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Handball:An der Schmerzgrenze

SG Flensburg-Handewitt - TVB Stuttgart

Macht sich stark gegen die WM: Flensburgs Trainer Maik Machulla (rechts, daneben Nationalspieler Franz Semper) plädiert für eine Verschiebung.

(Foto: Frank Molter/dpa)

Furcht um die Gesundheit der Spieler: Der Widerstand in der deutschen Szene gegen die Männer-Weltmeisterschaft Anfang 2021 wird größer.

Von Joachim Mölter

Der Bundesliga-Betrieb der Handballerinnen wird jetzt für vier Wochen stillgelegt, aber nicht wegen neuer Corona-Beschränkungen. Am Montag treffen sich die Nationalspielerinnen mit ihrem Trainer Henk Groener in Frankfurt, um sich auf die Europameisterschaft vorzubereiten, von der noch gar nicht sicher ist, ob sie überhaupt stattfindet. Ursprünglich war das Turnier vom 3. bis 20. Dezember in Dänemark und Norwegen geplant, doch wegen steigender Infektionszahlen und nationaler Vorsichtsmaßnahmen hat Norwegens Verband die Ausrichtung kurzfristig zurückgegeben. Nun versuchen die europäische Föderation EHF und der dänische Verband DHF, das Turnier eben in lediglich einem Land zu organisieren. "Jeder weiß, was für eine enorme Aufgabe das ist", ließ EHF-Generalsekretär Martin Hausleitner in einer gemeinsamen Mitteilung wissen. Darin versicherte der dänische Verbandschef Per Bertelsen: "Wir tun unser Möglichstes, um diese Meisterschaft in Dänemark abzuhalten."

Das Turnier abzusagen oder auch nur zu verschieben, ist anscheinend nicht im Gespräch. Das unterscheidet die Handballerinnen gerade von den Handballern.

Denen steht ebenfalls ein internationales Turnier bevor, die Weltmeisterschaft, geplant vom 13. bis 31. Januar in Ägypten. Dagegen wächst hierzulande Widerstand.

Die jüngste Wortmeldung kam am Wochenende von Maik Machulla, dem Coach der SG Flensburg-Handewitt. "Wir müssen darüber nachdenken, alle internationalen Großveranstaltungen um ein Jahr nach hinten zu verschieben", sagte der 43-Jährige in einem am Samstag erschienenen Interview der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten. Bei der Gelegenheit schlug der Meistertrainer von 2018 und 2019 einen neuen Turnierrhythmus vor: "Ich bin dafür, eine WM und EM wie im Fußball jeweils nur alle vier Jahre stattfinden zu lassen." Momentan finden wegen der Zwei-Jahres-Zyklen von WM (ungerade Jahre) und EM (gerade) jährlich Großereignisse im Handball statt; in Olympia-Jahren sind es sogar zwei.

Machulla ist mit seiner Forderung nicht allein, vor allem Rekordmeister THW Kiel wehrt sich seit Monaten gegen die Männer-WM. "Wir als THW Kiel würden eine Verschiebung begrüßen. Die weltweite Situation lässt ein solches Turnier momentan einfach nicht zu", bekräftigte Geschäftsführer Viktor Szilagyi die Haltung gerade erst dem Sport-Informations-Dienst. Etliche THW-Nationalspieler wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Steffen Weinhold und Domagoj Duvnjak hatten sich bereits ähnlich geäußert.

Dem gegenüber steht in der Handball-Bundesliga (HBL) auch eine Fraktion von WM-Befürwortern. Dazu gehören Funktionäre wie Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin und Vizepräsident im Deutschen Handballbund (DHB), aber auch prominente Nationalspieler wie Kapitän Uwe Gensheimer und der frühere Weltmeister-Torwart Johannes Bitter. "Jedes Jahr haben wir ein Millionenpublikum vor den Fernsehern, das hilft unserer Sportart enorm", erinnerte Gensheimer jüngst.

Die jeweiligen Beweggründe sind verständlich: Die Spitzenklubs bezahlen die Profis und fürchten, ihre Angestellten krank zurückzubekommen vom Nationalteam, so wie es neulich nach EM-Qualifikationspartien schon passiert ist. Die Spieler fürchten wahlweise um Gesundheit oder Geld, mitunter um beides. Die internationalen Verbände bangen um ihre finanzielle Basis, die sie in der Regel mit dem Verkauf von TV- und Sponsorenrechten legen.

"Natürlich geht es immer ums Geld", weiß Machulla, "aber wirtschaftlichen Zwängen unterliegen wir alle. Es geht auch darum, Kompromisse einzugehen." Doch das ist ein Dauerproblem im Handball: Abstriche sollen immer nur die anderen machen. Die Branche klagt seit Jahren über einen übervollen Kalender, der die Belastung der Spieler bis an die Schmerzgrenze erhöht. In dieser Corona-Saison kommt hinzu, dass infektionsbedingt bereits Spiele abgesagt wurden und schon jetzt kaum noch Spielraum für Nachholtermine ist. Bislang zeigen aber weder die internationalen Verbände noch die HBL den Willen, ihr Programm oder ihre Teilnehmerzahlen zu reduzieren, um für Entlastung zu sorgen.

Da hilft es dann auch wenig, dass sich angesichts der Pandemie im Grunde alle einig sind. "Es geht in dieser Saison um viel, viel mehr als Platz eins, zwei oder drei", hat es Maik Machulla formuliert: "Es geht darum, dass die Sportart, die wir so lieben, am Leben bleibt."

© SZ vom 23.11.2020
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