Landespokal Mister Viktoria

Simon Schmidt, 35, hat es als Fußballprofi lange versucht und nie geschafft. Sein Glück hat er dennoch gefunden. In seiner Heimatstadt Aschaffenburg ist er das Gesicht des örtlichen Regionalligisten.

Von Sebastian Leisgang

Die Geschichte von Simon Schmidt ist keine besonders gute Geschichte, wenn man sie nur auf der ersten Ebene erzählt. Hier Daniel Baier und Marcel Schäfer, die es geschafft haben. Dort Schmidt, der es nicht geschafft hat. Die einen, Baier und Schäfer, sind zu Bundesligaspielern aufgestiegen. Sie haben ihr Glück in den großen Stadien dieses Landes gefunden, in München und in Dortmund, auf Schalke und in Bremen. Der andere, Schmidt, spielt in der Regionalliga für Viktoria Aschaffenburg. Auf Sportplätzen in der Provinz.

Die Geschichte erzählt davon, wie unterschiedlich Karrieren verlaufen können, doch das ist eben nur die erste Ebene. Sie hat noch eine zweite - und auf der erzählt sie, wie man sein Glück findet, ohne es geschafft zu haben.

Simon Schmidt, 35, sitzt in einem Restaurant in der Aschaffenburger Innenstadt und spricht über seinen Werdegang und das Landespokalfinale an diesem Samstag gegen den Drittligisten Würzburger Kickers. Der Sieger steht in ein paar Monaten auf der gut ausgeleuchteten Bühne des DFB-Pokals, deshalb, sagt Schmidt, sei es "noch mal ein großes Spiel" - und dieses wirft das Scheinwerferlicht auch auf ihn, den Kapitän des Außenseiters, das Gesicht der Viktoria.

Schmidt stammt aus Großostheim, einem Ort im Aschaffenburger Umland. Er spielte bereits in der Nachwuchsabteilung der Viktoria, dann zog er, als Jugendlicher von 16 Jahren, hinaus. Gemeinsam mit Baier und Schäfer ging er nach München, brachte es beim TSV 1860 aber ebenso wenig zum Profi wie beim SV Wacker Burghausen. Später spielte er beim SV Darmstadt 98 in der damaligen Regionalliga Süd - und kehrte vor zehn Jahren endgültig zurück an den Schönbusch. Mittlerweile ist er eins mit dem Klub. Nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinne. Seit er die Marke von dreihundert Pflichtspielen überschritten hat, steht in den lokalen Blättern manchmal, er sei "Mister Viktoria".

„Ich kenne so viele, die verdienen einen Haufen Geld, sitzen aber bei irgendeinem Verein in der ersten oder zweiten Liga auf der Bank und haben jeden Tag so einen Hals.“ – Simon Schmidt (rechts) darf spielen.

(Foto: imago)

Das ist gar nicht so leicht: das Gesicht eines Klubs zu sein. Es hat zwar auch was für sich, die Leute im Stadion seinen Namen singen zu hören - doch es kann auch eine Bürde sein. Die Frage, ob Schmidt ein Mensch ist, der es geschafft hat, ist eine große Frage.

Die Antwort hängt auch davon ab, wie das zu definieren ist: es geschafft zu haben. "Als Fußballer", sagt Schmidt, und zumindest das ist klar, "habe ich es nicht geschafft." Aber haben Treue und Ehrlichkeit nicht auch ihren Wert? Ist es nicht auch was, Mister Viktoria zu sein? "Die Viktoria ist ein großer Teil meines Lebens", sagt er und verschweigt, dass er selbst ein großer Teil der Viktoria ist.

Wer in Aschaffenburg an den örtlichen Fußballklub denkt, denkt nicht an Jochen Seitz, den Trainer. Auch nicht an Werner Lorant oder Andy Möller, die früheren Trainer. Nicht mal an Felix Magath, der mal am Schönbusch gespielt hat. Wer in Aschaffenburg dieser Tage an die Viktoria denkt, denkt an Schmidt. Ja, vielleicht hätte er Baier und Schäfer nacheifern können. Ja, vielleicht hätte er es mit ein wenig Glück zu einem professionellen Fußballer bringen können. Aber nein, gescheitert ist er nicht. Auch Schmidt hat es geschafft - bloß auf seine Art und Weise. "Ich kenne so viele", sagt er, "die verdienen einen Haufen Geld, sitzen aber bei irgendeinem Verein in der ersten oder zweiten Liga auf der Bank und haben jeden Tag so einen Hals. Ich bin mit mir im Reinen."

Er ist ja auch kein Niemand, bloß weil er nie über die Regionalliga hinausgekommen ist. Er ist Mister Viktoria, und er hat sogar schon mal im DFB-Pokal gespielt. Zweimal, um genau zu sein, einmal mit Burghausen, einmal mit dem SV Darmstadt 98. Viktoria Aschaffenburg hingegen hat die große Bühne letztmals vor 27 Jahren betreten, 1992 beim 0:6 gegen den VfL Osnabrück. Dass sie 1987 sogar bis ins Viertelfinale vorgedrungen ist und dabei den 1. FC Köln, den bis dato ungeschlagenen Tabellenführer der Bundesliga, ausgeschaltet hat, das ist längst zur Anekdote verkommen.

Wacker verliert fünf Mal: Die vergangenen zehn Toto-Pokal–Endspiele

2009 SpVgg Weiden - Wacker Burghausen 1:0

2010 Jahn Regensburg - W. Burghausen 4:2

2011 Jahn Regensburg - W. Burghausen 2:1

2012 SpVgg Unterhaching - SC Eltersdorf 4:3

2013 1860 Rosenheim - W. Burghausen 6:5 i.E.

2014 Würzburger Kickers - Schalding 6:4 i.E.

2015 SpVgg Unterhaching - Weiden 8:7i.E.

2016 Würzburger Kickers - Unterhaching 6:2

2017 FC Schweinfurt 05 - W. Burghausen 1:0

2018 FC Schweinfurt 05 - SpVgg Bayreuth 3:1

2019: SV Viktoria Aschaffenburg (Regionalliga) - FC Würzburger Kickers (Dritte Liga)

Samstag, 14.15 Uhr, Stadion am Schönbusch

Live in der ARD in der Konferenz zum "Finaltag der Amateure" und in voller Länge auf der Website des Bayerischen Rundfunks (ww2.br.de). Der bayerische Landespokalsieger qualifiziert sich für den DFB-Pokal.

Erst jetzt, sagt Schmidt beinahe so, als habe er schon die damaligen Zeiten mitgemacht, erst jetzt werde der Klub wieder wahrgenommen. "Seit dem Sieg im Halbfinale gegen Sechzig ist die Viktoria in Bayern wieder präsenter", findet Schmidt, "und wenn wir es jetzt in den DFB-Pokal schaffen, ist der Name Aschaffenburg vielleicht in ganz Deutschland wieder in aller Munde." Es ist ein großer Satz, den Schmidt da ausspricht, doch er darf solch große Sätze sagen.

Er sei realistisch, sagt Schmidt. In zehn Spielen gegen die Würzburger Kickers spiele die Viktoria vielleicht einmal remis, einmal gewinne sie. Dann aber fragt er: "Wer sagt, dass am Samstag nicht einer dieser zwei Tage ist?"