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Kommentar:Angst vor der Funkstörung

Die technische Revolution hat nicht überall geklappt - am ersten Bundesliga-Spieltag gab es Probleme beim Videobeweis. Noch wird dies toleriert, bei Wiederholung könnte es aber Klagen wegen möglicher Wettbewerbsverzerrung geben.

Von Johannes Aumüller

Gerechtigkeit ist ein großes Wort, und der Freiburger Philosoph und Gelegenheits-Trainer Christian Streich hat dazu vor einigen Jahren einen klugen Satz gesagt. Er wisse gar nicht, was das ist, Gerechtigkeit.

Insofern passt es ausgezeichnet, dass nach dem Premieren-Wochenende des Videobeweises in der Fußball-Bundesliga unter anderem Streichs Mannschaft Anlass für ein kleines Ethik-Proseminar zum Thema Gerechtigkeit liefert. Am Sonntagnachmittag war es, da schoss der SC Freiburg gegen Frankfurt ein Tor, jubelte - und wurde belehrt. Vom Video-Assistenten, der im fernen Köln vor dem Computer saß. Via Ohrknopf erfuhr Schiedsrichter Manuel Gräfe, dass Freiburgs Florian Niederlechner bei seiner Vorlage im Abseits stand. Kein Tor!

So weit, so richtig und gerecht im konkreten Fall. Und zugleich aus Sicht mancher so ungerecht im Quervergleich.

Es ist für die Liga eine zweischneidige Premiere des Videobeweises gewesen. Einerseits gab es hervorragende Beispiele dafür, warum es die Technikhilfe für die Unparteiischen braucht - und dass sie sich, so der Funk nicht gestört ist, gut umsetzen lässt. Zwei Fehler wurden im Laufe des Spieltags korrigiert, nur wegen der Kölner Assistenten gab es kein Tor in Freiburg und einen Elfmeter für den FC Bayern. Dort, wo es klappte, war die Kommunikation der Unparteiischen gut, die Aufklärung zügig. Generell kann ein Schiedsrichter seinen Job ruhiger angehen, wenn er weiß, dass ihm noch jemand über die Schulter schaut.

Andererseits waren gravierende Technikpannen zu beklagen. Am Samstag, als fünf Spiele zeitgleich ab 15.30 Uhr liefen, kollabierte das System. In drei Partien konnte der Video-Assistent den Schiedsrichter auf dem Platz überhaupt nicht unterstützen. Funkstörung! Zudem konnten Abseitspositionen nicht geprüft werden: Die kalibrierte Linie, die diese am Computer kenntlich machen sollen, war nicht zu aktivieren.

Und so bedauerte Freiburgs Trainer Streich mit einem Augenzwinkern, dass er nicht am Tag zuvor hatte spielen dürfen: "Wenn es gestern gewesen wäre, wären wir 1:0 in Führung gegangen. Da hat ja nichts funktioniert."

Bei technischen Revolutionen sind Startprobleme die Regel. In der Bundesliga aber verwundern sie, weil die Offiziellen stets auf umfangreiche Tests verwiesen hatten und zum Beispiel erklärten, die kalibrierten Abseitslinien seien doch "keine Raketenwissenschaft". Was am kommenden Wochenende, am zweiten Spieltag, vom Technik-Dienstleister Hawkeye zu beweisen wäre. Gibt es erneut Probleme, könnte durchaus jemand auf die auf die Idee kommen, eine Verzerrung des Wettbewerbs einzuklagen. Nämlich dann, wenn ihm am Sonntag ein Tor aberkannt wird, was am Samstag in ähnlicher Situation wegen Funkstörung gegeben wurde.

© SZ vom 22.08.2017
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