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Hoffenheim - Hertha BSC (15.30 Uhr):Mentalität schlägt Talent

TSG 1899 Hoffenheim v SC Freiburg - Bundesliga

Große Pläne: Trainer Julian Nagelsmann und Sandro Wagner diskutieren während der Partie gegen Freiburg vor zwei Wochen.

(Foto: Matthias Hangst/Getty)

Hoffenheims junger Trainer Julian Nagelsmann schwärmt von seinem neuen Torjäger Sandro Wagner. Der ist die Renaissance des alten Mittelstürmers - und ein Typ, der gerne polarisiert.

Julian Nagelsmann wird aus der Ferne gerne als Taktik-Nerd oder Systemstreber wahrgenommen. Das wird dem Trainer der TSG Hoffenheim aber nicht gerecht. Er kann die Klaviatur der Systeme und Taktiken zwar brillant spielen, doch zuvorderst sieht er sich selbst als Menschenfänger, der die Spieler über Empathie auf Ziele einschwört. Die TSG steht laut eigenem Anspruch für Innovation und Talentförderung, genau wie Nagelsmann, der mit 29 Jahren ja noch immer der jüngste Trainer der Liga ist. Aber was der Allgäuer mit dieser Mannschaft tatsächlich erreichen will, kommt in Hoffenheim fast einer Revolution gleich.

Nach dem hart erkämpften und 2:1-Sieg am vorletzten Spieltag gegen den SC Freiburg, sagte Nagelsmann: "Wenn man über meine Mannschaft einmal sagt, sie sei der Aggressive Leader der Liga, dann fände ich das geil - weil ich genau darauf hinarbeite."

Julian Nagelsmann erzählt, von seinem Mentor Ernst Tanner, dem ehemaligen Manager der TSG und heutigen Nachwuchschef von RB Salzburg, habe er ein Motto besonders verinnerlicht: Mentalität schlägt Talent. Der TSG hatte in der Vergangenheit immer viel Talent im Kader, aber zu wenig Siegermentalität. Das will Nagelsmann ändern, und dafür hat er sich entsprechende Spieler geholt. Zuvorderst Sandro Wagner, ein Mittelstürmer alter Prägung, 1,94 Meter groß, und ein Profi, dessen Karriere schon vorbei schien, bevor er sich in der letzten Saison mit 14 Toren beim SV Darmstadt 98 wieder ins Rampenlicht kämpfte. "Aber Sandro", betont Nagelsmann, "hat ja auch Talent."

Stimmt schon: Wer diesen wuchtigen Typ auf seine körperlichen Vorzüge reduziert, begeht einen Fehler. In Topform kann Wagner den Ball auch mit dem Rücken zum Tor und in Bedrängnis verteidigen und weiterleiten, und auch im Kombinationsspiel ist er besser, als viele glauben wollen. Dennoch, sagt Nagelsmann, rage bei Wagner ein anderer Aspekt heraus: "Sandro hat den unbedingten Willen zu gewinnen."

Er mag es, wenn er ausgepfiffen wird

Wagner ("Ich bin ja nicht als Maskottchen nach Hoffenheim gekommen") ist ein Stürmer, an dem sich in direkten Duellen eher die Abwehrspieler wehtun. Er reiße seine Mitspieler mit und wenn es sein müsse, so Nagelsmann, stauche er diese auch zusammen. Wagner polarisiert, teilt aus und steckt ein. Er fordert mit Gesten die eigenen Fans zur Unterstützung auf und legt sich mit den Gegenspielern und dem gegnerischen Publikum an. In Mainz beispielsweise wurde Wagner von den FSV-Fans bei jeder Aktion ausgepfiffen.

"Die Leute denken, sie verwirren mich, wenn sie pfeifen und mich beleidigen - dabei machen sie mich nur stärker", sagt er trotzig und findet: "Wenn man spielt, muss man zeigen, warum man spielt."

Wagner hat in dieser Saison in der Liga vier Treffer erzielt und einen vorbereitet, das ist eine ordentliche Quote in sieben Einsätzen. Als er in Mainz seinen ersten Treffer für die TSG erzielte, war er mit seinem martialisch anmutenden Auftreten ein Garant für die Hoffenheimer Aufholjagd - beim 4:4 holte die TSG zum ersten Mal in der Bundesliga einen Drei-Tore-Rückstand auf. Nagelsmann freute damals besonders, dass die Wende nicht zuvorderst Ergebnis von fußballerischer Klasse war, sondern einer Energieleistung entsprang.

Die Hoffenheimer sind in der Liga noch ungeschlagen, wenn sie an diesem Sonntag Hertha BSC zum Spitzenspiel empfangen. Wie die Mannschaft das späte Pokal-Aus in Köln unter der Woche verkraftet, wird spannend zu beobachten sein. Der generelle Trend ist, dass die Mannschaft in engen Spielen immer öfter Punkte gewinnt, statt diese - wie in der Vergangenheit - zu verlieren. Hoffenheim tritt zunehmend eckiger, kantiger und ekliger auf; wenn man so will: ein Stück weit sandrowagnerischer.

Er polarisiert, auf und neben dem Platz

Durch seine großartige Saison in Darmstadt hat Wagner die große Delle in seiner Laufbahn überwunden. Nach Stationen in Bremen und Duisburg stolperte er vor vier Jahren ein halbes Jahr lang zur Leihe in Kaiserslautern über den Platz. Vielleicht weil er einst beim FC Bayern ausgebildet wurde, erklärte ihn das FCK-Publikum schnell zum Buhmann einer Abstiegssaison. Und bei der Berliner Hertha stand er am Ende ausgemustert abseits. Nun peilt Wagner, der 2009 mit den späteren Weltmeistern Neuer, Hummels, Boateng, Höwedes, Khedira und Özil U-21-Europameister wurde, in Hoffenheim wieder höhere Ziele an.

Phrasen drischt dieser Mann nicht, er ist auf und neben dem Platz direkt. Seine eigenwillige Meinung, Fußballer verdienten teilweise eher zu wenig, sorgte für große Erregung. Und dass er keine Rolle in den EM-Planungen von Nationaltrainer Joachim Löw spielte, ärgerte ihn: "Ich habe vergangene Saison die zweitmeisten Tore aller deutschen Bundesliga-Spieler geschossen. Da hätte man schon Thema sein können."

Wagner, dessen Familie in München lebt, ist damit Teil der Renaissance des klassischen Mittelstürmers: Anthony Modeste in Köln, Mario Gomez in Wolfsburg, Jhon Cordoba in Mainz oder Vedad Ibisevic bei Hertha BSC Berlin sind weitere Beispiele dafür. TSG-Trainer Julian Nagelsmann ist mit seinem Mittelstürmer bisher zufrieden, er sagt: "Was Sandro macht, ist gut. Genau das wollten wir."