Kolumne "Tokio Hotel":Zwei Haken, vier Bügel

Olympia 2021; Olympia 2021 TOKIOHOTEL

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(Foto: Luis Murschetz)

Olympia , das bedeutet auch: Veteranengeschichten von früher. Vor allem wenn der Tag und die Warteschlagen am Flughafen lang sind - man darf nur nicht alles glauben. Bis man im eigenen Hotelzimmerchen steht.

Von Volker Kreisl

Schlange stehen muss nicht ermüden. Auch das Warten kann kurzweilig werden, sobald man sich der Umgebung öffnet. Im Ankunftsbereich des Flughafens von Tokio wird zurzeit viel gewartet in langen Reihen, wegen aller möglicher Corona-Überprüfungen, die hier nicht interessieren, nur so viel: Wer zu den Olympischen Spielen will, der muss das durchstehen. Also stand man und belauschte die Gespräche der anderen.

Ein durchaus witziger Herr, offenbar ein erfahrener Schiedsrichter, erzählte seinem jüngeren Begleiter Geschichten, die ihn offensichtlich auf die Hotels in Tokio einstimmen sollten. Ein Freund in Hongkong, so erzählte der Ältere, habe ein unfassbar kleines Appartement bewohnt, so klein, dass die Dusche nur direkt über dem Klosett Platz hatte. Oder, in Johannesburg! Eine Wohnung, derart eng, dass man, wollte man sich umdrehen, hinaus auf den Gang treten müsse, dort einen Turnaround absolvieren und wieder durch den Eingang eintreten. Alles maßlos übertrieben natürlich.

Vor Olympia blüht eben die Fantasie, und es ist gut, wenn man nicht auf die Dinge reinfällt, die so erzählt werden, sondern aus seiner Erfahrung als Weltreisender schöpfen kann. Schlange stehen ist nichts Neues, olympische Hotelzimmer hatten noch immer eine Mindestgröße und ihren Charme, gut - bis auf das Stockbett 2006 in Cesana, Kollege H. schlief unten, aber das war auch eine angemietete Wohnung und außerdem lange her. Die Gedanken an früher vertrieben also die Zeit in der Warteschlange, und schon saß man im Shuttle, schon war man im Hotel, stand vor der Zimmertür, steckte die Karte in den Schlitz und öffnete.

Dunkelheit. Dann Karte wieder in einen Schlitz, dann: Licht.

Wenn Anflüge von Klaustrophobie drohen, muss man eben die Gedanken nach draußen lenken

Was soll man sagen? Es ist ein Zimmer, es hat ein Bett, ein Schreibtischchen, etwa von der Fläche des Flachbildschirms darauf. Auch einen Stuhl unter dem Tisch, eine Dusch-Klosett-Waschbecken-Einheit mit Tür, auch ein Fenster und ein Stück eines geschätzt 70 Zentimeter engen Ganges an der Wascheinheit vorbei, dazu zwei Haken mit insgesamt vier Bügeln. Es ist ein Zimmer, so unfassbar eng, dass man sich erst mal fürchtet - aber, es ist ein Zimmer.

Reisen heißt, sich anzupassen. Anflüge von Klaustrophobie darf man nicht zulassen, stattdessen könnte man die Gedanken nach draußen lenken, am blauen Himmel über Tokio losfliegen lassen und immer weiter nach Südwesten, nach Tokushima, an die Gestade des Pazifiks, wo sich, wie zu lesen war, die Handballer akklimatisierten und klagten, sie befänden sich in einem Gefängnis, weil sie nicht mal an den Strand durften.

Wie beruhigend. Es überkommt einen die Vorstellung, man wäre ein Handballer, ein Basketballer oder Gewichtheber: zwei Meter groß, 70 Zentimeter breit, 30 tief. Das sind wir aber nicht, eher von der Statur, die man als "Hemd" bezeichnet, glücklicherweise. Als solches können wir uns hier drinnen locker umdrehen.

© SZ/sjo/jkn
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