Leichtathletik-EM in Barcelona:Ein deutsches Wochenende

Bei der Leichtathletik-EM in Barcelona holen die Deutschen an den beiden abschließenden Tagen neun ihrer insgesamt 16 EM-Medaillen, darunter einen weiteren Titel durch Weitspringer Christian Reif.

Thomas Hahn und Joachim Mölter

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Leichtathletik EM - Weitsprung - Männer

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Bei der Leichtathletik-EM in Barcelona holen die Deutschen an den beiden abschließenden Tagen neun ihrer insgesamt 16 EM-Medaillen.

Weitsprung-Europameister Reif: Es sah nicht gut aus für Christian Reif, schon in der Qualifikation nicht. Zweimal war er nicht weit genug gesprungen, nur ein Versuch blieb ihm noch - in dem flog er auf 8,27 Meter. Einstellung seiner Bestleistung. Einstellung der europäischen Jahreshöchstmarke. EM-Finale erreicht. Er habe Angst gehabt, es zu verpassen, gab er zu. Negative Gedanken, das raten Psychologen Sportlern, sollten sie nicht zulassen. "Aber ich hatte auch positive Gedanken", sagte Reif: "Ich habe die Schlagzeilen gesehen - 'Christian Reif ist nervenstark'." Es sah nicht gut aus für Christian Reif, auch im Finale nicht: Zweimal war der 25-Jährige nicht weit genug gesprungen, um den Endkampf der besten Acht zu erreichen, nur ein Versuch blieb ihm noch -  und dann flog er auf 8,47 Meter. Persönliche Bestleistung. EM-Titel. Weltjahresbestleistung. Nur zwei Deutsche sind im Freien je besser gewesen. Kein Zweifel: Christian Reif ist nervenstark.

Leichtathletik EM - Hochsprung - Frauen

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Hochsprung-Dritte Ariane Friedrich: Zur EM war Ariane Friedrich frisch vom Friseur gekommen, "ich kann ja hier nicht so grottig aussehen", sagte die Hochspringerin aus Frankfurt, die so blonde Haare trägt, wie sie auf keinem Kopf der Welt wachsen. Zudem hat sie sich gerade erst tätowieren lassen, auf ihrem Rücken prangt nun ein Tiger. Ihre Gegnerinnen sollten sehen: Sie ist sprungbereit. Dazu hatte sie ihren Füßen pinke Spikes übergestülpt. Friedrich mag's schrill. "Als Show würde ich das nicht bezeichnen", sagt sie, "das ist eben meine Art. Und das ist auch der Grund, warum ich so gut bin." Bescheidenheit klingt anders, aber die hat Friedrich momentan auch nicht wirklich nötig. Ihre Erfolgsserie vom vorigen Jahr mit deutschem Rekord (2,06 Meter) und Bronze bei der WM in Berlin setzte sie in Barcelona mit einer weiteren Bronzemedaille fort. Für mehr als 2,01 Meter reichte es am Sonntagabend nicht. Da half auch der Tiger auf ihrem Rücken nichts.

Harting of Germany celebrates after winning silver medal in men's discus final at European Athletics Championships in Barcelona

Quelle: REUTERS

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Diskuswurf-Zweiter Harting: Robert Harting hat Barcelona mit zwiespältigen Gefühlen verlassen. Er fand seine Würfe nicht gut, die ihm Platz zwei im Diskuswurf brachten: "Ich habe keinen richtig getroffen." Gut fand er dagegen die Aufregung um eine Pressemitteilung, die er vor seinem Start bei der EM herausgegeben hatte. Es war nur eine ganz kleine Aufregung, wenn man bedenkt, was Harting 2009 bei der WM in Berlin veranstaltet hat. Damals ist er Weltmeister geworden, hatte davor aber allzu rustikal eine Anti-Doping-Kampagne des Dopingopfer-Hilfe-Vereins zurückgewiesen. Diesmal wollte er nur eine Förderung für Leute wie seinen jüngeren Bruder Christoph, 20, anregen, die ihr Talent später entfalten als Begabungen, welche der DLV zeitig für seine Jugendkader auswählt. In seiner Mitteilung allerdings sagte Harting: "Wenn ich eine Medaille gewinne, will ich eine Fördergarantie für meinen Bruder." Ein guter Satz? Seine Würfe waren besser.

