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Kommentar:Trottln und Betrüger

Seitdem Doping strafbar ist, muss Claudio Catuogno häufiger ins Gericht - um darüber zu berichten.

Fast jede Woche steht gerade in Tirol ein Kunde des Erfurter Dopingarztes Mark Schmidt vor Gericht. Ein Lehrstück.

Fünf Monate Haft auf Bewährung. Ist das jetzt viel oder wenig für einen Langläufer, der jahrelang mit Eigenblut und zwischendurch auch mit Wachstumshormon gedopt hat? Hängt von der Perspektive ab: Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der verurteilte Österreicher Dominik Baldauf, 27, haben Berufung angekündigt gegen dieses Urteil, das gerade das Innsbrucker Landesgericht gefällt hat. Fortsetzung folgt also. Im Justizzentrum des Landes Tirol herrscht in Dopingsachen gerade ein ganz schönes Kommen und Gehen.

Man bekommt derzeit einen guten Eindruck, warum die aufs Geschäft bedachten Sportsachwalter sich lange gewehrt haben gegen jene Anti-Doping-Gesetze, auf deren Grundlage jetzt Spezialstaatsanwälte den Sportsumpf trockenzulegen versuchen. Fast ein Jahr ist es her, dass Ermittler bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld jenes Netzwerk aushoben, das auch Baldauf versorgte. In Deutschland wurde in der Sache inzwischen Anklage erhoben gegen den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt, die Schlüsselfigur der "Operation Aderlass", sowie seine Helfer mit Kühlbox und Zentrifuge. Und in Tirol hat derzeit fast jede Woche ein Schmidt-Klient seinen Gerichtstermin. Gerade noch in der Loipe oder auf dem Fahrradsattel, jetzt schon auf der Anklagebank.

Nüchtern betrachtet ist das erfreulich, es dient der Aufklärung. Imagemäßig ist es für den auf Autonomie und Selbstreinigung pochenden Sport ein Desaster. Mitarbeiter von Skiverband und Skifirma hätten doch vom Doping gewusst, sagte etwa Baldaufs Anwalt im Prozess. Wie könnten sie da "die Geschädigten sein"? Tja, das ist die zentrale Frage.

Doping wird im Spitzensport selten von charakterschwachen Einzeltätern, aber häufig von Netzwerken betrieben. Dass Verantwortliche wie der ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ein anderes Bild zeichnen wollen, liegt auf der Hand. Es gebe leider immer ein paar "Trottln, die so was machen", hatte er nach der Seefeld-Razzia geschimpft. Trottln? Davon muss es im ÖSV dann aber viele geben, gemessen an den Affären, die der Verband in den letzten Jahren angehäuft hat.

Als der inzwischen lebenslang gesperrte Langläufer Johannes Dürr, 32, öffentlich kundtat, im ÖSV werde Doping stillschweigend geduldet, klagte der Skiverband. Und tatsächlich fand sich zunächst ein Richter, der urteilte: Der ÖSV habe doch "eine Null-Toleranz-Politik gegen Doping"; wenn es "schwarzen Schafen" gelinge, "vom ÖSV unbemerkt zu dopen", sei das "nicht dem Leistungssport gezollt". Gegen diese eher sportferne Sichtweise ging Dürr in die Berufung - und das Oberlandesgericht gab ihm recht. Dagegen will nun Schröcksnadel durch die Instanzen ziehen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? "Es handelt sich hier um eine Organisation von Betrügern", sagt Schröcksnadel jetzt über die Doper, da sei man als ÖSV leider machtlos. Von Einzeltrottln ist nicht mehr die Rede.

Betrüger: Das sind dopende Athleten tatsächlich. Sie betrügen ihre Konkurrenz. Aber viele im Sportmilieu lassen sich auch allzu gerne betrügen, solange die Ergebnisse stimmen. Gerade an der Figur Dürr lässt sich dieses Dilemma beschreiben. Dürr war es, der in der ARD ausgepackt hat, er ist der Ausgangspunkt der "Operation Aderlass". Doch während der Kronzeuge Dürr glaubhaft "andere warnen" wollte vor dem "Scheiß" des Dopens, betrieb der Leistungssportler Dürr bis zuletzt sein Blutbeutel-Management weiter. Eine gespaltene Persönlichkeit.

Dazu passt, dass Dürr nun in Innsbruck gleich zweimal vor Gericht steht. Es geht um die Frage, was der Kronzeuge Dürr dem ÖSV vorwerfen darf. Und um die Frage, ob der Betrüger Dürr ebenfalls mit einer Haftstrafe davonkommt, die auf Bewährung ausgesetzt wird.

© SZ vom 19.01.2020
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