Kommentar Verdient, angemessen, würdig

Obwohl Golden State im Finale wichtige Spieler fehlten, darf es keine Zweifel geben: Toronto ist ein rechtmäßiger Champion.

Von Jürgen Schmieder

Was ist dieser NBA-Titel der Toronto Raptors wert? Das ist die Frage, über die sie nun heftig debattieren in den Vereinigten Staaten, und sie klingt zunächst einmal berechtigt: Kevin Durant, der nach allgemeinem Dafürhalten derzeit beste Basketballspieler der Welt, stand in der Finalserie aufgrund von Verletzungen insgesamt nur elf Minuten für die Golden State Warriors auf dem Feld. Klay Thompson, neben Kollege Steph Curry der wohl begabteste Schütze in der Geschichte dieser Sportart, musste während der letzten Partie aufgrund einer Blessur am Knie ausgewechselt werden. Der erste Titel der Vereinsgeschichte, so scheint es zumindest, ist den Raptors auf dem Silbertablett serviert worden.

Sport soll die Suche nach dem Besten einer Disziplin sein, und doch kommt es nicht nur darauf an, dass einer gewinnt, sondern auch, wie einer gewinnt. Der Rennfahrer Lewis Hamilton sagte nach seinem Sieg in Montréal angesichts der Zeitstrafe gegen Konkurrent Sebastian Vettel, dass er so nicht gewinnen wolle. In Paris versicherte Tennisspieler Dominic Thiem nach dem verlorenen Endspiel glaubhaft, dass er keinesfalls warten wolle, bis der zwölfmalige Sieger Rafael Nadal seine Karriere beendet - er wolle den Besten auf Sand nicht beerben, sondern besiegen.

Es geht im Profisport nicht immer nur um die Suche nach dem Besten. Das Volk verlangt bei dieser Sparte der Unterhaltungsbranche spannendes Spektakel und legendäre Ereignisse, dafür bezahlt es die mittlerweile horrenden Ticketpreise. Eine Veranstaltung wird nicht legendär, wenn der Gegner verletzt aufgeben muss oder einem der Schiedsrichters den Sieg schenkt. Allerdings gewinnt im Sport nicht immer der mit den größten Muskeln, der ausgefeiltesten Taktik, der schönsten Technik. Manchmal gewinnt der, der sich am Ende noch auf den Beinen halten oder dessen Geist den Muskeln befehlen kann, noch ein bisschen zu funktionieren - und manchmal, da siegt der Glücklichere, der in den entscheidenden Momenten von Verletzungen verschont bleibt.

Die Raptors haben eine grandiose Saison gespielt, sie haben trotz Verletzungen die zweibeste Bilanz der regulären Spielzeit (hinter Milwaukee) geschafft. In den Playoffs haben sie einige unvergessliche Momente geliefert, den Wurf von Kawhi Leonard in der letzten Sekunde der entscheidenden Partie während der Viertelfinalserie gegen Philadelphia, das kaum für möglich gehaltene Comeback im Halbfinale gegen Milwaukee nach zwei desaströsen Niederlagen - und natürlich diese packende Serie gegen die Warriors, die so ziemlich alles beinhaltete, was Basketball zu einer faszinierenden Disziplin macht. Es darf deshalb keinen Zweifel geben darüber, dass die Raptors ein verdienter, ein angemessener, ein würdiger Titelträger sind.