20th European Athletics Championships - Day Six

Quelle: Bongarts/Getty Images

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Staffeln mit Silber und Bronze: Sie freuten sich gar nicht. Die deutschen Sprinter hatten Platz drei im Staffelrennen erreicht hinter Frankreich und Italien, aber Tobias Unger, Marius Broening, Alexander Kosenkow und Martin Keller stiefelten über die Bahn, als wären sie gerade irgendwas geworden bei der Leichtathletik-EM in Barcelona. "Die Freude kommt noch", sagte Unger, "die Anspannung war so groß." Eine Medaille war Pflicht, schon als Entschädigung für das Vorlauf-Aus bei der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin, als Kosenkow beim zweiten Wechsel zu früh loslief und Broening alt aussah. Sichere Wechsel waren das Gebot, daran hielten sich die Vier. Kosenkow lief diesmal nicht zu früh los und verhielt sich auch bei der letzten Übergabe an Martin Keller vorbildlich. Nach dem Finale klang er sogar etwas vorwurfsvoll: "Sicherer ging es wirklich nicht." Aber die Taktik war richtig, an diesem Sonntagabend, der zudem der deutschen 4x400-Meter-Staffel der Frauen Silber brachte. Wie richtig die Taktik war, hatte sich tags zuvor gezeigt, als nämlich die Frauen um Europameisterin Verena Sailer über 4x100 Meter im Vorlauf an der letzten Stabübergabe scheiterten. Anne Möllinger stürzte. Traurig stapfte sie davon. Sie wird von der EM eine Träne im Augenwinkel zurückbehalten.

Leichtathletik-EM -  Siebenkamf - Frauen

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Siebenkampf-Dritte Oeser: Man darf von einem Siebenkampf nicht zu viel verlangen, findet Jennifer Oeser: "Sieben Bestleistungen gehen einfach nicht." Hat sie nach dem ersten Tag des EM-Mehrkampfes gesagt. Am Ende des zweiten waren es dann acht: vier absolute über 100 Meter Hürden (13,37 Sekunden), 200 Meter (24,07), im Weitsprung (6,68 Meter) sowie insgesamt (6683 Punkte) - sowie vier Saison-Bestleistungen in den übrigen Teilübungen. "Das wollte ich gar nicht", sagte die 26-Jährige, "ich wollte meine Bestleistung peu à peu steigern." Als Nächstes wollte sie die 6500-Punkte-Marke überwinden, nun war sie sogar fast 200 Punkte besser als bei der WM 2009 in Berlin. Da war sie Zweite geworden, nun Dritte, als Rückschritt sah sie es nicht: Das Niveau sei halt allgemein höher gewesen. Sich noch einmal zu steigern "wird jetzt wirklich immer schwerer", glaubt sie: "Ich bin ja schon in Punktbereichen, in denen ich mich nie gesehen habe."

Leichtathletik-EM - Kugelstoßen Männer

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Kugelstoß-Dritter Bartels: Der Kugelstoßer Ralf Bartels ist 32 Jahre alt. Seit 2001 nimmt er an großen Meisterschaften teil. Die Bronze-Medaille, die er in Barcelona mit 20,93 Metern gewann, ist keineswegs seine erste, 2006 war er sogar Europameister. Ralf Bartels hat so viel Erfahrung, dass er bei der EM neben seiner Disziplin-Kollegin Kleinert Kapitän des DLV-Teams sein durfte und seinem Mit-Finalisten David Storl, 20, Fünfter mit 20,57, viele gute Tipps geben konnte. Aber: Bartels hat die Erfahrung gemacht, dass Erfahrung nichts bringt. Sie hilft nicht gegen schlechtes Englisch, das er in der Sieger-Pressekonferenz auf sympathische Art vorführte ("I don't want say shit"). Sie schützt auch nicht vor technischen Fehlern, wie sie ihn am Montjuic störten. Bartels' Lehre zum Nationalkugelstoßersein: "Das muss man jedes Jahr neu erlernen." Andererseits hilft Erfahrung wohl doch ein bisschen: Platz drei erkämpfte sich Ralf Bartels mit großer Alterslässigkeit im letzten Versuch.

