Leichtathletik:Freigeist und Kämpfer

Lesezeit: 3 min

Mehrkampf-Meeting Ratingen

„Ich gehöre zu den Alten“: Zehnkämpfer Kai Kazmirek erwartet ein gut gemischtes WM-Team.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Kai Kazmirek ist das Bindeglied zwischen der alten und der jungen Generation deutscher Zehnkämpfer - zur WM nach Doha im Herbst fährt er als Medaillenanwärter.

Von Ulrich Hartmann, Ratingen

Der Kraftprotz Kai Kazmirek kann Eisenkugeln stoßen, Diskusscheiben schleudern, Speere werfen, sich an einem Stab fünf Meter in die Höhe katapultieren und Distanzen aller Art abrennen - aber Kopfzerbrechen bereitet ihm momentan eine Gymnastikprüfung an der Sporthochschule in Köln, die er im Rahmen seines Studiums absolvieren muss. Womöglich hat solche Gymnastik aber auch eine entspannende Wirkung, ist sie eine Art Yoga für Deutschlands derzeit besten Zehnkämpfer, der in drei Monaten als Medaillenkandidat bei den Weltmeisterschaften in Doha startet und schon jetzt eine Starterlaubnis für die Olympischen Spiele in 13 Monaten in Tokio sicher hat. Kazmirek beherrscht alle athletischen Ansprüche: das Brachiale wie das Filigrane.

Wer den 28-Jährigen vor Kurzem nach dem ersten Tag des Zehnkampfs in Ratingen erlebt hat, hätte sich kaum vorstellen mögen, dass Kazmirek tags darauf wieder über Hürden sprintet, Geräte wirft, mit Stäben bis auf 5,10 Meter segelt, 1500 Meter rennt und am Ende auf die oberste Stufe des Siegerpodests klettert. Nach dem 400-Meter-Lauf am ersten Wettkampftag war er kollabiert, hatte sich übergeben, schlief die folgende Nacht kaum und nahm am nächsten Morgen diverse Mittel gegen Rücken-, Waden- und Beugerschmerzen. Während sich ein normaler Mensch wohl mit dem Taxi in die Notaufnahme hätte fahren lassen, absolvierte Kazmirek bei 34 Grad Hitze, "mit einer Ibu" intus, noch die zweite Hälfte des Zehnkampfs. Immerhin lohnte sich die Schinderei: Mit 8444 Punkten qualifizierte sich der gebürtige Sachse frühzeitig für Olympia. "Wir Zehnkämpfer haben nur zwei, drei Chancen im Jahr", sagte er erschöpft, "wenn du die nicht nutzt, ist es vorbei." Und genau dieses Gefühl wollte er nicht schon wieder erleben.

Kazmirek hat ein deprimierendes Jahr 2018 hinter sich. Ein paar Tage vor der Heim-EM in Berlin im August musste er wegen Muskelschmerzen absagen; er haderte nachher noch lange, weil er glaubte, er hätte die 8431 Punkte des Siegers Arthur Abele überbieten können. Am Anfang dieses Jahres, in dem es um eine WM und um die Olympia-Qualifikation geht, tat er sich wieder mit seinem langjährigen früheren Trainer Jörg Roos zusammen. Sie hatten sich zwischenzeitlich getrennt, aber nun, nach der Wiedervereinigung, scheint es besser zu laufen denn je. Nach dem Erfolg in Ratingen dankte Kazmirek seinem Trainer überschwänglich: "Ich verdanke ihm alles. Ich hatte so viele Verletzungen, aber er kennt mich mittlerweile so gut und lässt mir meine Freiräume." Er sei halt "ein sehr individueller Athlet", der in den Wochen vor einem Wettkampf nur mache, worauf er Lust habe - "das würden mir andere Trainer sicher nicht durchgehen lassen".

Mit seinen 28 Jahren bereitet sich Kazmirek bereits auf den nächsten Lebensabschnitt vor

Im Training also ab und zu ein Freigeist, im Wettbewerb ein Kämpfer - so geht der für die LG Rhein-Wied startende Kazmirek am 2. und 3. Oktober in Doha als aussichtsreichster Deutscher in den WM-Zehnkampf, vermutlich flankiert von den jungen Niklas Kaul (21, Mainz) und Tim Nowak (23, Ulm). Vielleicht knackt auch Manuel Eitel (22, Ulm) bei den U23-Europameisterschaften in zwei Wochen noch die WM-Norm. Nicht dabei sein werden ganz sicher die Routiniers Michael Schrader, 32, Rico Freimuth, 31, und Arthur Abele, 32 - in dieser Reihenfolge immerhin die Nummern sechs, acht und neun der ewigen Bestenliste des deutschen Zehnkampfs. Alle drei sind verletzt: Schrader, der WM-Zweite von 2013, hat einen frischen Achillessehnenriss, der wohl auch seine Olympia-Hoffnungen zerstört hat, Freimuth, der WM-Zweite von 2017, laboriert an massiven Rückenproblemen, und Europameister Abele hat ein lädiertes Fußgelenk. Aber die Sommerspiele im kommenden Jahr hat Abele zumindest noch nicht abgeschrieben.

Es ist also noch nicht ganz klar, ob Olympia 2020 die Abschiedsvorstellung verdienter deutscher Zehnkämpfer wird oder schon die große Vorstellungsrunde der Jungen. Den neuen Bundestrainer Christopher Hallmann freut in jedem Fall, dass sein Team so aussichtsreich aufgestellt ist. "Schon in Doha dürfte es eine neue Mannschaft geben, das zeigt die Stärke des deutschen Zehnkampfs, der immer wieder eine neue Mischung aufbietet", findet er. Vor allem Kaul und Eitel, die wegen der baldigen U23-EM nicht in Ratingen am Start waren, gelten als Versprechen für die Zukunft.

Kazmirek zählt sich mit seinen 28 Jahren selbst nicht mehr ganz dazu. "Ich gehöre zu den Alten", sagt er lächelnd. Er erwartet im deutschen Team für Doha ebenso wie für Tokio "eine Mischung", also einen allmählichen Generationenwechsel. Mit 8580 Punkten ist er der zehntbeste Zehnkämpfer in der Geschichte der deutschen Leichtathletik. Als ausgebildeter Polizeikommissar und aktueller Sportstudent arbeitet er aber schon am nächsten Lebensabschnitt. Die Spiele in Tokio könnten für den WM-Dritten von 2017 und Olympia-Vierten von 2016 ein würdiger Höhepunkt werden. Dass Kazmirek sich dafür quälen kann, hat er zuletzt in Ratingen erneut bewiesen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB