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Neue Bälle beim Tischtennis:Beginn des Plastikzeitalters

Peking 2008 - Tischtennis Deutschland - Kroatien - Ovtcharov

Der leicht entflammbare Ball aus Zelluloid wird ausgetauscht: Im Tischtennis beginnt das Plastikzeitalter.

(Foto: dpa)

Tischtennisbälle sind hochgiftig und brennen schnell. Deshalb soll nun mit Plastik statt mit Zelluloid gespielt werden. Für die Profis ist das eine schlechte Nachricht: Sie sprechen von der schwerwiegendsten Veränderung in der Geschichte ihres Sports.

Bei Tischtennis denken viele Menschen an einen Hobby-Sport, der besonders gern im Sommer in Freibädern betrieben wird und für den sich der abwertende Ausdruck "Pingpong" eingebürgert hat. Dabei ist Tischtennis eine hochgradig komplexe Sportart, die Fitness ebenso voraussetzt wie eine pfeilschnelle Reaktionsgeschwindigkeit.

Etwa 600 000 aktive Tischtennisspieler gibt es in Deutschland, organisiert in rund 10 000 Vereinen - damit zählt das temporeiche Spiel an der Platte zu den beliebtesten Sportarten überhaupt. Anfang Juli steht dieser Sport vor einer tief greifenden Zäsur. Der leicht entflammbare Ball aus Zelluloid wird ausgetauscht: Im Tischtennis beginnt das Plastikzeitalter.

Mit reibungsintensiven Topspin-Duellen hat die Entscheidung freilich nichts zu tun. Vielmehr damit, dass Zelluloid bei der Herstellung giftig ist und schnell brennt. Weil die Bälle bisher mit großem Aufwand als Gefahrgut aus Asien importiert werden müssen, soll das giftige Material verbannt werden. Vom 1. Juli an wird zunächst auf Weltniveau, danach sukzessive auch im Breitensport mit einem zelluloidfreien Ball gespielt. Doch die Sportler fürchten diesen Plastikball; sie sprechen gar von der schwerwiegendsten Veränderung in der Geschichte ihres Sports.

"Spieler der unteren Klassen werden kaum Unterschiede merken"

Der Plastikball hat andere Eigenschaften als der aus Zelluloid: Er klingt dumpfer, springt höher und rotiert aufgrund seiner glatteren Oberfläche weniger. Noch weiß niemand ganz genau, wie die neuen Bälle springen, denn kaufen kann man den Plastikball frühestens Ende Juli; die Industrie steckt noch in der Endphase der Erprobung. Und so herrscht zwischen chinesischen Internaten und deutschen Schulhöfen Ungewissheit, welche Veränderungen zu erwarten sind.

Trotz der Lieferverzögerungen sollen Spitzenturniere offiziell vom 1. Juli an zelluloidfrei sein. Auch die Bundesliga, die im August beginnt, stellt zur nächsten Saison um. Niederrangigen Spielklassen steht es frei, mit welchem Ball sie spielen; der Tischtennisbund empfiehlt aber auch hier die Umstellung auf Plastik. Etwa die Hälfte der 20 Landesverbände will dem alten Zelluloidball jedoch vorerst die Treue halten.

Matthias Vatheuer, Generalsekretär des Tischtennisbundes, sagt: "Zelluloid oder Plastik - das sind keine zwei Welten." Diese Einschätzung bezieht sich auf die Breitensportler. Spitzenspieler wie Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov dagegen bereitet der rotationsärmere neue Ball aus Plastik schlaflose Nächte. Für Vatheuer sind diese Sorgen verständlich: "Unsere Topstars sind wie Rennpferde, die spüren minimalste Unterschiede."

Rahul Nelson ist Chefredakteur des Magazins Tischtennis, Ex-Zweitligaspieler und jetzt Breitensportler beim TTC Münster. Dort war kürzlich Mitgliederversammlung, aber über den Ball-Wechsel gab es keine große Aufregung. Nelson hat einige Prototypen getestet und behauptet: "Spieler der unteren Klassen werden kaum Unterschiede merken." Das werden Millionen Menschen in den Hobbykellern erst nachprüfen