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Hansa Rostock:Endspiel

Einst ein Leuchtturm des ostdeutschen Fußballs, geht es Hansa Rostock schon lange schlecht. Der jüngste Rettungsversuch ist ein Lehrstück, wo die Hingabe von Fans an kalte Grenzen stößt.

Beim ersten Mal war Roman Päsler zwölf. Sein Vater nahm ihn an der Hand auf dem Weg ins Ostseestadion. Sie hatten Tribünenplätze jenseits der Kurve, in der die Fans so dicht zusammenstanden, dass sie aussahen wie ein brüllendes, weiß-blaues Ungeheuer. Hansa spielte mit der Frechheit des Bundesliga-Neulings, die den jungen Päsler damals auf geheimnisvolle Art berührte. Zwei Jahre später zog er mit Freunden los. Sie stiegen die Steintreppe zur Fankurve hinauf, und dort, wo die weiß-blaue Menge in wilder Verzückung tanzte, erlebte Päsler zum ersten Mal dieses Gefühl von Gemeinschaft und Hingabe, das ihn nicht mehr losließ.

"Hansa! Hansa! Hansa!" So schallten ihre Gesänge durchs Rund.

Bald hatte er eine Jahreskarte. Bald reiste er auch zu den Auswärtsspielen. Bald verging kein Tag ohne einen Gedanken an Hansa Rostock. Päsler wurde das, was andere einen Ultra nennen: ein Fan, der so verwächst mit dem Verein, dass seine Seele ein Teil der Vereinsseele wird. Und deshalb steht Roman Päsler, 32, auch jetzt treu zum FC Hansa, da dieser im Hinterfeld der dritten Liga angekommen ist und unter erdrückenden Schulden ächzt.

Fans wie er bringen Gefühle ins Stadion. Sie spüren aber auch, wenn ihr Verein Hilfe braucht

Hansa Rostock ist nicht irgendein Fußballverein. Hansa war ein Leuchtturm des deutschen Ostens in einer Zeit, in der es dort kaum Leuchttürme gab. Der letzte Meister der DDR-Oberliga. Der erste Ostklub, der nach der Wende beim FC Bayern gewann. Von 1995 bis 2005 spielte Hansa als einziger Ostklub in der Bundesliga. Es gibt Hansa-Fanklubs in ganz Deutschland. Und in ganz Mecklenburg-Vorpommern leuchten gesprühte Bekenntnisse zur Mannschaft. "Hansa!" - "FCH!" Wie stille Schreie nach Anerkennung, in denen aber längst auch Verzweiflung schwingt. Hansa geht es seit Jahren schlecht. Und die Geschichte vom neuesten Rettungsversuch ist ein Lehrstück, wie die Hingabe der Fans zwischen kältere Interessen geraten kann.

Päsler hat Angst um Hansa, und diese Angst ist nicht irgendeine Angst. Fans wie er geben den Vereinen ihren Puls. Sie bringen die Gefühle ins Stadion. Sie spüren aber auch, wenn ihr Verein Hilfe braucht - oder wenn es Zeit wird für einen Wechsel. Päsler und die anderen Ultras hatten es irgendwann satt, ständig die Pleite fürchten zu müssen. Sie wollten eine sichere Zukunft. Und sie wollten sich dafür als das einbringen, was sie auch sind: Vereinsmitglieder mit Stimmrecht. "Wir wollten mitgestalten", sagt Päsler, "klingt ein wenig nach Demokratie, nicht wahr?"

Päsler ist Vorsitzender des Vereins "Fanszene Rostock". Als solcher kämpft er selbst. Manchmal aber fühlt er sich auch wie der Betrachter eines verwirrenden Figurentheaters, in dem lauter Hansa-Fans auftreten und trotzdem eine Art Krieg herrscht. "Da zerren tausend Leute am Verein", sagt Päsler, "was soll der Einfluss bezwecken? Ist er für den persönlichen Erfolg? Oder geht es wirklich um Hansa?"

Rostocks Fans haben keinen guten Ruf. Es gibt gewaltbereite Leute unter ihnen. Und der Begriff Ultra ist auch nicht positiv besetzt. Aber Päsler passt nicht ins Bild vom Fußball-Krawallo. Er ist ein schmaler Mann, sanfte Stimme, grauer Hansa-Kapuzenpulli. Er hat eine Heiz- und Sanitär-Firma, für die er werktags durch die Republik saust. In seiner Heimatstadt Gnoien sitzt er für die CDU in der Stadtvertretung. Er engagiert sich in der Kirchengemeinde. Er trinkt kein Bier. Und Gewalt? "Gibt es, aber das ist nicht mein Fan-Leben."

Ultras misstrauen Geschäftsleuten und Autoritäten, weil sie befürchten, dass diese ihren Verein und damit auch ein Stück ihrer Seele aufkaufen. Aber Päsler gehört zu denen, die wissen, dass Ablehnung allein Hansa nicht rettet. Er ist ein Brückenbauer zwischen den Leuten in der Kurve und den Entscheidern. Wer die Ultras auf seiner Seite haben will, braucht Päsler, und deshalb war es folgerichtig, dass Hansas Vorstandsvorsitzender Michael Dahlmann Päsler Anfang 2015 bat, ein Treffen mit Vertretern der verschiedenen Fan-Strömungen zu organisieren. Er habe da eine Idee, um Hansa schuldenfrei zu bekommen.

FUSSBALL: BAYERN MUENCHEN

Der Abstiegskandidat Hansa Rostock kommt ins Münchner Olympiastadion und Jonathan Akpoborie (l.) glückt der Treffer zum 1:0-Sieg. Danach muss Bayerns Trainer Rehhagel gehen.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Dahlmann, 38, kommt aus dem Ruhrgebiet. Aber er war schnell beliebt bei den Hansa-Fans. "Er ist bodenständig", sagt Päsler. Dahlmann war in Recklinghausen, Rostock und Potsdam als Sanierer städtischer Unternehmen tätig, als ihn vor drei Jahren Hansas Hilferuf erreichte. Dahlmann, einst ein Vertrauter des Rostocker Oberbürgermeisters Roland Methling, prüfte die Lage und stellte fest: "Der Verein ist eigentlich tot."

Noch heute staunt er über das ruinöse Gebilde, das der Drittligist damals abgab: 32 Millionen Euro Schulden, Kostenstrukturen, als verfüge der Klub noch über die Einnahmen eines Erstligisten, und die Hooligans prügelten Hansas Image kaputt. Dahlmann übernahm unter der Bedingung, dass die Gläubigerbank die Zinsen aussetzte. Das und ein Benefizspiel gegen den FC Bayern halfen. Im Jahr darauf verhalf eine Landesbürgschaft zu einem Schuldenschnitt.

Doch der Kampf ging weiter. Die rund 20 Millionen Euro Schulden bei der DKB-Bank wegen des zu Bundesligazeiten umgebauten Stadions waren ja noch da. Außerdem mussten die Einnahmen rauf. Dahlmann erneuerte Verwaltung und Marketing, leitete Einsparungen ein, ging auf die Fans zu, was ihm den Vorwurf von Politik und Polizei einbrachte, er stehe den Ultras zu nahe. Und von der Bank gab es finstere Signale. In dieser Phase rief Dahlmann Päsler an. Weil er diese Idee hatte und vor allem: einen passenden Investor.

Ultras mögen keine Investoren. Aber Dahlmann hatte einen, der nicht nur reich war, sondern auch Hansa-Fan. Rolf Elgeti, 39, kommt aus Broderstorf bei Rostock. Sein Vater, ein Landwirt, nahm ihn als Kind mit ins Ostseestadion. Es folgten Einser-Abitur, Schnellstudium, Anfänge bei der Londoner UBS-Bank, Aufstieg zu einem der besten Finanzanalysten Europas, Wechsel in die Immobilienbranche.

Elgeti ist ein virtuoser Kapitalist, den kein Geraune über seine Geschäfte bisher so richtig entzaubern konnte. Als Vorstandschef machte er die Firma TAG in fünf Jahren zu einem deutschen Immobilien-Riesen. Über Hansa sagt er: "Das ist die Heimat." Wenn man Elgeti fragt, ob Hansas verfahrene Lage nicht auch seinen sportlichen Ehrgeiz als Profi-Geldvermehrer wecke, sagt er: "Ja. Klar."

Elgeti wollte der DKB-Bank die Schulden aufs Stadion abkaufen, um Hansa später etwas davon zu erlassen. Voraussetzung: Die Profi-Abteilung wird unter dem Dach des Vereins ein eigenes Unternehmen, an dem Elgeti als Sicherheit für sein Darlehen Anteile besitzt und das einen präzisen Sanierungsplan umsetzt. Diese Ausgliederung mit dem Investor Elgeti war die Idee, die Dahlmann den Ultras vorstellen wollte. Es war nicht einfach.

Ausgliederung ist ein Hass-Wort für Ultras. Es steht für die Machtübernahme der Geldleute. "Vor einem Jahr hätte man das Wort vor den Fans nicht mal aussprechen dürfen", sagt Päsler. Aber Dahlmann traf den Ton. Hansas Profi-Abteilung soll eine Kommanditgesellschaft auf Aktien werden nach dem Beispiel von Borussia Dortmund. Der Verein und seine Mitglieder sind Hauptgesellschafter mit 55 Prozent der Aktien, der Investor trägt 45 Prozent. Elgeti investiert in Hansas Überleben, er bekommt etwas für sein Geld, aber die meiste Macht bleibt beim Verein. Den Ultras leuchtete das ein.

Im Mai kamen sie in großer Zahl zur Mitgliederversammlung. Harald Ahrens, der Aufsichtsratsvorsitzende, hielt eine Ansprache. Dahlmann legte die Einzelheiten dar. Elgeti stellte sich vor. Dann wurde über die Ausgliederung abgestimmt. 1488 Mitglieder waren dafür, zehn dagegen. Elgeti kaufte die Schulden und bereitete den Forderungsverzicht vor. Dahlmann begann, den Beschluss umzusetzen.

Wenig später entging Hansas Team knapp dem Abstieg. Und weil wieder die Lizenz in Gefahr war, bat Dahlmann Elgeti um schnelle Hilfe. Elgeti stellte weitere vier Millionen Euro zur Verfügung. Die endgültige Rettung wurde greifbar. "Der Ball lag auf dem Elfmeterpunkt und der Torwart in der anderen Ecke", sagt Päsler, "und dann grätscht uns einer aus der eigenen Mannschaft um."

Harald Ahrens wirkt angeschlagen. Aber das soll nicht an der Gesamtsituation liegen. Ahrens, 64, hat Schnupfen. Es ist ein heller Tag im Oktober, und was im Mai so geordnet wirkte bei Hansa, ist wieder in heilloser Unordnung. Als Aufsichtsratschef hat Ahrens die neuen Darlehensverträge nicht genehmigt. Er fühlt sich "hinters Licht geführt". Ihn überraschte, dass sich Hansas Schulden kaum verändert hatten, seit Elgeti sie von der DKB für 7,5 Millionen Euro gekauft hatte. Damit Elgeti Schulden hätte erlassen können, hätte Hansa ja auch erst dessen Verzichtserklärung annehmen müssen. Aber auch die lehnte Ahrens ab, nachdem Elgeti den Schritt zeitweise an eine Vertragsverlängerung für Dahlmann geknüpft hatte. Das gehe "aus satzungstechnischen Gründen nicht", sagt Ahrens.

Ahrens scheint der Widerspruch nicht zu stören, und in der Öffentlichkeit ging er unter, weil Ende September ein heftiges Gewitter über Hansa hereinbrach. Die Bürgerschaftsabgeordnete Sybille Bachmann vom Rostocker Bund leitete aus den Verträgen Anzeigen gegen Dahlmann und Elgeti ab, unter anderem wegen "Vermögensgefährdung". Dahlmann trat als Vorstandsvorsitzender zurück nach enthüllenden Berichte in NDR und Ostseezeitung. Diese gingen auf E-Mails zurück, die jemand mit Zugang zu Dahlmanns Computer kopiert und anonym verteilt hatte. Die E-Mails zeigen, dass Dahlmann, Elgeti und Päsler Ahrens drängten, Elgetis Schuldenverzicht zuzustimmen. In einer schrieb Päsler: "Er hat eine Woche Zeit zurückzutreten . . . Danach ist der vogelfrei und wir drehen dann auf." Drohte er mit Gewalt? Ahrens sagt: "Es gab auf meine Person schon sehr viel Druck." Er rede nicht mehr darüber.

"Vogelfrei heißt nur, wir unterstützen dich nicht mehr": Ist das wirklich glaubhaft?

Päsler wundert sich. Wer hat die E-Mails geklaut? Zu dem Vogelfrei-Satz, sagt er, so rede er nun mal im Freundeskreis: "Vogelfrei heißt nur, wir unterstützen dich nicht mehr." Er hat Ahrens geschrieben: "Wenn du das als Bedrohung aufgefasst hast, entschuldige ich mich." Aber weiterhin kommt es ihm so vor, als sei der Aufsichtsrat im Kampf um die Hansa-Rettung erst so richtig aktiv geworden, als es darum ging, etwas zu verhindern. "Der Aufsichtsrat wollte nicht das umsetzen, was die Mitgliederversammlung entschieden hat."

Warum? Aus Eitelkeit? Wegen einer privaten Fehde? Oder weil jemandem die Sanierungsstrategie der Ausgliederungsbetreiber zu weit ging? Dahlmann und Elgeti wollten das Vereinsgrundstück wirtschaftlicher nutzen, zum Beispiel mit Mietwohnungen. Aber in Rostock, so heißt es, haben es die Platzhirsche nicht gerne, wenn Zugereiste ihren Grund aufwühlen. Ahrens, zu DDR-Zeiten Spieler und Trainer bei Hansa, hat eine Firma, die Grundstücke kauft und entwickelt. Er gehört zu einem Freundeskreis aus Rostocker Unternehmern und Anhängern des Bürgermeisters Methling, in denen viele einen sogenannten "Rostocker Klüngel" vermuten. Ahrens dementiert die Theorie, wonach es eine Intrige aus diesem Freundeskreis gebe. Ob er andere Investoren als Elgeti an der Hand habe? Ahrens antwortet nur bei ausgeschaltetem Aufnahmegerät.

Und jetzt? Hansas Mannschaft stolpert durch die dritte Liga. Der Herbststurm ist abgeflaut, aber das Bild bleibt verworren. Verlieren die Fans ihren Verein an die Seelenverkäufer aus der eigenen Stadt? Oder gelingt die Rettung so, wie sie es wollten?

Dahlmann ist jedenfalls weg. Es sind Fehler herausgekommen, die er nicht wegreden konnte. Immerhin, die Verträge aus seiner Zeit waren in Ordnung, das hat Chris Müller gesagt, Rostocks Finanzsenator, Dahlmanns Interims-Nachfolger. Es gibt jetzt ein Sanierungsprogramm, außerdem haben sich Verein und Elgeti auf den Forderungsverzicht im Falle der Ausgliederung geeinigt. Er bringt Hansa 1,2 Millionen weniger als jener, den Ahrens noch abgelehnt hatte; Elgeti bestätigt das. Ahrens ist auch weg. Anfang November gab es eine sehr laute, elfstündige Mitgliederversammlung, auf der er den Gegenwind spürte und sich zurückzog. Bald danach kündigte der Sponsor "Wohnungsgenossenschaft Union Rostock" seinen Absprung an.

Der Verein hat Strafanzeige gegen unbekannt erstattet wegen der geklauten Mails. Der neue Vorstandschef ist Markus Kompp, 33, bisher Sportvorstand beim Regionalligisten BSV Schwarz-Weiß Rehden.

Und Päsler? Päsler rätselt weiter, in welches Spiel er da hineingeraten ist. Fußball ist es jedenfalls nicht.

© SZ vom 03.12.2015
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