Leichtathletik "Für mich kam nur der Sieg infrage"

Die goldene Medaille für Hindernisläuferin Gesa-Felicitas Krause krönt den letzten EM-Abend. Am letzten Wochenende drängten sich die deutschen Athleten noch einmal geballt auf dem Podium.

Von Joachim Mölter, Berlin

Es ist kein gutes Zeichen, wenn Planen als Sichtschutz um einen am Boden liegenden Sportler aufgestellt werden; in der Regel steckt dahinter eine schwere Verletzung, die akut behandelt wird. Am Sonntagabend wurden im Berliner Olympiastadion gleich zwei Athleten derart vor neugierigen Blicken geschützt, so gut das eben geht vor einer vollen Haupttribüne und laufenden Fernsehkameras. Lucas Jakubczyk, Schlussläufer der deutschen 4x100-Meter-Staffel, war im Vorlauf gestrauchelt und gestürzt; wegen "muskulärer Probleme", wie es später hieß. Sein Vorläufer Julian Reus, der gerade den Stab übergeben hatte, konnte nicht mehr ausweichen - der Jenaer purzelte über den Berliner, beide blieben erst mal auf dem Rasen neben der Zielgeraden liegen.

Erschreckender, schmerzhafter Moment: Lucas Jakubczyk (unten) stürzt nach einem Ausrutscher und reißt seinen Staffel-Kollegen Julian Reus mit.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Es dauerte, ehe zunächst Reus, gestützt auf Helfer, den Innenraum verlassen konnte; er hatte eine Schulterverletzung erlitten. Etliche bange Minuten später erhob sich auch Jakubczyk hinter den Planen, schwer bandagiert von Kopf bis Fuß. Er hatte sich beim Schlittern über die Kunststoffbahn die linke Körperseite aufgeschürft. Während Jakubczyk ins Mannschaftshotel gebracht wurde, ging es für Reus zur Untersuchung ins Krankenhaus. Beide waren glimpflicher davongekommen, als die 42350 Zuschauer im ersten Moment befürchteten, aber ihre Medaillenchance war natürlich auf der Strecke geblieben.

Der Sturz der in diesem Moment führenden Sprinter bestätigte die grundsätzliche EM-Einschätzung von Idriss Gonschinska, dem Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV): "Es haben viele, aber bei weitem nicht alle Dinge funktioniert." Am Schlusstag polierten die DLV-Athleten ihre Bilanz noch einmal auf: Gesa Felicitas Krause aus Trier verteidige ihren Titel über 3000 Meter Hindernis mit Erfolg; dazu kam die Bronzemedaille der Frauen-Staffel über 4x100 Meter. Damit kann der DLV seinen Geldgebern vom Bund insgesamt 19 Plaketten vorzeigen, sechs goldene, sieben silberne sowie sechs bronzene. Das waren mehr als bei der EM vor zwei Jahren in Amsterdam (16 Medaillen, darunter fünf goldene) und genauso viele wie bei den letzten kontinentalen Titelkämpfen auf deutschem Boden, 2002 in München, als aber nur zwei aus Gold waren. Nur einmal war der DLV erfolgreicher gewesen, vor zwanzig Jahren in Budapest mit 23 Medaillen und acht Titeln. In jedem Fall haben die deutschen Leichtathleten Hoffnung geweckt auf dem Weg zu den kommenden Großereignissen, der WM 2019 in Doha und Olympia 2020 in Tokio.

Nach einer schwierigen Saison, in der nicht alles so gelaufen war, wie sich Gesa Felicitas Krause und ihr Trainer Wolfgang Heinig das vorgestellt hatten, war der erneute EM-Erfolg in Saisonbestzeit von 9:19,80 Minuten eine Genugtuung. Die 26-Jährige hatte sich vorsichtshalber bis zum letzten Wassergraben zurückgehalten, erst dort überspurtete sie die führende Schweizerin Fabienne Schlumpf. "Ich wollte hier unbedingt gewinnen. Ich hatte keinen Plan B, für mich kam nur der Sieg infrage", sagte sie nach dem Rennen. "Es war ein atemberaubend tolles Feeling."

Zurückhaltung gab es für die Staffelsprinterinnen nicht, das war schon im Halbfinale abzusehen gewesen: Das bis dato in Europa führende deutsche Quartett war in Bestbesetzung angetreten, aber die britische Staffel legte die beste Zeit vor (42,19). Im Endlauf siegten die Britinnen dann in 41,88 Sekunden vor den Niederlanden (42,15) und den DLV-Frauen um Gina Lückenkemper (42,23). Mit drei Medaillen war damit die Britin Dina Asher-Smith die erfolgreichste Teilnehmerin dieser EM, am meisten gefeiert wurde am Sonntag aber der schwedische Stabhochspringer Armand Duplantis, 18: Er gewann mit 6,05 Metern, Junioren-Weltrekord.