Montagsspiele Es geschah an einem Montag

Nach der ersten wird auch die zweite Bundesliga in Zukunft ihre Spiele nur noch von Freitag bis Sonntag austragen. Doch damit geht auch ein Kulturgut verloren. Ein Streifzug durch 25 Jahre Fußball zum Wochenbeginn.

Die Klubs der zweiten Liga haben sich am Montag darauf geeinigt und am Dienstag bekanntgegeben, dass es von der Saison 2021/22 an keine Montagsspiele mehr geben wird. Das Topspiel findet demnächst am Samstagabend statt. Der Montagstermin war bei den Fans schon unbeliebt, als er 1993 geschaffen wurde. "Montags gehört Vati mir", titelte 1997 der Übersteiger, das Fanmagazin des FC St. Pauli. "Das ist ein Erfolg, der uns beflügeln wird", sagte Sig Zelt, der Sprecher von Pro-Fans, dem Sportinformationsdienst. Was bleibt, sind Geschichten.

Pioniere

Am Anfang, sagt Olaf Schröder, war der Anpfiff nie pünktlich. Bis 2017 der Sender Sky die Rechte kaufte, lief das Montagsspiel im Deutschen Sport-Fernsehen (DSF), später Sport1. Vom Sender stammte überhaupt erst die Idee. Und die, erzählt Schröder, Sport1-Geschäftsführer und damals verantwortlicher Redakteur, sei recht spontan umgesetzt wurden, "kurzfristig". Deshalb fand das erste Montagsspiel nicht am ersten, sondern am 12. Spieltag statt: St. Pauli gegen Bochum. Schröder erzählt, wie vor dem Spiel Trainerinterviews geführt wurden, wie sich deshalb der Anstoß verzögerte. Er sah in den Jahren danach spätere Nationalspieler erstmals auf der großen Bühne, Michael Ballack, Gerald Asamoah. Lukas Podolski lupfte am Montagabend gegen Saarbrücken das Tor des Monats. "Es wurde eine echte Fußball-Marke geschaffen, die der zweiten Liga auch finanziell geholfen hat", sagt Schröder. Und als er von der Entscheidung hörte, die Marke abzuschaffen?

"War ich fassungslos." Große Bühne Willi Landgraf, 50, hat 508 Spiele in der zweiten Liga bestritten, so viele wie kein Zweiter. Die Kündigung des Montagsspieltags hat er, inzwischen Nachwuchstrainer beim FC Schalke, mit Wehmut vernommen: "Die lange Trainingswoche war zwar immer nervig, aber ich habe immer gern am Montag gespielt. Sich mal im Fernsehen zu zeigen, das fand' ich interessant. Da hatte man das Gefühl: Uns gehört die ganze Bühne." Am liebsten unter Flutlicht auf dem Tivoli in Aachen. Einmal hat er für Alemannia gegen den MSV Duisburg eines seiner seltenen Tore geschossen, "aus 25 Metern, das vergisst man nicht". 1993 gehörte er als Profi des FC Homburg sozusagen zum Gründungspersonal des TV-Events, das Stadion war zwar weitgehend leer, 3500 Zuschauer, "aber für den ersten Testlauf war es nicht schlecht, und heute gibt es ja Spiele wie HSV gegen Köln. Da guckt man doch gern zu, weil man am Montagabend sowieso nicht viel zu tun hat."

Keine Bühne

Der auffälligste Zuschauer dieses Spiels, das offiziell keine Zuschauer hatte, posierte gleich auf mehreren Fotos. Mal hielt er auf der Tribüne den linken Daumen hoch, mal einen von zwei Schals, mal riss er beide Hände hoch, während hinter ihm das Spiel lief. Der auffällige Zuschauer trug eine weiße Mütze mit Löchern für die Augen, ein weißes Gewand, von den Ärmeln baumelten weiße Fetzen. Er war ein Gespenst mit Alemannia-Aachen-Schals. An jenem 26. Januar 2004 erlebte der deutsche Profifußball sein erstes Geisterspiel, Alemannia Aachen gegen den 1. FC Nürnberg, am alten Tivoli. Ein aus dem Aachener Block kommendes Wurfgeschoss hatte im November zuvor den Nürnberger Trainer Wolfgang Wolf am Kopf getroffen. Das Spiel, das die Alemannia 1:0 gewonnen hatte, wurde annulliert und nachgeholt. Neben dem Gespenst schafften es Journalisten, Techniker, Stadionpersonal und Delegationsmitglieder ins Stadion. Sie sahen ein 3:2 der Alemannia.

