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Kommentar:Frömmeleien der Kanzelprediger

Weiter unter Druck: FIFA-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: AP)

IOC-Boss Thomas Bach? Redet bedeutungsschwanger beim G-20-Gipfel. Fifa-Chef Infantino? Inszeniert sich beim Nahost-Treffen. Dabei könnte es um ihre Institutionen kaum schlechter stehen.

Von Thomas Kistner

Mami, Papa, stellt euch vor, was ich heut' Tolles geschafft habe!"

Man kann sie förmlich heraushören, diese infantile Atemlosigkeit, die aus der jüngsten, raumgreifenden Depesche des Internationalen Olympischen Komitees spricht. Der Präsident hat eine Rede gehalten! Er hat erklärt, welch immense Relevanz die Olympischen Spiele für die, aufgepasst: Vereinigung der Welt besitzen. Und er hat diese ja per se ungemein werthaltige Botschaft mitnichten dem Katholischen Ministrantenbund übermittelt, sondern, Achtung, beim G-20-Gipfel in Osaka! Krass.

Die Bedeutungshuberei der Clanchefs der größten Weltsportbünde - IOC und Fußballverband Fifa - ist unerschütterlich. Und sie steht in einem absurden wie amüsanten Widerspruch zur realen Verfassung ihrer Institutionen. Deren Spitzenvertreter zieren ja in schöner Regelmäßigkeit die Anklageschriften von Korruptionsermittlungen oder verschwinden gleich hinter Gittern; mal im Bademantel, mal hinter Bettlaken. Aber zurück zu den Werten und zur Jugend der Welt.

Nachdem Gianni Infantino, skandalumwehter Boss der Fifa, im Dezember in die Bütt der G20 in Buenos Aires hüpfen durfte, war es fast ein Selbstläufer, dass IOC-Chef Thomas Bach beim folgenden Gipfeltreff der Mächtigen jetzt auch mal durfte. Zumal in Japan, am Schauplatz der nahenden Sommerspiele 2020.

Und wie Infantino in Argentinien, hat Bach in Osaka das Übliche intoniert. Gut abgehangene Frömmeleien zu Frieden, Freude und der vorbildlichen Fairness in der Sportwelt, was allenfalls deshalb der Erwähnung bedarf, weil die Sportwelt in Wirklichkeit zerfressen ist von macht- und wirtschaftspolitischen Interessen, dazu durchdrungen vom Pharmabetrug. Von Plagen also, denen IOC und Fifa konsequent nicht effektiv entgegenwirken.

Bach und Infantino als Kanzelprediger der Staatschefs, das ist immer wieder ein Schenkelklopfer. Schon allein deshalb, weil die globale Sportindustrie ansonsten das angeblich strenge Vermischungsverbot mit der Politik betont. Und das hat gute Gründe, denn sollte die Autonomie fallen, die die Staaten dem organisierten Sport gewähren, droht den Funktionären das Schlimmste: echte Aufsicht statt Selbstkontrolle, womöglich gar eine rechtsstaatlich angemessene Distanz der Justizorgane - anstelle der fürsorglichen Nähe, die der überwiegende, gezielt in der Schweiz angesiedelte Teil der Weltverbände bei den Behörden erwarten darf.

Aber noch brummt das Geschäft, vor allem im Fußball, und so können die Bosse weiter ihr Faible für eine quasireligiöse Selbsterhöhung pflegen. Während Bach noch an seiner Gipfel-Rede feilte, trat Infantino zuletzt in Bahrain bei der Nahost-Friedenskonferenz von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner auf. Ein abstruses Projekt, von dem der schlingernde Immobilienmakler Kushner selbst profitieren könnte - und die perfekte Show für Freunde wie Infantino. Bloß auf den prahlerischen Pressetext verzichtete die Fifa. Käme nicht so gut an beim Publikum, dass Infantino die aktuell stattfindende WM der Frauen und sogar die Beerdigung seines früheren Chefs schwänzt, des langjährigen Uefa-Präsidenten Lennart Johansson - nur um bei Trump & Co. den Pausenclown zu geben.

© SZ vom 01.07.2019
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