Joachim Löw Einsichten statt Eitelkeiten

Joachim Löw hat das erste Spiel seiner Amtszeit verloren. Es scheint ihn wenig zu stören - er baut lieber eine Mannschaft für die Zukunft.

Von Philipp Selldorf

Joachim Löw ist eine gewisse Eitelkeit nicht abzusprechen. Er bekennt sich auch dazu. Seine Eitelkeit ist allerdings vor allem aufs Äußerliche gerichtet und daher äußerst harmlos, und was seinen Beruf als oberster deutscher Fußball-Lehrer angeht, da ist sie sogar verschwindend gering.

Das hat er am Mittwoch unter Beweis gestellt, als er seine fabelhafte, bis auf das Remis beim Spiel in Zypern nur nach Erfolgen geordnete Bundestrainer-Bilanz einem Experiment opferte, das er für wichtiger hält als den persönlichen Nimbus. Löw war es deswegen einerlei, dass ihm die Partie gegen Dänemark die erste Niederlage im neunten Spiel bescherte, er hat das in Kauf genommen, als er für die Begegnung eine unerprobte Schatten-Nationalelf formierte. Ihm war auch bewusst, dass er dafür Prügel beziehen würde. Aber das war ihm ebenfalls egal.

Löw hat nicht populär, sondern nach Überzeugung und Wissenschaft gehandelt: Mehr als noch ein Sieg für die Erfolgsstatistik bedeuteten ihm Einsichten und Erkenntnisse, die niemand zählen kann. Das ist mutig, kompromisslos und souverän. Aber auch nicht höflich gegenüber allen Beteiligten.

Plausible Entscheidung

Dänemarks Trainer Morten Olsen und die Spieler seines Teams durften schon ein wenig gekränkt sein, dass ihnen die Gastgeber ihre beste Auswahl vorenthielten. Sie fassten Löws Dispositionen als Geringschätzung auf. Auch die Enttäuschung des Publikums lässt sich verstehen: Seit 74 Jahren hatte es kein Länderspiel in Duisburg gegeben, und dann liefen statt Ballack, Frings und Klose lauter Nachwuchskräfte auf. Bestimmt waren die Pfiffe der Fans im Stadion nicht gegen die jungen Fußballer auf dem Rasen gerichtet, aber wie sollten sie sonst ihre Missstimmung ausdrücken? Vielleicht hätte Löw ein paar große Namen einsetzen sollen, um dem vorhersehbaren Unmut vorzubeugen.

Betrachtet man die Sache aber von der praktischen Seite, wird Löws Entscheidung plausibel. Auch mit der ersten Besetzung wäre das widersinnig angesetzte Spiel vermutlich kein Fußballfest geworden. Zwei Teams mit Motivationsproblemen hätten sich gegenübergestanden. Die Nationalspieler, die am Mittwoch den DFB vertraten, hatten zwar mangels gemeinsamer Praxis Probleme, sich untereinander zu finden, aber sie haben sich mächtig angestrengt und ein interessantes Spiel geboten. Und womöglich werden Zeugen der Partie in Duisburg eines Tages noch mit Stolz von diesem Abend reden: Ich war dabei, als Patrick Helmes und Stefan Kießling ihr Debüt gegeben haben.