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Quelle: AFP

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Hürdensprint-Dritte Nytra: Sie war enttäuscht, das konnte sie nicht verbergen. Carolin Nytra hatte das Finale über 100 Meter Hürden verloren, so sah sie das zumindest im ersten Moment. Dass sie die Bronzemedaille gewonnen hatte, ihre erste internationale Medaille überhaupt, musste ihr erst gesagt werden. Und als sie dann die ersten Schritte auf die Ehrenrunde ging, "ist mir auch wieder eingefallen, dass eine Medaille ja mein Ziel gewesen war". Aber nachdem Nytra unlängst beim Diamond-League-Meeting in Lausanne 12,57 Sekunden gerannt war, galt sie als Favoritin; sie sah sich wohl selbst so. In diesem Sommer war ja keine Europäerin schneller, auch bei der EM nicht: Gold gab's für die 12,63 Sekunden der Türkin Nevin Yanit, Silber für die 12,65 der Irin Derval O'Rourke. Carolin Nytra hatte 12,68 Sekunden gebraucht, das war die zweitbeste Zeit ihrer Karriere. "Wenn die 12,57 nicht gewesen wären", sagte ihr Trainer Jens Ellrott, "würden jetzt alle jubeln."

Matthias De Zordo from Germany competes in the men's javelin final during the European Athletics Championships in Barcelona

Quelle: REUTERS

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Speerwurf-Zweiter de Zordo: Tero Pitkämäki aus Ilmajoki hat es gleich gesagt. Passt auf den deutschen Linkshänder auf, hat der frühere Weltmeister zu den finnischen Journalisten gesagt, denn am Montjuic bläst der Wind günstig für Linkshänder. Und was passiert? Matthias de Zordo, 22, Linkshänder aus Saarbrücken, Sportsoldat, früherer Handballer, lässt sich im Speerwurf-Finale nur mit Mühe und 88,37 Metern von Norwegens Olympiasieger Andreas Thorkildsen auf Platz zwei verweisen. 87,71 Meter wirft Matthias de Zordo, über drei Meter weiter als bei seiner bisherigen Bestleistung von 84,38, die er Anfang Juni in Schönebeck aufgestellt hatte. "Ich kann's nicht glauben", sagt er, aber wenn de Zordo seine Erkenntnisse von Schönebeck bedenkt, kann er es irgendwie doch glauben: "Weil ich da die Speere schon sehr verkantet habe und sie nicht richtig geradeaus geflogen sind." Außerdem: Hatte er nicht erst im Juni bei der Team-EM Thorkildsen geschlagen? War er nicht 2007 U20-Europameister? Sein Heim- und Bundestrainer Boris Henry, einst selbst Weltklasse-Speerwerfer, hat de Zordos Talent - seinen schnellen Arm, seine instinktive Finesse beim Wurf - jedenfalls schon vor Jahren als erstklassig eingeschätzt. Für viele kam de Zordos EM-Erfolg überraschend, in Wirklichkeit war er eine früh erfüllte Prophezeiung. Wobei Matthias de Zordo Pitkämäkis Meinung nicht teilt, wonach der Wind am Montjuic für Linkshänder günstiger wehe. Denn: "Thorkildsen, Rechtshänder, hat ja auch weit geworfen."

© SZ vom 02.08.2010/dop
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