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Marathon in London:Einfach davongelaufen

Fassungslos: Eliud Kipchoge im Ziel des London-Marathons, den er in 2:03:05 Stunden gewonnen hat.

(Foto: Justin Tallis/AFP)

Eliud Kipchoge verbessert in London beinahe den Marathon-Weltrekord - und wirbt um Vertrauen für Kenias Läufer, deren Olympia-Start nach wie vor gefährdet ist.

Von Johannes Knuth, London/München

Eliud Kipchoge drehte sich um, blickte noch einmal auf die Anzeige über der Ziellinie, die er gerade passiert hatte. Nein, es war kein Irrtum, diese Zeit, die er gerade in die Marathonwelt gesetzt hatte. Also schüttelte Kipchoge den Kopf. Es dauerte ein wenig, ehe er das übliche Protokoll abarbeitete, winken, lächeln, Glückwünsche abnehmen. Kipchoge hatte die Eliteläufer in eine schnelle Anfangsphase getrieben, so schnell, dass sie später alle zurückfielen: Dennis Kimetto, Weltrekordinhaber aus Kenia, Ghirmay Gebrselassie, Weltmeister aus Eritrea, die Kenianer Wilson Kipsang und Stanley Biwott. Kipchoge war seinen letzten Begleitern einfach davongelaufen. Er traf nach 2:03:05 Stunden ein, winzige acht Sekunden zu spät, um den Weltrekord in Besitz zu nehmen.

Kenias Läufer waren wieder die Hauptdarsteller am Sonntag, beim Marathon in London. Jemima Sumgong gewann bei den Frauen, sie prallte nach 30 Kilometern mit dem Kopf auf den Asphalt, stand auf, gewann trotzdem. Und dann war da Kipchoge, der die drittschnellste Zeit produzierte, die bislang aufgezeichnet wurde, vor Biwott (2:03:51) und Kenenisa Bekele (2:06:31); der verletzungsgeplagte Äthiopier wurde guter Dritter. Arne Gabius stieg zur Halbzeit wegen Magenschmerzen aus. Hendrik Pfeiffer reichte derweil in Düsseldorf (2:13:11) die deutsche Olympia-Norm ein. Über allen schwebte freilich Kipchoge, der das Ganze recht unaufgeregt zur Kenntnis nahm: "Es war schön, eine neue Bestzeit zu laufen", sagte er.

Kipchoge, 31, aus Kapsabet/Kenia, hat ein beeindruckendes Jahr 2015 hinter sich, mit Siegen bei den schwersten Stadtmarathons in London, Chicago und Berlin. In Berlin waren kurz nach dem Start die Einlagen aus beiden Schuhen gerutscht; der Hersteller hatte vergessen, sie festzukleben. Kipchoge gewann trotzdem. Am Sonntag setzte sich der Weltmeister von 2003 über 5000 Meter endgültig an der Spitze des Marathongewerbes fest. "Afrikanische Athleten haben oft wenig Bildung, ihnen fällt es schwer, sich für Neues zu öffnen", sagt Jos Hermens, Kipchoges Manager, er fügt an: "Eliud ist offen für alles." Er trainiert in einem kleinen Camp im kenianischen Hochland, spartanisch ausgestattet, gedacht für Athleten, die wenig Geld und Erfahrung haben. Aber Kipchoge, längst Lauf-Millionär, mag das Einfache, das ihn an die wesentlichen Dinge im komplexen Marathon erinnert, die Gemeinschaft im Camp. Was auch bedeutet, dass der beste Marathonläufer der Welt ab und zu die Toiletten putzt. "Er ist eine Persönlichkeit, die brauchen wir bei all diesem Dopingmist", so sieht der Athletenmanager Hermens das.

Arne Gabius gibt in London auf - Hendrik Pfeiffer schafft in Düsseldorf die Olympia-Norm

Das Thema Doping hing über dem Marathon in London wie eine düstere, dichte Gewitterfront, angeschoben von diversen Skandalen in Russland und Kenia, und die Beteiligten hatten große Mühe, das Thema zu moderieren. "Doping ist ein krimineller Akt, aber das bedeutet nicht, dass der ganze Sport verfault ist", beteuerte Wilson Kipsang vor dem Rennen, "wir werden im Marathon gründlich getestet." Da ist was dran, World Marathon Majors, das die großen Marathons organisiert, leistet sich ein privates Testprogramm, sie überwachen 128 Athleten, jeder wird mindestens sechs Mal pro Jahr getestet. Schön, wenn die Geschichte nicht immer wieder gelehrt hätte, wie leicht Tests zu umfahren sind. Dunkelziffern aus Studien legen ja nahe, dass der Sport weitaus weniger Täter erwischt, als er könnte und müsste. Und so zeigte der Marathon in London wieder einmal, wie tief sich der Generalverdacht in den Sport gefressen hat. Nicht zuletzt, weil der Weltverband das Problem lange undurchsichtig verwaltete, teils durch Korruption der alten Eliten verstärkte.

Auch Kenia ist zuletzt in den Fokus gerückt. Nach wie vor ist ungewiss, ob dessen Ausdauerkönner im August in Rio antreten dürfen. Rund 40 Athleten wurden in den vergangenen drei Jahren erwischt, andere Spitzenkräfte, berichten Szenekenner, sind seltsam langsam unterwegs, seitdem sie schärfer kontrolliert werden. Kenia muss der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada bis zum 2. Mai beweisen, dass sie den Anti-Doping-Kampf gestärkt haben, sonst droht der Olympia-Bann. "Die Dinge haben sich geändert", sagte Kipchoge in London, er verwies auf das Anti-Doping-Gesetz, das sie gerade im Parlament durchgewinkt haben. Darin steht, dass "die nationale Anti-Doping-Agentur diverse Tests bei Sportlern durchführen muss". Was gar nicht so einfach ist in einem Land, das dringendere Probleme hat als den Anti-Doping-Kampf. Und das Proben noch immer nach Bloemfontein/Südafrika transportiert, ins einzige, von der Wada akkreditierte Labor des Kontinents. Das Labor in Nairobi/Kenia soll 2017 fertig werden. Heißt es.

© SZ vom 25.04.2016
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