wie die österreichische Skispringerin Daniela Iraschko-Stolz aus Eisenerz in der Steiermark. Sie ist 35 Jahre alt und hat nicht nur viel trainiert und gewonnen, sondern auch viel erlebt. Sie zählt noch zu dem Gründungsmüttern ihrer Sportsparte, ist natürlich die Älteste in ihrem Team und wurde auch schon von jemandem als Team-Oma bezeichnet, was sie durchgehen ließ, weil derjenige ihr Trainer war.

Am Himmel über Tirol: Der Nordische Kombinierer Johannes Rydzek, Olympiasieger von 2018, gehört auch bei dieser Weltmeisterschaft zum Kreis der Favoriten.

(Foto: Christian Walgram/imago)

Iraschko-Stolz führte neben dem Ringen um Bestweiten weitere Kämpfe in ihrem Sportlerleben. Sie war schon in den Neunzigerjahren mit dabei, als die Skispringerinnen gegen das Vorurteil kämpften, dieser Sport sei gesundheitlich, nix für Frauen. Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 sah sie sich dann mit einem menschenverachtenden Vorurteil konfrontiert: Zur Beziehung mit ihrer Partnerin öffentlich einzustehen, ist durch das Anti-Homosexuellen-Gesetz in Russland verboten. Iraschko-Stolz positionierte sich zwar, setzte ihren Fokus aber auf das, was sie aus Sotschi mitbringen wollte, nämlich eine Medaille. Sie gewann Silber.

Jahrelang war sie zugleich Fußballerin (mit Wacker Innsbruck dreimal Meisterschaftszweite und zweimal im Pokalfinale) und Skispringerin. Das sind gleich zwei knieverschleißende Disziplinen, was zum dritten Kampf führte, dem um das Comeback nach Verletzungen. Wie im vergangenen Olympiawinter, so musste Iraschko-Stolz auch in dieser Saison lange aussetzen. Das Knie war nach Operationen wieder "gut", wie sie sagt, im November aber brach sie sich bei einem Sturz das Nasenbein. Nachdem sie zuletzt noch eine leichtere Lungenentzündung auskuriert hat und erste Trainingssprünge wieder weit genug gingen, steht ihrem WM-Einsatz so gut wie nichts mehr entgegen. Die Grundform, um es mit der norwegischen Spitzenkandidatin Maren Lundby, den Deutschen Katharina Althaus und Juliane Seyfarth und der Japanerin Sara Takanashi aufzunehmen, hätte sie: Zwei Springen hat sie in dieser Saison schon gewonnen.

Der Pendler

Im Skispringen sind Siege besonders schlecht vorauszusagen, sogar dominierende Athleten wie der Seriensieger dieser Saison, Ryoyu Kobayashi, plagen rätselhafte Formeinbrüche. Insgesamt hat der Japaner aber die vielen hinterlistigen Einflüsse auf die Springer-Form so gut im Griff, dass er weiter als WM-Sieganwärter gilt. Dahinter sind in diesem oft rätselhaften Sport nun alle möglichen Überraschungen denkbar, sogar dass Richard Freitag bei der WM nun wieder, wie die Springer sagen, "einen raushaut". Vielleicht sogar zwei oder mehr.

Die Wettkampfform des Mannes aus dem Erzgebirge, der heute in Oberstdorf wohnt, driftete in den vergangenen Jahren heftig runter, dann weit hinauf und wieder herab. Nach einer verkorksten Olympiasaison 2014 stabilisierte er sich zunehmend, steigerte sich im Winter 2018 zu Bestform, führte die Weltcupwertung vor der Vierschanzentournee an, musste dann als aussichtsreicher Zweiter in Innsbruck nach einem Sturz aussteigen, holte dennoch Bronze bei der Skiflug-WM, verlor im aktuellen Winter aber die Intuition für den Sprung, kämpfte sich drei Monate lang zurück, hatte zwischendurch Hüftbeschwerden nach einem Sturz, stieg teilweise ganz auf Training um - und landete am Wochenende in Willingen plötzlich wieder auf Platz vier.

