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Nordische Kombination:Mit Zen zu Bronze

Akito Watabe.

(Foto: Stanko Gruden/Agence Zoom)

Der Japaner Akito Watabe verfolgt mit seinen Meditationen mehr als ein bisschen Mentaltraining für die Nerven - bei der WM in Seefeld verdient er sich eine Medaille.

Akito Watabe hat es wieder nicht geschafft. Im entscheidenden Moment, als er mit seinen Kontrahenten aus Norwegen und Österreich auf die Ziellinie zuraste, da genügten die Sprintkräfte des Kombinierers abermals nicht, und Jarl Magnus Riiber und Bernhard Gruber skateten und stemmten sich an ihm vorbei. Die Frage ist nur, was das eigentlich heißt: es zu schaffen.

Um Gold geht es selbstredend, und auch der Japaner Akito Watabe, 30, und seit mehr als 15 Jahren in diesem komplizierten, weil aus gegensätzlichen Beanspruchungen bestehenden Sport, jagt dem seit seinem Weltcupdebüt im März 2006 nach. Und in Seefeld hat er zunächst alles richtig gemacht. Watabe gelang auf der Normalschanze ein erstklassiger Sprung, der ihn im anschließenden Verfolgungsrennen auf einen komfortablen sechsten Startplatz trug, 21 Sekunden hinter dem Führenden.

Diese Ausgangslage kennt Watabe, er zählt zu jenen Kombinierern, die Springen und Langlaufen fast gleich gut beherrschen. Weil ein guter Läufer wie der Italiener Alessandro Pittin schwere Bein- und Armmuskeln mit sich trägt, kann er zwar formidable Aufholjagden veranstalten, doch beim Springen erinnert er weniger an eine Fliege als an eine Hummel. Watabe aber gelingt beides, weshalb das japanische Staffelteam am Samstag hinter Norwegen, Deutschland und Österreich Außenseiterchancen auf eine Medaille hat. Und das hängt auch damit zusammen, dass Watabe sich von den meisten Sportlern abhebt, weil er eine dritte Disziplin übt: Zen.

Spricht man mit ihm, so wird deutlich, dass Watabe mit seinen Meditationen mehr verfolgt als ein bisschen Mentaltraining für die Nerven. Er sagt: "Zen ist Teil meines Lebens. Es ist der Grund, warum ich seit Jahren an der Spitze bin." Angefangen hatte er damit vor sechs Jahren, in der Vorbereitung auf Olympia in Sotschi. Watabe begann die Philosophie dahinter zu studieren, die ihn fesselte, obwohl sie doch das Gegenteil des großen Kampfs gegen sich selbst darstellt, den Sportler immer mit den Worten ausdrücken: "Ich hab' heute 120 Prozent gegeben!"

Akito Watabe geht es zunächst um Entspannung und um Konzentration, wenn er zum Beispiel seine immer noch vorhandene Angst vor dem Wind und einem Sturz beim Springen überwinden muss. Noch wichtiger scheint ihm aber der Langzeiteffekt zu sein, denn er sagt: "Es geht bei Zen nur darum, das zu tun, was gerade in diesem Moment passiert." Mit diesem Bewusstsein für kleinste Feinheiten hat er seine Lauftechnik optimiert - und auch sein Sprungtraining, was besonders wichtig ist, weil wegen des Aufwands für jeden einzelnen Versuch nur wenige Wiederholungen pro Tag möglich sind. Diese Effizienz gelingt ihm, weil Zen ja auch bedeutet, loszulassen, wenn der Weg nicht weitergeht.

Schlüssig klingt das alles, bleibt nur die ziemlich westliche Frage: Wie gewinnt man mit Zen einen Zielsprint?

Watabe hat 17 Weltcupsiege erreicht, aber gegen Topsprinter auf den letzten Metern eher selten, und jetzt muss er grinsen. Loszulassen, das sei seine Philosophie, "aber vielleicht auch der Grund, warum ich so viele Silbermedaillen habe." Auf den letzten Metern im Einzelrennen in Seefeld hätte er seinen Gegnern früh davon laufen müssen, doch er hat sie nicht abschütteln können und auf der Ziellinie dann doch losgelassen.

Aber der Weg geht weiter, mindestens bis Olympia 2022, sagt Watabe, weiter will er nicht denken. Und geschafft hat er in Seefeld auch einiges: das Maximum, was drin war, Bronze.

© SZ vom 02.03.2019

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