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Kommentar:Hörmann ohne Mehrheit

DOSB-Präsident und Landrats-Kandidat Alfons Hörmann fand so eine feudale Ämterhäufung völlig unproblematisch. Die Wähler im Oberallgäu votieren nun überraschend gegen ihn - man darf ihnen wohl ein feines Gespür attestieren.

Das ist eine der großen Niederlagen in meinem Leben. Ich habe viel Kraft und Engagement investiert. Das Ergebnis ist ein Schlag in die Magengrube." So sprach Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), im Dezember 2015, nachdem sich die Hamburgerinnen und Hamburger gegen eine Bewerbung ihrer Stadt um Olympische Spiele ausgesprochen hatten. "Selbstgefällige Zufriedenheit" hatte Hörmann damals als Ursache für die Anti-Olympia-Stimmung im Land ausgemacht: "Wir sind Weltmeister auf dem Sofa, aber wenn es darum geht, Projekte anzupacken, gibt's Probleme." Dass es an der Wahlurne vielen - ganz pauschal - auch darum gegangen sein könnte, sich als aufgeklärte Stadtgemeinschaft lieber nicht mit der oft zwielichtigen Sportfunktionärsclique vom IOC einzulassen, das hat Hörmann in seiner Analyse lieber ausgeblendet.

Und nun, viereinhalb Jahre später, also dies: die nächste Niederlage seines Lebens, der nächste Schlag in die Magengrube. Zum ersten Mal überhaupt stellt die CSU im Landkreis Oberallgäu nicht mehr den Landrat, in der Stichwahl am Sonntag gewann überraschend Indra Baier-Müller, 49, von den Freien Wählern, mit 51,85 Prozent. Der CSU-Kandidat, der die historische Schlappe zu verantworten hat: Alfons Hörmann.

Es ist aber auch ein Kreuz mit dieser Demokratie! Läuft das in den Sportgremien nicht irgendwie geschmeidiger? Vor den Wahlen des Skiverbands DSV, dem Hörmann von 2005 bis 2013 präsidierte, und später dann im Dachverband DOSB war Hörmann zwar auch immer wieder mit harscher Kritik und zuletzt sogar mit einem Gegenkandidaten konfrontiert gewesen. Aber siehe da: Am Ende versammelte sich die Sportfamilie doch wieder mit branchenüblicher Mehrheit hinter ihm. Verglichen damit ist so eine Landratswahl eine echte Kampfabstimmung, und ein kleiner Landstrich zwischen Dietmannsried und Oberstdorf ist eine fast so unberechenbar fremde Welt wie das ferne Hamburg.

Man darf dem Wahlvolk im Oberallgäu wohl ein feines Gespür attestieren - dafür, was es sich erspart hat. Zum Beispiel ständige Diskussionen darüber, ob ihr Landrat nicht besser im Amt in Sonthofen säße statt wieder in Frankfurt, Lausanne oder Tokio zu weilen - sowie den regelmäßigen Vorwurf möglicher Interessenkollisionen. CSU-Landrat plus oberster Sportrepräsentant: Hörmann, 59, hat sich das alles gleichzeitig zugetraut. Dabei lag der Dauerkonflikt auf der Hand. Alleine rund um die Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf: Da hätte der DOSB-Hörmann dann die Interessen des Sports und der Oberallgäu-Hörmann jene der lokalen Bevölkerung vertreten müssen, im Zweifel im Zwiegespräch mit sich selbst.

Hörmann fand so eine feudale Ämterhäufung völlig unproblematisch. Alleine das zeigt, wie sich einer gleich in mehreren Rollen überschätzt. Insofern hat seine Ankündigung nach der Wahlschlappe, jetzt dem Sport-Ehrenamt wieder mehr Zeit zu widmen, nicht für alle, die sich auf diesem Feld mit ihm arrangieren müssen, wie eine Verheißung geklungen.

© SZ vom 31.03.2020
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