Bloßer Zufall ist diese Rückkehr unter die besten Fünf nicht. "Hinter dem Formaufbau von Richard Freitag steckt sehr viel Arbeit", sagt Bundestrainer Werner Schuster. Rechnen für den Kampf um die Podeste ab Samstag (14.30 Uhr, Großschanze in Innsbruck) wird er aber eher mit seinen zuletzt stabilsten Springern: Markus Eisenbichler aus Siegsdorf, der in Willingen Zweiter wurde, und Karl Geiger (Oberstdorf), der hier tags zuvor sogar seinen zweiten Weltcupsieg feierte.

Richard Freitag hält Schuster vorerst für einen Anwärter auf das Teamspringen: "Er kann ein sehr wichtiger Bestandteil der Mannschaft werden", sagt er. Vieles wird aber wie immer vom sensiblen Sprunggefühl abhängen, das wiederum von lauter nicht erzwungenen, gelungenen Versuchen kommt. Denn mit hohen Erwartungen sollte man einen Springer nie belasten, sonst verkrampft er. Man sollte also auch nicht daran erinnern, dass die enge Bergisel-Schanze in Innsbruck eine typische Springerschanze ist, und dass Richard Freitags Stärken im Sprung und weniger im Fliegen sind. Und überhaupt erst gar nicht daran denken sollte man, dass Freitag hier 2015 gewann, auch sonst stets gut abschnitt, und sogar mitten in diesem verhexten Winter, als er im Schnitt um Platz 20 pendelte, Achter wurde.

Der Nervöse

Silber ist okay, hat Akito Watabe im Februar vor fünf Jahren, nach seinem zweiten Platz bei den Olympischen Spielen in Sotschi, gesagt, mehr noch: "Der zweite Platz ist genau mein Platz." Und nachdem ihm der Deutsche Eric Frenzel bei den Spielen in Pyeongchang 2018 abermals Gold weggeschnappt hatte, gab Watabe zwar zunächst zu, dass er sich jetzt schon ärgere, weil ihn Frenzel im langen Schlussspurt abgehängt hatte, im Wesentlichen aber blieb es dabei: Silber ist okay.

Silber okay? 2018 war der Japaner Watabe der überragende Kombinierer, es war seine Saison: Die Deutschen hingen bis unmittelbar vor den Spielen mangels Sprungform hinterher, und den Norweger Jarl Magnus Riiber - der nun in Seefeld alles gewinnen wird, falls er nicht krass patzt -, den gab es in dieser Form noch nicht. Für Akito Watabe aus dem Skidörfchen Hakuba in der Präfektur Nagano war dies die Goldchance seines Lebens. Silber ist ein verdammter Fluch, hätte jeder andere behauptet - oder er hätte gelogen. Watabe aber, mittlerweile 30 Jahre alt, ist anders, ihm nimmt man das ab.

Seit zehn Jahren zählt er zu den fast Besten. Dreimal war er Zweiter in der Bilanz am Ende der Saison, dreimal Dritter, und ja, nach der kurzen Enttäuschung von Pyeongchang sicherte er sich doch noch zum ersten Mal den Gesamtweltcup, wofür diesen Sieger die Experten loben, wofür es aber kein Gold gibt. Nun ist Watabe wieder Zweitbester im Weltcup hinter Riiber, und womöglich krönt der Mann mit der großen Geduld sich selbst gegenüber, mit der fernöstlichen Art, in Seefeld doch noch seine Karriere.

Dazu müsste er allerdings auch endlich mal die Deutschen abhängen, also diesmal vor allem den wieder erstarkten anderen Einzel-Olympiasieger von 2018, Johannes Rydzek, zudem dessen Kollegen und Team-Olympiasieger, Vinzenz Geiger, oder auch den jungen Österreicher Franz-Josef Rehrl - und wie immer die eigene Angst oben auf der Schanze. Daraus macht er kein Geheimnis. In Pyeongchang sagte er dem IOC-Nachrichtendienst, er sei "wirklich immer nervös auf der Schanze".

Weniger die Höhe als der unberechenbare Wind machten ihm zu schaffen, wenn's losgeht, werde ihm regelmäßig bange, auch nach so vielen Jahren. Dennoch, Watabe hat schon vieles ausprobiert, und seine Techniken scheinen zu funktionieren, sonst wäre er nicht so weit gekommen: hartes Training für die Loipe, Yoga oder Karate für die Körperbeherrschung beim Sprung, und Zen-Meditationen für die Gelassenheit, auch bei Wind.