Kommentar:Russland wird in jedem Fall gewinnen

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Russland klagt vor Sportgerichtshof gegen Olympia-Sperre

Weht die russische Flagge weiter unter den olympischen Ringen? Diese Frage wird derzeit beim internationalen Sportgerichtshof in Lausanne verhandelt.

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

In diesen Tagen entscheidet der Internationale Sportgerichtshof, ob die Sperre gegen Russland zu drakonisch war. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen geschieht dies hinter geschlossenen Türen.

Von Johannes Aumüller

Wie sich Russland vor dem Sportgericht gerade verteidigt? Mit welchen Worten es die große Datenmanipulation im Moskauer Kontrolllabor erklärt? Was die russischen Athleten sagen, die Abgesandten der Verbände, die Vertreter der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)? Es wäre für die Öffentlichkeit sehr aufschlussreich, das mitverfolgen zu können. Aber sie kann es nicht. Sie ist ausgeschlossen von der Verhandlung.

Seit Montag und bis Donnerstag läuft in Lausanne die Verhandlung in dem wohl wichtigsten sportjuristischen Prozess des Jahres. Russland wehrt sich vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) gegen eine Vier-Jahres-Sperre, welche die Wada im Zuge des Staatsdopingskandals verhängt hat. Das Ganze findet, Termin-Zufälle gibt es, im Schatten der US-Wahl statt - und hinter komplett verschlossenen Türen. Die Öffentlichkeit muss draußen bleiben, obwohl die Regularien auch anderes hergeben würden.

Nun würde eine öffentliche Verhandlung nicht das Strippenziehen verhindern, das in der Sportpolitik und Sportjustiz rund um solche Prozesse üblich ist. Der keinesfalls unabhängige Cas fällt genügend schräge Urteile, erst im Sommer etwa den unverständlichen Freispruch für Manchester City. Aber dass in diesen Tagen in Lausanne alles im Verborgenen über die Bühne geht, passt doch bestens zum inhaltlichen Kern der Affäre: Russlands ausdauernd stille Manipulationen.

Dabei geht es vor Gericht in erster Linie nun nicht um die konkreten Details des 2015/16 aufgeflogenen Staatsdopings, das Mixen spezieller Cocktails, den Austausch von Urin durch das berühmte Mauseloch bei den Sotschi-Spielen 2014. Sondern formal ist vor allem wichtig, dass noch lange danach, und zwar bis Januar 2019, die Daten des Moskauer Labors manipuliert worden sind - mutmaßlich, um das Ausmaß des Dopingbetrugs zu verschleiern und die Wada-Ermittler zu täuschen. Russland tut so, als habe es damit nichts zu tun, sondern sei dies im Ausland geschehen. Glaubhaft ist das nicht; und es liegt die These nahe, dass die Manipulation mit Billigung von ganz oben geschah: Denn als sie sich ereignete, war das Labor längst unter der Kontrolle des staatlichen Ermittlungskomitees, das direkt der Kreml-Spitze untersteht.

Vor diesem Hintergrund wäre es verheerend, falls der Cas die Sperre der Wada aufweicht. Aber damit kein falscher Eindruck entsteht: Selbst bei einer Bestätigung der Sperre wäre die Strafe angesichts der Dimension, in der Russland die Welt betrog, nicht ausreichend. Denn die Sperre ist ja keineswegs ein Ausschluss Russlands aus dem Weltsport. Stattdessen bietet sie viele Hintertürchen. Wettkämpfe wie die Fußball-EM 2021 oder Formel-1-Rennen dürften trotzdem dort stattfinden. Und selbst für die Teilnahme von russischen Athleten können die vielen russlandfreundlichen Verbände leicht Lösungen finden. Man denke nur an die Spiele in Pyeongchang 2018, als Russland formal ausgeschlossen war, aber seine Sportler als "Olympische Athleten aus Russland" in großer Zahl antraten. Und nach dem sportlichen Höhepunkt, der Goldmedaille im Eishockey-Finale, stand die Sbornaja auf dem Eis und schmetterte geschlossen die russische Nationalhymne, frenetisch gefeiert von den Rängen.

Die Entscheidung des Cas soll nicht direkt nach der Verhandlung verkündet werden, sondern erst später. Aber klar ist ohnehin schon, dass sich Russland als Sieger fühlen darf. Es ist nur die Frage, wie hoch der Sieg ausfällt.

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