Kommentar:Unbescheidene Geburtstagsgäste

Statt mit beiden Händen herzhaft bei den angebotenen Corona-Hilfen zuzulangen, hört man die Vereine gerne weiter klagen. Manche Klubs erwecken nicht den Eindruck professionell geführter Unternehmen.

Von Johannes Schnitzler

Man stelle sich einen Kindergeburtstag vor, sagen wir, einen siebten: Geladen sind Tim, der beste Freund des Filius, Linus und Loris und noch ein paar Daniels und Davids. Die Geschenke sind überreicht, die Torte ist verdaut, die Party befindet sich im ersten Zuckertief. Also stellt man, ausnahmsweise, eine große Schüssel bunte Gummibären in die Mitte - und keiner greift zu. Bloß Gummibären? Keine Schokoküsse?

Die Bundesregierung hat, obwohl sie in der Corona-Pandemie noch ein paar Nebensächlichkeiten zu erledigen hatte wie die Verhinderung eines Massensterbens, im Juli ein Hilfspaket für den Profisport geschnürt. Darin befinden sich bis zu 200 Millionen leuchtend bunte Euro für Vereine "und Unternehmen im professionellen und semiprofessionellen Wettbewerb, die (...) einer 1., 2. oder einer 3. Liga (...) angehören", ausgenommen die erste und zweite Fußball-Bundesliga, weil die eh schon ordentlich überzuckert sind. Jeder darf bis zu 800 000 Euro aus dem Topf entnehmen zur "finanziellen Abmilderung von Einnahmeausfällen bei Ticketverkäufen". Allein die ersten Ligen in den großen Teamsportarten Basketball, Eishockey, Handball und Volleyball versammeln rund 110 Klubs, mehrere Hundert sind betroffen. Seit 1. September steht die Schüssel auf dem Tisch, die Antragsfrist endet am 31. Oktober. Greift zu!

Tatsächlich sind beim Bundesverwaltungsamt (BVA) in Köln erst 56 Anträge eingegangen über 16 893 698,27 Euro, wie Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten unter Berufung auf BVA-Zahlen am Dienstag berichteten. Nanu?

Statt mit beiden Händen herzhaft zuzulangen, hört man die Vereine klagen: Die bürokratischen Hürden seien zu hoch. So dürfen die Hilfen nur von vereidigten Steuerberatern oder Wirtschaftsprüfern beantragt werden. Außerdem müssen die Klubs ihre Bilanzen offenlegen und nachweisen, welche Verluste zwischen April und Dezember 2020 auf Corona zurückzuführen sind. Keine Altlasten.

Das sei ja richtig, lässt sich Aurel Irion, Geschäftsführer des Volleyball-Bundesligisten MTV Stuttgart zitieren: "Wir wollen auch nicht, dass Steuergelder verschwendet werden." Andererseits sei der Aufwand schon "enorm", zumal "wir erst mal jemanden bezahlen müssen, der den Antrag stellt, ohne zu wissen, was am Ende bei uns ankommt". Als wäre man ein normaler Steuerzahler. Wolfgang Gastner, Geschäftsführer der Nürnberg Ice Tigers aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL), hat das Hilfspaket im Bayerischen Rundfunk schon als "Mogelpackung" bezeichnet. Gleichzeitig räumte Gastner ein, dass die Ice Tigers 18 Millionen Euro Schulden hätten: "Jeder Klub in der DEL hat Schulden." Schon immer.

Nürnberg, wo der Schmuck-Millionär Thomas Sabo jahrelang das Minus zuschaufelte, ist nur ein Beispiel dafür, wie abhängig viele Klubs von einzelnen Geldgebern sind. Der größte Sponsor in der DEL, der nach dem Fußball zuschauerstärksten Liga, ist aber der Zuschauer: Bis zu 80 Prozent ihrer Einnahmen erlösen die Klubs nach eigenen Angaben am Spieltag. Schon immer. Vielleicht hätte man dann schon mal Alternativen ...?

In der BR-Sendung mit Gastner saß auch Carsten Bissel. Der Aufsichtsratsvorsitzende beim Handball-Bundesligisten HC Erlangen klagte ebenfalls über Einnahmeverluste, sagte aber auch, sein Klub habe in der Vergangenheit "Eigenkapital aufgebaut" und deshalb "keine Schulden". Wenn Einnahmen schrumpften, dürfe man eben weniger ausgeben. Damit verriet Bissel offenbar ein großes Geheimnis. Zwar hat auch die DEL von den Spielern einen Gehaltsverzicht verlangt, 25 Prozent mindestens. Die meisten Profis sind seit März in Kurzarbeit, die Kosten trägt der Steuerzahler. Trotzdem wird die DEL nicht müde, weitere Hilfen von der Politik zu fordern, weil mancher die (nie zugesicherten) 800 000 Euro sicher wähnte - während an diversen Standorten noch nicht einmal genehmigungsfähige Hygienekonzepte vorliegen.

Manche Profivereine erwecken in der Krise nicht den Eindruck professionell geführter Unternehmen. Sondern von Geburtstagsgästen, die nicht genug bekommen. Bis es irgendwann genug ist.

© SZ vom 14.10.2020
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