Kommentar Reizklima in Kehre sieben

Johannes Knuth, 31, müsste sich bis zu einer möglichen Kandidatur um die Wada-Präsidentschaft noch eine Weile gedulden.

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Die Wut der Fans auf Christopher Froome hat ein inakzeptables Ausmaß erreicht, er wird fast vom Rad geschubst. Doch die Antipathien einfach zu ersticken, hilft der Debatte um den dringenden Doping-Verdacht auch nicht.

Von Johannes Knuth

Kehre sieben ist tot. Kehre sieben, die immer die fiebrigste dieser Partykehren von Alpe d'Huez war, eine Kehre, in der die Holländer ihre Ganztagesparty feierten, die schon mal in einem Grillgelage auf dem benachbarten Friedhof mündete - Kehre sieben also wurde am Donnerstag zu Grabe getragen. Gut, vielleicht muss man nicht gleich das Ableben dieses berühmten Fanblocks ausrufen, wie es die Zeitung Libération tat, aber es war schon frappierend, wie die Tour dieses Klein-Holland diesmal domestizierte. Es gab keinen Alkoholausschank, die Fans standen hinter Absperrgittern, bewacht von zwei Dutzend Gendarmen, als die Radprofis sich am Donnerstag nach Alpe d'Huez hinaufquälten.

Andererseits: Wenn man sah, wie die britische Sky-Equipe mit Egan Bernal, Geraint Thomas und Christopher Froome durch den dichten Vorhang von Bengalo-Qualm in Kehre sieben rauschte, wenn man die zornigen Gesichter mancher Fans erspähte, die gesenkten Daumen - dann war das mit der Käfighaltung vielleicht doch keine ganz schlechte Idee.

Richtig gesund war es ja noch nie, das Verhältnis der Franzosen zu Froome, der ihre Tour de France bislang vier Mal gewonnen hat. Aber in diesem Jahr hat das Reizklima eine neue Wucht erreicht. Als Froome, just freigesprochen in seiner Salbutamol-Affäre, vor zwei Wochen bei der Fahrerpräsentation auf die Bühne rollte, regnete es Buhrufe. In der ersten Woche ebbte der Volkszorn etwas ab, doch in den 21 Partykurven von Alpe d'Huez wurde der Brite beschimpft, ausgebuht, einmal sogar fast vom Rad geschubst. Sein Teamkollege Geraint Thomas bot dem verärgerten Anhang am Abend eine Art Waffenstillstand an: "Wenn ihr uns nicht mögt, buht uns aus, so viel ihr wollt. Aber greift bitte nicht ins Rennen ein."

In einem waren sich alle Beteiligten nach dieser aufgekratzten Königsetappe einig: Kein Zweifel der Welt entschuldigt, dass Fans Hand an Fahrer anlegen, "da müssen uns die Organisatoren schützen", sagte Froome am Freitag. Mit dieser Nähe, die der Radsport den Fans an der Strecke gewährt und aus der er viel Kraft gezogen hat, scheint die Tour überhaupt an ihre Grenzen zu stoßen. Viele Zuschauer wollen in der smartphonegetriebenen Zeit Fotos mit den Fahrern schießen, der Italiener Vincenzo Nibali kollidierte am Donnerstag mit ein paar aufdringlichen Anhängern. Wirbelbruch, Tour vorbei.

Nur: So, wie manche die Antipathien ersticken wollen, die Froome und Sky derzeit entgegenschlagen, ist der Debatte auch nicht geholfen. Koen de Kort, Teamkollege des deutschen Etappensiegers John Degenkolb, richtete aus: "Hört auf, zu buhen. Es reicht jetzt. Radfahren ist so ein großartiger Sport, ruiniert ihn nicht."

Das ist eine recht plumpe Art, diejenigen aus der Schusslinie zu ziehen, die den Missmut gesät haben. Da ist zum einen Froome, den sein Teamchef Dave Brailsford 2011 auf dem Transfermarkt erfolglos angepriesen haben soll, weil ihm ein anderer Teamchef angeblich sagte: "Ich brauche Radfahrer, keine Esel." Der sich plötzlich, mit 26 Jahren, in ein Rennpferd verwandelte. Der erzählte, er habe eine schwere Wurmkrankheit überwunden, die viele seiner roten Blutkörperchen gefressen hatte, die aber irgendwie nicht so recht in seinem Blutprofil auftauchte. Der die gewissenhafte Arbeit seiner Equipe rühmte, die aber immer dann außer Kraft gesetzt zu sein schien, wenn es darum ging, seltsame Medikamentenlieferungen (an Bradley Wiggins) und andere Merkwürdigkeiten zu erklären. Der im vergangenen Herbst mit einer gewaltigen Menge des Asthmamittels Salbutamol getestet wurde und von der Welt-Anti-Doping-Agentur einen Freispruch kassierte, der bis heute mehr Widersprüche aufwirft als Fragen beantwortet.

Das ist schon eher das, was den Sport ruiniert.