Handballer des SC Magdeburg:Die meinen das ernst!

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Handballer des SC Magdeburg: Der Magdeburger Gisli Kristjansson (Mitte) setzt sich auch in großer Bedrängnis gegen zwei Berliner durch.

Der Magdeburger Gisli Kristjansson (Mitte) setzt sich auch in großer Bedrängnis gegen zwei Berliner durch.

(Foto: Ronny Hartmann/dpa)

Die Handballer des SC Magdeburg überwinden die erste Schwächephase der Saison und werden wohl tatsächlich deutscher Meister.

Von Nelis Heidemann

Bennet Wiegert musste sich rechtfertigen, das tut kein Trainer gerne. "Das Glas darf bei uns nicht halbleer sein, das wäre falsch", sagte der Coach des SC Magdeburg beim Fernsehsender Sky. Positiv müsse man nun denken, was wiederum nicht gegen die kritischen Medien gemeint sei. Er selber zweifle sonst viel zu oft, erklärte er dem Sender: "Ich tendiere mehr dazu als ihr vielleicht."

Die Situation der Magdeburger Handballer ist nicht ganz einfach gewesen in den vergangenen Tagen, was für einen überraschenden, aber unangefochtenen Tabellenführer mit aktuell 48:4 Punkten schon bemerkenswert ist. In der Öffentlichkeit wurde über einen Leistungseinbruch des Spitzenreiters diskutiert, und offenbar, das wurde an Wiegerts Äußerungen deutlich, haben sie auch selbst mit sich gerungen.

Das Glas war aber halbvoll, davon ließ sich Wiegert vor dem Topspiel gegen die Füchse Berlin nicht abbringen. Dieses Bild hätte bei einer Niederlage rechtmäßig in Frage gestellt werden können, der Tabellenführer wankte auch, wie öfters in den vergangenen Wochen, fiel aber nicht. Magdeburg gewann mit 28:27, und jetzt deutet immer mehr auf überschäumende Krüge hin, wenn die Magdeburger am Ende der Saison die zweite Meisterschaft ihrer Vereinsgeschichte, die erste nach dem Coup 2001, feiern werden.

Magdeburg besiegte erst Flensburg, dann Kiel - und auch den Ost-Rivalen aus Berlin

"Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das ich erstmal verarbeiten muss", sagte Wiegert, wobei das auch ziemlich treffend als Gefühlsbeschreibung für diverse Auftritte in dieser Spielzeit herhalten könnte. Zur Erinnerung: Magdeburg war als Außenseiter in die Saison gestartet, dem sehr wohl der Einzug ins internationale Geschäft, aber keinesfalls die Meisterschaft zugetraut wurde. Dass Wiegerts Spieler zum Saisonstart alles gewannen, wurde im Rest der Republik anerkennend wahrgenommen. Es überwog aber die Auffassung, dass sich das schon irgendwie fügen werde und am Ende doch Kiel und Flensburg die Meisterschaft unter sich ausmachen würden, wie in den vergangenen vier Jahren auch.

Dann fuhr der SCM zum IHF Super Globe, für die Klub-WM hatten die Magdeburger sich als Sieger der European League qualifiziert. Im Finale räumten sie deutlich den Champions League-Sieger FC Barcelona ab, was in Deutschland aufhorchen ließ: Verdammt, die meinen das ernst!

Magdeburg kam nach Hause, besiegte nacheinander Flensburg und Kiel, wenig später den Ost-Rivalen aus Berlin - und hatte seinen Status als Überraschungsteam gegen den einer dominanten Spitzenmannschaft getauscht. Erst nach Weihnachten, im Rückspiel gegen Flensburg, kassierte das Wiegert-Team die erste Niederlage, war da aber eben schon an der Spitze der Liga enteilt. Kiel und Flensburg patzten immer wieder gegen kleinere Mannschaften, auch die Berliner konnten nicht Schritt halten.

Bis Ende März gaben die Magdeburger keinen einzigen Punkt mehr ab, bis sich Rekordmeister THW Kiel zum Rückspiel in der stets stimmungsvollen Magdeburger Arena vorstellte. Kiel triumphierte, Wiegert erkannte nachher an, dass dieses Spiel vielleicht "für uns auch zu emotional" gewesen sei. Erstmals schlich sich der leise Verdacht ein, dass sein Team in den großen Spielen ja vielleicht doch anfälliger sein könnte als gedacht.

Das Magdeburger Restprogramm ist eher einfach - die Meisterschaft scheint entschieden zu sein

Würde die Saison noch einmal kippen? Allzu oft ergibt sich eine solche Gelegenheit für Teams wie Magdeburg in der Bundesliga nicht. Sie müssen zur Stelle sein, wenn sich die strukturell überlegenen Teams aus Kiel und Flensburg eine schwächere Spielzeit leisten - und dann durchhalten, bis zum Schluss. Daran sind schon manche Klubs gescheitert. Magdeburg hatte im Laufe der Saison mit einem schnellen und attraktiven Spielstil alle verzaubert, doch in den entscheidenden Phasen der großen Partien war davon plötzlich nicht mehr viel zu sehen. Das Pokalfinale gegen Kiel ging deutlich verloren (21:28), auch im Viertelfinal-Hinspiel der European League gegen Nantes hatte der SCM arge Probleme, wie nun auch in der Liga gegen Berlin.

Magdeburg wackelte also, fiel aber nicht. Bei den knappen Siegen gegen Nantes und Berlin zeigte die Mannschaft jene psychische Widerstandskraft, die es wohl braucht, um Titel zu gewinnen - auch wenn der Handball nicht mehr ganz so zauberhaft daherkommt wie in der ersten Saisonhälfte. In der Tabelle sind die Magdeburger weiterhin sechs Zähler voraus, das Restprogramm hält keine ganz schweren Brocken mehr bereit, die Meisterschaft ist wohl entschieden. Das wurde am Sonntag mit den Fans bereits gebührend gefeiert - überhaupt könnte Magdeburg die neue Party-Hauptstadt der Republik werden, die Fußballer des 1. FC Magdeburg haben mit ihrem Aufstieg in die zweite Bundesliga vorgelegt.

Und manch einer hofft sogar, dass die Spitze des deutschen Handballs längerfristig auf drei Teams wachsen könnte: Kiel und Flensburg verlieren gerade ihre Ausnahmekönner an die skandinavischen Topklubs Aalborg und Kolstad IL, in Magdeburg läuft's andersherum: Zu gerne hätte Aalborg den dänischen Weltmeister-Kreisläufer Magnus Saugstrup zurückgeholt, den der SCM vor der Saison verpflichtet hatte. Doch Magdeburg machte das Rennen, Saugstrup verlängerte: sogar vorzeitig bis 2026.

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