Schönster Schuss

Vielleicht, meint Alexander Voigt, sei es auch mal ganz gut, wenn es einen Tag ohne Fußball gebe: "Dann kann man wenigstens einmal in der Woche etwas Anderes machen." Er selbst verdankt einem dieser Abende allerdings eine Woche, die er nie vergessen wird. An jenem Montag im Mai 2000 spielte der Verteidiger Voigt, damals 22, mit dem 1. FC Köln bei Hannover 96. Der FC hatte mit seinem gestrengen Trainer Ewald Lienen eine sehr gelungene Saison hingelegt, vor Erfolg sei "die Zeit wie im Flug vergangen". In Hannover stand am 30. Spieltag das erste Finale um den ersten Aufstieg der Vereinsgeschichte an. "Es lief erst mal suboptimal, wir waren schnell 0:2 hinten, im Hinterkopf dachte man: Jetzt musst du noch eine Woche warten." Aber der FC kam zweimal zurück, und in der 81. Minute kam dann Voigt - mit einem Gewaltschuss zur 4:3-Führung. Das 5:3 folgte, bevor in Hannover "der Bär abging", wie ein Polizeisprecher die Feier der FC-Fans beschrieb. Bis zum Wochenende wurde durchgefeiert. Voigt sagt: "Selbst der Trainer hat alles abfallen lassen und sich hingegeben." Und der hatte vorher "den korrekten Lebenswandel total vorgelebt".

Schönste Stimme

Jürgen Klopp, damals noch Trainer von Mainz 05, konnte ihn nicht mehr hören. Zweite Liga am Montagabend, das klang stets nach Jörg Dahlmann, Thomas Herrmann oder Markus Höhner. Letzterer kommentierte 2003 fürs DSF ein Spiel von Mainz 05 in Ahlen, Mainz führte kurz vor Schluss 3:2. Als Höhner sagte, es liege ein Tor in der Luft, fiel der Ausgleich (90.). Und als er vorhersagte, Ahlen könne nun noch gewinnen, da fiel das 4:3 (90.+2). Mainz verlor, verpasste später den Aufstieg. Klopp, erzählt Höhner, habe das Spiel in der Zusammenfassung gesehen. Und er habe ihm noch Jahre später gesagt: "Für dieses Spiel hasse ich dich!"

Montagsmuffel

Peter Neururer kennt seine Einsatzbilanz als Cheftrainer im Profifußball sehr genau - "619 Pflichtspiele!" -, aber wie oft er dazu am Montag ausrücken musste, das weiß er nicht. Was er weiß: "Ich bin froh, wenn's vorbei ist. Der Montagabend war immer unangenehm, man musste immer dem Rest der Liga hinterherspielen." Da spricht nicht nur der Trainer ("von der Periodisierung her eine Katastrophe"), sondern auch der Traditionalist: "Samstag 15:30 Uhr und dazu ein Spiel am Freitag, das fände ich ideal, aber das geht ja nicht mehr." Einmal immerhin war der Montag ein richtiger Festtag, sowohl für ihn als Trainer, wie auch für seinen Arbeitgeber. LR Ahlen live im deutschen Fernsehen anno 2000, "das war für den Verein die unglaubliche Geschichte schlechthin", erzählt Neururer, "der Präsident Helmut Spikker ließ sich live aus seinem Haus auf Mallorca dazuschalten. Größter Tag der Vereinsgeschichte." Wie es ausging, weiß Neururer nicht mehr, "aber ich bin sicher, wir haben gewonnen - weil ich alles gewonnen habe damals". Stimmt: Neururers Ahlener siegten 2:1 auf dem Mönchengladbacher Bökelberg.

Montagsheld

Weshalb das DSF sich Schweinfurt gegen Ahlen als Topspiel aussuchte, blieb ein Geheimnis. Am 26. November 2001 erschienen nur 3250 Zuschauer bei Starkregen im Schweinfurter Stadion. Doch dann kam Ermin, genannt "Erwin" Melunovic - und erlebte den Höhepunkt seiner Karriere. Beim 4:2 erzielte er alle vier Tore. Sein schlammbeflecktes Trikot von jenem Abend hing 15 Jahre lang im Regieraum der Sportschau.

Neulich gab der WDR es bei der DFB-Pokal-Auslosung zurück. Montagswunsch Eigentlich hätte der SV Sandhausen schon ganz gerne öfters montags mitgespielt. "Wir kamen ja relativ selten in den Genuss", sagt Dag Heydecker, er erinnert sich an höchstens zwei Spiele mit Beteiligung des SV Sandhausen am Montagabend, allerdings ist er auch erst seit dieser Saison Marketinggeschäftsführer des Klubs. Was er jedoch mit Bestimmtheit sagen kann: dass sich die Spiele für Sponsoren ohnehin nicht mehr lohnen, seit sie nicht mehr im Free-TV übertragen werden. Seit 2017, findet er, ist es "Jacke wie Hose", ob Sandhausen, der oftmals als Provinzklub verschmähte Zweitligist, nun sonntags oder montags spiele, jedenfalls aus Vermarktersicht. Aus Sicht des Fans, sagt Heydecker, "finde ich die Entscheidung komplett richtig. Ich bin prinzipiell gegen Montagsspiele".