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Hochsprung:Letzter Vorhang

Eberstadt Hochsprungmeeting Eberstadt Mateusz Przybylko GER

Nah dran: Mateusz Przybylko, mittlerweile Europameister, überquert im vergangenen Jahr beim Hochsprung-Meeting in Eberstadt die Latte.

(Foto: Hans Jürgen Britsch/imago)

Das Aus des traditionsreichen Meetings in Eberstadt nach der 40. Auflage verdeutlicht die Alltagsprobleme der deutschen Leichtathletik.

Wehmut? Och, sagt Peter Schramm, dafür habe er gerade noch gar keine Zeit. Wie das halt so ist, wenn man die letzten Starter verpflichtet, den Aufbau der Tribünen übersieht, wenn man Direktor, Moderator, Organisator, Kopf und Herz eines Leichtathletik-Events ist. Zum 40. Mal richten sie an diesem Wochenende ihr Hochsprung-Meeting in Eberstadt aus, und manchmal, haben sie in der 3000 Einwohner großen Gemeinde geflachst, habe Schramm sich mehr um die Hochspringer gesorgt als um seine zwei Töchter. Aber das wird sich bald ändern, das 40. Meeting am Wochenende ist das letzte. Das letzte?

Die deutsche Leichtathletik steckt gerade wieder in einer diffusen Stimmung. Da war die rauschende EM, die vor zwei Wochen in Berlin zu Ende ging - aber im Alltag steckt der Sport seit Jahren in der Nische, wo er immer wieder von Doping- und Korruptionsgeschichten erschüttert wird, auf internationaler Ebene. Da sind viele neue deutsche Gesichter, die auch zu unbequemen Fragen ihres Gewerbes etwas sagen - aber auch Lücken im deutschen Anti-Doping-Netz, das manche Athleten vor der EM kaum erfasste. Da ist ein neuer Hochsprung-Europameister, Mateusz Przybylko vom TSV Bayer Leverkusen, und Bronze-Gewinnerin Marie Laurence-Jungfleisch vom VfB Stuttgart, die am Wochenende mit ihren neuen Insignien nach Eberstadt reisen - die zuletzt aber mit Schrecken vernahmen, dass ihre kleine Schaubühne, eine der wichtigsten Kraftzellen der globalen Leichtathletik, nach der diesjährigen Vorstellung schließt.

Wenn Peter Schramm die vergangenen Jahre rekapituliert, dann liegt große Gefasstheit in seiner Stimme (und viel schwäbischer Kolorit). Er erzählt von hochklassigen Springen, er erzählt aber auch, wie es immer schwerer wurde, die 160 000 Euro Etat zusammenzukratzen. Oft wussten sie erst im Frühjahr, ob sie sich ihr Meeting im August leisten konnten. Manche Sponsoren halbierten ihr Budget, andere sagten: Bis zum 40. machen wir mit, dann ist Schluss. 40 000 Euro würden nach diesem Jahr im Etat fehlen, sagt Schramm, er findet: "Dann hören wir lieber am Höhepunkt auf." Er hätte schon ein paar Nachfolger im Blick gehabt, aber niemanden, der sein Jobprofil ausfüllen könnte: Meeting-Chef in der Leichtathletik, das ist oft ein Halbtagsjob, das ganze Jahr, ehrenamtlich.

Es ist ein klassisches Vereinsbiotop, das da in der schwäbischen Provinz austrocknet. Sie fingen 1979 mit 3000 Mark Budget an, drei Deutsche flogen über 2,30 Meter, Dietmar Mögenburg, Carlo Thränhardt, Gerd Nagel. In den folgenden Jahren, am Samstag, stand das Haus der Schramms immer offen, jeder Athlet konnte zum Kaffee und Kuchen vorbeikommen. Am Sonntag sprangen sie dann auf der kleinen Anlage am Fuß des Weinbergs, dem Sieger karrten sie eine Ladung Wein vors Podium, pro Kilo Körpergewicht eine Flasche. Keine allzu folgenreiche Investition bei den feingliedrigen Springern. "Die Athleten waren bei uns nie bloß eine Startnummer", sagt Schramm, "sie waren immer willkommen". Die Athleten und das Publikum, das nahe dran war, schmiedeten in dieser flirrenden Atmosphäre oft einen Pakt, dank dem die Springer besonders erfolgreich gegen die Schwerkraft rebellierten. Der Pole Jacek Wszola (2,35/1980) und der Chinese Zhu Jianhua (2,39/1984) sprangen Weltrekord, der Kubaner Javier Sotomayor, später wegen Dopings sanktioniert, flog über 2,40 Meter. Die Frauen durften 2002 endlich mitmachen, die Schwedin Kajsa Bergqvist schaffte im Jahr darauf 2,06 Meter.

"Unser Ruf ist weltweit unglaublich", sagt Schramm heute, "aber vor der eigenen Tür wurde es immer schwerer." Das ärgert ihn dann doch: Dass Sponsoren zuletzt fernblieben, weil das Fernsehen nicht mehr übertrug, wie früher, sondern lieber Fußball-Regionalliga zeigte. Zuletzt beauftragten sie in Eberstadt eine eigene Film-Crew, das Bildmaterial boten sie den TV-Sendern an. Die Kosten? Habe man bestenfalls zur Hälfte eingespielt, sagt Thomas Zimmermann, der Pressechef des Meetings. Manche Sender hätten um 100 Euro hin- und hergefeilscht. Sorry, habe es geheißen, man müsse sparen, und die Leichtathletik sei nun mal eine Randsportart.

Selbstläufer gibt es längst nicht mehr für Olympias Kernsportart. Jenseits des Berliner Istafs und des Mehrkampfmeetings in Ratingen sind viele Sammelpunkte weggebrochen, Köln, Koblenz, Rhede, Biberach, Cuxhaven, Kassel, Cottbus ... Die Gründe sind vielfältig, aber viele Meeting-Chefs klingen wie Kurt Ring, der seit Jahren das liebevoll organisierte Sportfest in Regensburg betreut: "Die Veranstaltungen werden immer professioneller aufgebaut", sagt er, mit eigenem Livestream und anderen Anforderungen. Wer international mitspielen will, müsse mit 500 000 Euro planen, mindestens. Das Interesse von Sponsoren, Publikum und Helfern halte sich derweil immer mehr in Grenzen. Eberstadt wurde bereits von dieser kühlen Logik des Kommerzsports überrollt, dabei waren sie mit die ersten, die das einführten, was jetzt als Rettung der Leichtathletik gilt: eine Disziplin aus dem Stadion zu den Leuten bringen, die Athleten in den Mittelpunkt rücken. Ulrich Hobeck, der Vorsitzende der German Meetings, die einst 24 und bald 13 Events unter sich vereinen, sagt: "Eberstadt war ein Gigant der Leichtathletik." Aber wenn selbst die Giganten in die Knie gehen, was sage das über den Stellenwert der Leichtathletik in Deutschland aus?

Manche Meetings entwickeln sich gut, Stabhochsprung am Tegernsee, das junge Meeting in Tübingen. Und die EM hat eine kleine Welle erzeugt, die vielleicht manch anderen Standort vitalisiert. Für Eberstadt kommt das zu spät. Ab Montag, nach der 40. Auflage, wird noch viel Zeit sein für ein bisschen Wehmut.