Interview mit Jürgen Flimm:"Der CSU-Verein Bayern München hat mich nie interessiert"

Lesezeit: 10 min

Theater-Intendant Jürgen Flimm über frühe Fußball-Erlebnisse, Jürgen Klinsmanns markige WM-Sprüche und die Parallelen zur Bühnenwelt.

Kurt Röttgen und Ludger Schulze

Jürgen Flimm, 65, ist Theater- und Opernregisseur - und Fußballfan. Unter seiner Leitung wurde das Hamburger Thalia-Theater zur bestbesuchten Bühne des Landes. Seit Oktober 2006 ist Jürgen Flimm künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele.

Jürgen Flimm, Foto: dpa

Jürgen Flimm: "Was Klinsmann da von sich gibt, berührt die Grenze des Rassismus."

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Flimm, in seinem vorigen Mittwoch in der ARD gesendeten WM-Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" zeigt Sönke Wortmann, wie Bundestrainer Jürgen Klinsmann seine Spieler mit markigen Sprüchen heiß macht. Da ist von "brutal zuschlagen" und "Arsch aufreißen" die Rede, gegen Ecuador fordert er: "Wir müssen denen auf die Fresse geben." Überrascht Sie diese Art der Motivation?

Jürgen Flimm: Das hätte ich dem nie zugetraut, er ist doch der intellektuelle, sanfte Blonde aus Kalifornien. Mich erstaunt, dass er so redet, so unter der Gürtellinie. Gefallen tut es mir nicht. Mein Freund Otto Rehhagel sagt immer: Wir Trainer dürfen nie vergessen, dass wir es mit jungen Menschen zu tun haben, denen man Werte wie Fairness und Achtung vor dem Gegner vorleben muss.

SZ: Im Cinemaxx an Berlins Potsdamer Platz bekam Klinsmann Szenenapplaus für seine Appelle an die Mannschaft. "Wir knallen sie durch die Wand", sagte er vor dem Polen-Spiel, und: "Das Achtelfinale lassen wir uns nicht nehmen, von niemandem, schon gar nicht von Polen." Das Kinopublikum empfand dies wohl als passenden Beitrag zum deutsch-polnischen Verhältnis.

Flimm: Was Klinsmann da von sich gibt, berührt die Grenze des Rassismus. Das ist chauvinistisch, nicht akzeptabel.

SZ: Ein halbes Jahr nach der fröhlichen WM-Party häufen sich im Fußball rassistische und antisemitische Krawalle. Sind die Deutschen doch nicht so weltoffen und tolerant, wie sie glauben?

Flimm: Das eine war Karneval, Loveparade, Anlass sich zu amüsieren. Es hatte trotz der schwarz-rot-goldenen Fahnen, die ja Gott sei Dank wieder verschwunden sind, mit Nationalismus nichts zu tun. Da gibt es auch keine Verbindung zu den rassistischen Ereignissen auf den Fußballplätzen. Die sind Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung, die geprägt ist von Arbeitslosigkeit und geringem Selbstwertgefühl. Für viele ist der Verein ein letzter Identifikationsfaktor, an den sie sich klammern. Der Gegner erscheint ihnen als Bedrohung, und alles Fremde erst recht.

SZ: Nach dem Motto: Der Ausländer in unserem Team ist mein Freund, der im gegnerischen mein Feind.

Flimm: Ja, so ist es. Und nur mit Existenzängsten und eigener Inhaltsleere zu erklären. Ich kann mich nicht erinnern, dass in meiner Jugend die Kwiatkowskis, Koslowskis oder Szymaniaks als Saupolen beschimpft worden wären. Die Integration dieser Leute, deren Väter oder Großväter als Bergleute in den Kohlenpott gekommen waren, war kein Problem. Heute hat Gelsenkirchen rund 20 Prozent Arbeitslose, ich wohne dort während der Ruhr Triennale. Wenn man sieht, wie elend es an vielen Orten ist, wundert man sich, dass es immer noch so zivil zugeht.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB