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Kommentar:Überfordert in Schlüsselfragen

FILE PHOTO: Champions League - Group C - Manchester City v Atalanta

Zurück im Spiel, der Verstöße zum Trotz: Champions-League-Ball im Stadion von Manchester City.

(Foto: Jason Cairnduff/Reuters)

Die Aufhebung der Sperre für Manchester City gewährt Superklubs freie Hand, erschüttert das Financial Fairplay - und entlarvt den Sportgerichtshof als Privatveranstaltung des sich selbst organisierenden Sports.

Kommentar von Thomas Kistner

Dass der Sportgerichtshof Cas auch umstrittene Urteile fällt, liegt in der Natur der Sache. Nicht so selbstverständlich ist, dass dies oft Urteile zugunsten systemrelevanter Betroffener sind. Im Falle des mit einer obszön sprudelnden Petrodollar-Quelle gesegneten Superklubs Manchester City gegen die Fairplay-Hüter der Europäischen Fußball-Union haben die Sportrichter entschieden, dass all die gut dokumentierten Hinweise auf Verschleierungen, Tricksereien, Absprachen nichts wert sind: weil "entweder nicht festgestellt oder verjährt".

Der Cas stärkt das System. Er kassiert mal eben das beispielhaft harte Urteil eines Großverbandes, der seine Fairplay-Regeln wirklich mit Leben erfüllen will, zugunsten eines Big Players der herrschenden Fußballelite. Das ist jener Milliardärszirkel, der das Spiel regiert, es echter Spannung schon weitgehend beraubt hat und für den es irgendwie immer so weitergehen soll. In dieser neuen Ordnung ist nicht vorgesehen, dass Regeln, die man halt zum Vorzeigen braucht, wirklich angewendet werden. Zumal die Bedeutung der Großinvestoren im Profifußball nach Corona weiter wachsen dürfte: Ist es da opportun, wenn einem Superklub wie ManCity der Champions-League-Zugang verwehrt wird, bloß weil er gegen Regeln verstoßen hat (die gegen kleinere Klubs schon wirkungsvoll angewandt wurden)?

Die Citizens konnten sich sogar auf die harte Tour durchboxen. Der Klub der Herrscherfamilie in Abu Dhabi bestritt glatt, dass die Geldflüsse im Kern aus den Investments des Scheichs stammten - obwohl das sogar in klubinternen E-Mails so beschrieben wird. Nur deren Ruchbarwerden führte ja zur Verbannung, das Vergehen selbst war schon per Geldstrafe sanktioniert worden; unter der obskuren Beihilfe des damaligen Uefa-Generals Gianni Infantino. Als die Mails dann aufflogen, sahen sich die Ermittler von City getäuscht.

Diese Mails zeigen auch, dass der Klub auf die prallen Geldspeicher am Golf baute: Die arabischen Eigner würden ihre Millionenstrafe lieber in die weltbesten Anwälte stecken als in Strafgelder an die Uefa, hieß es da. Ein wichtiger Hinweis, eingedenk des nun wolkigen Cas-Urteils? Weil diese Urteilsfindung im Hintergrund sogar die britische Betrugs-Strafbehörde SFO mit großem Interesse verfolgt hat, bleibt Hoffnung, dass die Affäre noch mal aufbrechen könnte. So oder so, heißt künftig die Frage: Schießt Geld nicht nur Tore - pulverisiert es auch die Sportregeln?

All das gäbe Anlass zu großer Sorge, wäre der Cas eine staatliche, wirklich unabhängige Instanz mit festem Personal. Aber der Sportgerichtshof ist eine Privatveranstaltung des sich selbst organisierenden Sports, die sich über die Jahre formal etwas abgesetzt hat von den Gründervätern: autonomiebeseelten Sportfunktionären wie dem deutschen Wirtschaftsanwalt Thomas Bach, der heute das Internationale Olympische Komitee regiert.

Doch im Kern lebt die Problematik fort in einer Institution, deren Richter durch den organisierten Sport berufen werden und deren Präsident John Coates ein langjähriger Intimus von Bach ist. Da kann es passieren, wie 2018 im Zuge eines Urteils zu russischen Staatsdopern, dass der IOC-Boss seine Urteilsschelte in die Forderung nach einer Cas-Strukturreform gipfeln lässt: um "Rechtsprechung mit Qualität und Kontinuität" zu garantieren.

Interessant. Gibt's die bisher nicht?

Solche Momente der Wahrheit zeigen, dass ein vom Sport dominiertes Organ überfordert ist, wenn es um Schlüsselfragen ebendieses Sports geht. Auch wird die Rechtsprechung am Cas von Juristen betrieben, die im Vergleich zur staatlichen Justiz diversen Interessenskonflikten ausgesetzt sind. Viele sind im Hauptberuf in Privatkanzleien tätig, was vermögende Sportklientel verleiten könnte, dort üppige Aufträge in anderen rechtlichen Belangen zu platzieren. Zudem wirken Cas-Juroren an Urteilen mal als Parteivertreter, mal als Richter mit. Das riecht nach einem Strukturkonflikt. Es verlockt zur Fortentwicklung eigener Rechtsansichten, auf die man sich immer wieder berufen kann.

Die Uefa hadert mit dem Urteil, es torpediert ihr erkennbares Bemühen, in der Ära nach dem zwielichtigen Infantino den Regeln Geltung zu verschaffen. Vielleicht hat das ManCity-Urteil daher etwas Gutes: Es braucht nur eine Statutenänderung, um politisch umwölkte Machtkämpfe vor staatliche Gerichte zu tragen. Anstatt vor eine luftige Sportinstitution.

© SZ vom 14.07.2020
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