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Hockey:Stillstand als Chance

Die bayerischen Hockey-Bundesligisten bereiten sich auf eine Rückrunde vor, deren Auftakt noch gar nicht terminiert ist.

Alles sei in der Schwebe, sagt Richard Barlow, Trainer der Männer vom Hockey-Erstligisten Nürnberger HTC. Er sagt das ohne Wertung, denn dass es manchmal egal ist, wie man etwas findet, haben sie beim NHTC schon auf schmerzhafte Weise erlebt. Als im vergangenen Winter Cheftrainer und Identifikationsfigur Norbert Wolff verstarb, war von einem Tag auf den anderen nichts mehr wie zuvor - und Hockey nur noch ein Sport. Für Hockey-Spieler, Amateure mit Profi-Pensum, ist dieses "nur" meist trotzdem sehr viel. "Ich lebe Hockey rund um die Uhr", sagt etwa Barlow. Aber es ist eben nicht alles. Das Virus habe momentan oberste Priorität, findet auch Barlow.

Seit das neuartige Coronavirus rund um den Globus Regeln außer Kraft setzt und Pläne über den Haufen wirft, sind auch die Ansetzungen der deutschen Hockey-Ligen für die Feld-Rückrunde hinfällig. Die Klubhäuser sind geschlossen, die Kunstrasen gesperrt, Trainingsgruppen nicht erlaubt. Anders als in vielen anderen Sportarten geht es beim NHTC in der aktuellen Lage aber nicht ums Geld. Die Spieler verdienen auch unter regulären Bedingungen nichts, und wo nichts ist, kann nichts weniger werden. Der Klub steckt jedoch mitten im Kampf um den Klassenverbleib und war nach der Hallen-Serie eigentlich hoch motiviert in die Athletik-Vorbereitung gestartet. Aufgrund der mittlerweile bundesweiten Kontaktsperren hat der Deutsche Hockey-Bund (DHB) den Beginn der Feld-Rückrunde bis vorläufig Mai aufgeschoben. Dabei ist dieser Starttermin nicht wirklich realistisch. Die Trainer der Bundesligisten machten sich gemeinsam dafür stark, "dass wir eine vernünftige Vorbereitung absolvieren und nicht kalt in die Saison gehen", sagt Barlow.

Diskutiert wurden schon Szenarien von einer Nullrunde bis zur tabellarischen Wertung der Hinrunde. Am liebsten wäre es allen, die Saison regulär zu Ende zu spielen. Die Chancen dafür sind gestiegen, seit die Olympischen Spiele am Dienstag offiziell verschoben wurden: Es ist nun Platz im Kalender. Trotzdem trainieren Barlows Spieler bis auf Weiteres nur individuell. Ihren Konkurrenten vom Münchner Sportclub, die in der zweiten Bundesliga Süd um den Aufstieg kämpfen, geht es ähnlich. Auch sie hängen erst mal "ohne konkretes Ziel in der Warteschleife", wie ihr Trainer Patrick Fritsche sagt, "und das ist für Leistungssportler eigentlich eine Katastrophe".

Der Zustand hat in Fritsches Augen aber nicht ausschließlich negative Seiten. Die Klubs befänden sich aktuell in einer Situation, in der sie mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen hätten. Vor dem Hintergrund der Pandemie sei Hockey "klubübergreifend ein Anker, an dem sich viele von uns festhalten". Eine so lange Zeitspanne ohne Erfolgs-, Entwicklungs- und Ergebnisdruck sei zudem eine Chance, "sich als Mannschaft außerhalb des Hamsterrades Leistungssport kennenzulernen" und in der Karriere aller Beteiligten ein singuläres Ereignis. "Die weltweite Lage führt zu einer demütigeren Sicht auf die Dinge", sagt er, "das ermöglicht es, Sieg und Niederlage mal völlig auszublenden und von weit außen auf sich selbst und seine Themen zu gucken."

So lange kein konkretes Datum für den Rückrundenstart feststeht, setzt Fritsche bei der Trainingssteuerung auf "Erhaltung". Es wird Videokonferenzen mit gemeinsamen Athletikeinheiten geben, die aber vor allem den sozialen Aspekt bedienen. Anfangs habe er seine Spieler bewusst in Ruhe gelassen, sagt Fritsche, "damit sie sich an die Situation gewöhnen können, bevor sie mit ihr umgehen müssen". In den kommenden Wochen werde er aber vermehrt "Themen bearbeiten, die eine Mannschaft in ihrer Teamentwicklung voranbringt".

Da ist Fritsche dann doch wieder, der zielorientierte Leistungssportler. Ein paar Dinge bleiben eben auch in der Krise, wie sie sind.

© SZ vom 25.03.2020
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