Kommentar:Immer tiefer ins Peloton

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Kommentar: Rund um das Peleton (hier in den Gassen von Pinerolo beim Giro) drängen sich vorbelastete Akteure.

Rund um das Peleton (hier in den Gassen von Pinerolo beim Giro) drängen sich vorbelastete Akteure.

(Foto: Luk Benies/AFP)

Im Zusammenhang mit der Erfurter Doping-Affäre tauchen vermehrt Namen slowenischer Radsportler auf. Wieder wächst vor der Tour de France die Unsicherheit in der Szene.

Von Johannes Aumüller

Slowenien ist nicht gerade ein Land, das in der Geschichte des Radsports eine überdurchschnittlich bestimmende Rolle gespielt hätte. Aber in diesen Tagen ändert sich seine Bedeutung für die Welt der Pedaleure doch deutlich. Das liegt an den diversen Erfolgsgeschichten, die sich jetzt erzählen lassen; allen voran, aber längst nicht nur die von Primoz Roglic, der früher mal Skispringer war und inzwischen einer der besten Klassement-fahrer der Welt ist. Aber es liegt auch daran, dass slowenische Protagonisten beim ewigen Dopingthema und insbesondere in der Erfurter Blutdoping-Affäre derzeit eine zentrale Rolle einnehmen.

Seit Mittwochabend steht nach der Berichterstattung verschiedener Medien der Verdacht im Raum, dass der Funktionär Milan Erzen in die "Operation Aderlass" rund um einen Erfurter Blutdoping-Ring verwickelt ist (er bestreitet das strikt). Außerhalb der überschaubaren Rad-Familie mag dieser Milan Erzen ein Unbekannter sein, aber innerhalb spielt er eine durchaus wichtige Rolle. Zu vielen der aktuellen slowenischen Profis gab es im Laufe der Jahre eine Verbindung, und vor allem ist er im Management von Bahrain-Merida aktiv - also jenem mit arabischen Millionen finanzierten Team, das zu den größten und besten im Feld zählt und unter anderem den früheren Tour-Sieger Vincenzo Nibali unter Vertrag hat. Manch einer in der Szene glaubt sogar, dass das Projekt ohne sein Engagement gar nicht zustande gekommen wäre.

Der Radsport ist natürlich nicht die einzige Sportart, die von der Operation Aderlass betroffen ist. Aber er muss nun beobachten, wie sich diese immer tiefer ins Peloton hinein fräst. Am Anfang ging es um Personen wie Stefan Denifl und Georg Preidler, gute Fahrer, aber nicht die erste Reihe ihres Sports. Dann wurden die Namen der früheren Weltklassesprinter Danilo Hondo und Alessandro Petacchi genannt; die sind 2019 zwar nicht mehr aktiv, aber als Schweizer Nationaltrainer bzw. TV-Kommentator immer noch im Tross unterwegs gewesen. Und jetzt geht es auch um so einflussreiche Figuren wie Erzen - und die Frage kommt auf, wo die Kreise enden, die die Affäre zieht.

Der Radsport reklamiert ja gerne für sich, dass er die schmutzige Zeit hinter sich habe. Aber wie fern das von der Realität ist, zeigt allein die Zustandsbeschreibung des gerade so erfolgreichen slowenischen Radsports. Der Weltverband (UCI) räumte ein, dass er schon seit 2015 die Aktivitäten von slowenischen Fahrern, Betreuern und sonstigen Begleitern akkurat verfolge. Auffallend viele Slowenen wurden in den vergangenen Monaten suspendiert, zuletzt zwei davon im Kontext der Erfurter Blutdoping-Affäre. Beide waren übrigens für Erzens Bahrain-Merida-Mannschaft aktiv, der eine nach Beendigung seiner Karriere schon als Sportlicher Leiter, der andere wurde als Fahrer vom Giro d'Italia ausgeschlossen.

Die slowenische Ballung ist aber auch nicht das einzige Auffallende. Beim jahrelang dominierenden Team Sky (seit Mai Ineos) türmen sich die fragwürdigen Vorgänge. Erst neulich wurde der Kolumbianer Jarlinson Pantano (Trek) - ein früherer Etappengewinner bei der Tour de France - mit dem Betrugsklassiker Epo erwischt. Allen Besserungsbeteuerungen zum Trotz tummelt sich im und rund um das Peloton auch immer noch eine Vielzahl an vorbelasteten Akteuren. Und aus deutscher Perspektive liegt durchaus die Frage nahe, wie realistisch es denn ist, dass mitten in Deutschland ein Blutdoping-Netzwerk aktiv ist, das aus ganz Europa zahlreiche Kunden begrüßen darf, aber kaum einen aus Deutschland.

Die Radsport-Szene befindet sich gerade in großer Aufregung. Anfang Juli beginnt die Tour de France, der Höhepunkt im jährlichen Rennkalender. Und es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte dieser Veranstaltung, wenn kurz vorher noch der eine oder andere Name aus der Startliste getilgt würde.

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